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urbanoREVIEW

urbanoREVIEW ist unsere Rezensionsreihe, in der wir Bücher, Webprojekte, Zeitschriften oder andere Medien aus urbanophiler Sicht rezensieren.

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Rezension: „Die Welt des Baedeker – Eine Medienkulturgeschichte des Reiseführers von 1830 bis 1945″ von Susanne Müller

In E. M. Fosters Roman „Zimmer mit Aussicht“, verliert die Protagonistin, eine englische Adlige namens Lucy Honeychurch, bei der Besichtigung der Franziskaner-kirche Santa Croce in Florenz zu erst ihre fachkundige Reisebegleitung und dann auch noch den Baedeker. Unvorstellbar, doch Lucy Honeychurch war somit orientierungslos in einer für sie fremden Stadt und nicht zuletzt einer fremden Welt, in die sie sich fortan vorsichtig hineintastete.

Das wohlbehütete Mädchen reicher Eltern war auf einer, der für das ausgehende victorianische Zeitalter üblichen Bildungsreisen, um sich an den Schönheiten Italiens zu ergehen und voller Eindrücke nach Kent, ins ländliche Tunbridge Wells zurückzukehren und zu heiraten. Das Reisen, gemeint ist hier nicht das touristische Unterwegssein, sondern das monatelange an einem Ort Verweilen, gehörte zum Selbstverständnis und über lange Zeit zum Privileg einer adligen Klasse, die sich allerdings zusehends mit der bürgerlichen Schicht und deren ganz anderen Lebens- und Reiseverständnis, konfrontiert sah.

Dieses aufkommende Bürgertum veränderte das Reisen, vor allem das Bildungs-reisen, stark und somit auch den Habitus und die Medien des Reisenden. Es eignete sich zwar die oberflächlichen Verhaltensweisen des Reisens an, allerdings eher im Sinne einer Travestie, denn er konnte aufgrund eingeschränkter Finanzkraft nur sehr kurz an den schönen und kulturell wichtigen Orten Verweilen, wollte aber in dieser Zeit das Wesentliche des Ortes erleben und dessen Sehenswürdigkeiten „abarbeiten“. Müller spitzt den neuen Habitus des Reisenden trefflich mit dem Bild „Engländer in der Campagna“ von Carl Spitzweg zu, das auch auf dem Cover abgebildet ist – vertieft in Medien unterschiedlichster Art „bereisen“ eine Gruppe Engländer die italienische Campagna und erschließen sie nicht mehr aus ihnen selbst heraus, sondern gestützt auf Vermittlungs- und Dokumentationsmedien.

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Rezension „GLEISDREIECK BERLIN 2012 – Kunst im Öffentlichen Raum“ herausgegeben von Francine Eggs, Andreas Bitschin und Marvin Altner

Seit Wim Wenders diesem verwunschenen Ort, der Teilungswunde zwischen den Welten, in „Himmel über Berlin“, damals noch von West-Berliner Seite, ein Denkmal gesetzt hat und das Gleisdreieck im Film 80.000 Shots immerhin noch eine tragende Nebenrolle abbekommen hat, ist dieses Areal einer meiner Lieblingsorte in Berlin.

Nach langer Brach-Zeit und vielen unterschiedlichen Zwischennutzungen (von denen die Driving Range sicher eine der coolsten war) wurde seit 2005 geplant und letztes Jahr der erste Teil des neuen Parks am Gleisdreieck eröffnet.

2013 soll der letzte Teil, der Westpark der Bevölkerung übergeben werden, womit das ehemals als Landwirtschaftsfläche, Güterbahnhof, Bahnstrecke und Logistikfläche für den Umbau des Potsdamer Platzes in den 1990er Jahren genutzte und brachgefallene Areal nahezu komplett als Park- und Erholungsfläche be- und überplant wurde. Es wurde das größte Freiraumprojekt Berlin der letzten Jahrzehnte, das zwischen Schöneberg und Kreuzberg eine grüne Verbindung schaffen soll, die die Geschichte aber auch die Zukunft des Ortes im Blick hat.

