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stadtnachacht.de – Ein Blogportrait

 

Die Charaktereigenschaften des modernen Urbanen werden bedeutend vom Nachtleben der Städte definiert. Städte mit einem intensiven Angebot nächtlicher Freizeit- und Kulturaktivitäten gelten als attraktiv und lebenswert. Gleichzeitig werden Bestandteile einer „urbanen Nachtökonomie“ zunehmend Opfer von Verdrängungsprozessen – vielerorts wird ein Verlust von Clubkultur befürchtet. Die (deutsche) Stadtplanung und -forschung hat diesem ambivalenten Themenfeld bisher nur wenig Beachtung geschenkt. Der Blog „Stadtnachacht“ hat sich zum Ziel gesetzt, diese Forschungslücke zu schließen.

Urbanophil hat Jakob F. Schmid von stadtnachacht.de zum Interview getroffen:

UP: Du hast mit Anja Nettig den Blog stadtnachacht (Sn8) Mitte 2011 gegründet – einem Zeitpunkt, an dem gerade in Städten wie Hamburg oder Berlin das urbane Nachtleben zunehmend von Debatten über Verdrängungsprozesse, Lärmschutz, Kommerzialisierung usw. begleitet wird. Dabei stellen sich Fragen nach einer besseren „Stadtnachtpolitik“, nach sinnvollen Steuerungsinstrumenten für die handelnden Akteure und nach einer geeigneten Berücksichtigung in der Stadtplanung. Wo setzt ihr mit Stadtnachacht an?

Sn8: Genau um diese grundsätzlichen Fragen geht es uns! Unsere Grundmotivation ist es, relevante Erkenntnisse in diesem Themenfeld zu sammeln bzw. zusammenzuführen, einen Wissenstransfer zwischen Forschung und Praxis als auch zwischen verschiedenen Bereichen anzustoßen um dann im besten Falle einen Beitrag zur Beantwortung der genannten Fragestellungen leisten zu können. Bislang wurde in diesem Kontext jedoch erst relativ wenig Forschungswissen generiert.

 

UP: Wie stellt sich der aktuelle Forschungsstand dar und wie soll sich der Forschungsschwerpunkt (bei Stadtnachacht) in Zukunft weiterentwickeln?

Sn8: Das Nachtleben war häufig Randthema in verschiedenen Diskursen, z.B. im Kreativwirtschaft-Diskurs, aber eigentlich weiß man ziemlich wenig darüber. In den Kulturwissenschaften gibt es eine Vielzahl ethnografischer Studien zum Nachtleben, doch wenn man auf die Gestaltungs- und Handlungsebene kommt – und um die geht es in der Planung bzw. Stadtentwicklungspolitik nun mal – gibt es wenig spezifisches Know-How. Wie eine bessere Stadtnachtpolitik aussehen könnte, ist deshalb schwierig zu beantworten.

 Der Ansatz von Stadtnachacht ist auf der einen Seite zu schauen, was es im akademischen Kontext dazu gibt. Zum anderen geht es uns aber vor allem um die Praxis: Wie wird die Stadtnachtpolitik in verschiedenen Städten gehandhabt? Der analytische Ansatz ist zunächst eine recht offene Betrachtung mit Tendenz hin zu einer normativen Ausrichtung, die wir uns als »Blogger« auch erlauben. Das nicht unbedingt fern liegende Thema Rotlicht/Prostitution behandeln wir beispielsweise gar nicht.

Es schmeichelt uns sehr, dass wir mit »Forschung« in Verbindung gebracht werden. Im Grunde geht es bisher aber um die Sammlung von Beispielen bzw. eine grundsätzliche Wissensgenerierung in diesem Themenfeld, welches – wie erwähnt – im deutschsprachigen Raum bisher wenig thematisiert wurde bzw. überhaupt nicht als ein „Thema“ wahrgenommen wird. Es wäre natürlich wünschenswert, wenn sich mit der Zeit eine Haltung bzw. „good practice“-Kriterien herauskristallisieren würden. Für eine ernsthafte Forschung stehen uns aber weder Mittel noch Kapazitäten zur Verfügung.

 

UP: Du hast dich bereits in deiner Diplomarbeit (2010)mit der urbanen