 

Kunstprojekt GLEISDREIECK BERLIN 2012

Abb.: Jovis Verlag

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Rezension “CoHousing Cultures” von id22

Abb. jovis-Verlag

Das Buch „CoHousing Cultures. Handbuch für selbstorganisiertes, gemeinschaftliches und nachhaltiges Wohnen“ nimmt sich dem spannenden Thema Zusammenleben in Gemeinschaft an und stellt dies in einen europäischen Kontext . Anhand von neun Beispielen wird im Text und mit Bildern erläutert, welche verschiedenen Modelle heutzutage schon realisiert und wie diese organisiert sind. Die Spannweite reicht dabei von einem ökologischen und bezahlbaren Projekt wie L’Espoir in Brüssel über Baugemeinschaften im Mühlenviertel in Tübingen bis hin zu integrativem Wohnen für Menschen mit und ohne Behinderungen in OstellOlinda in Mailand.

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Rezension „Hoyerswerda – Die Schrumpfende Stadt“ von Stefan Boness

Heute vor 21 Jahren, am 17. September 1991, begann in Hoyerswerda mit einer regelrechten Jagd auf ansässige vietnamesische Händler ein einwöchiger Horrortrip, der bundesweit über die Fernseher in die Wohnzimmer übertragen wurde. Es konnte live dabei zugesehen werden, wie eine kleine Gruppe Rechtsradikaler, gestützt und geschützt von einer sehr großen Gruppe Sympathisanten, in aller Ruhe einen Wohnblock im Plattenbauviertel Wohnkomplex V angriff und unter einschlägigen Parolen Brandsätze gegen die Fassaden und in die eingeworfenen Fenster schmiss.

Diese Bilder werden noch Generationen in den Köpfen der Menschen bleiben und vor allem, sie werden untrennbar mit dem Wohntyp Plattenbau und dem Modell der Neustädte, vor allem in den neuen Bundesländer verbunden sein.

Abb. Jovis Verlag

Was an diesen Bildern aber besonders auffällig wurde, eine Gesellschaftsutopie wendete sich in kürzester Zeit in ihr Gegenteil und die in ihr geschaffene Architektur, als materialisierte Gesellschaftsform gesehen, konnte diesen Prozess nicht kompensieren. Die Platte gilt seit her als architektonischer und das Plattenbauviertel als städtebaulicher Problemfall, der besser so schnell wie möglich beseitigt werden sollte. Darüber hinaus ist die Platte ein Symbol für das Scheitern einer Idee, einem Versprechen der Moderne, die in den schillernsten Farben ausgemalt hat, dass über Architektur eine gute Gesellschaft herstellbar sei.

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Buchrezension: “Die Geschichte von der guten Stadt” von Mara-Daria Cojocaru

Das vorliegende Buch über die „Geschichte von der guten Stadt“ ist ein bemerkenswerter Zugang im Nachdenken über Stadt und Stadtgesellschaft heutzutage, nähert sich Mara-Daria Cojocaru doch von einer für Stadtplaner und Architekten unüblichen Richtung dem Thema, nämlich über die Gedankenwelt der politischen Philosophie. In der langen Tradition der Stadttheoretiker ist dies insofern von doppelter Spannung, als dass, so die Autorin, sowohl die politische Philosophie die Stadt in der Regel ausklammert, wie auch, so die Erfahrung, die Stadtplanung und -entwicklung solche Zugänge nur in Ausschnitten aufnimmt. Der Zugang zur Stadttheorie wird über ein Zitat von Jürgen Habermas hergestellt, in dem er feststellt, dass sich der „Begriff der Stadt selbst überholt“ sei und dass sich die hiermit verbundene Lebensform mittlerweile überholt habe. Diesem Gedanken weiter folgend, entwickelt die Autorin nachgehend ein Analyseverfahren, wie eine neue Normativität vom guten Zusammenleben in der Stadt anhand von (utopischen) Erzählungen aufgespürt werden kann und inwiefern diese Ergebnisse für eine Weiterentwicklung von städtischen (Lebens-)Gemeinschaften nutzbar gemacht werden könnten.

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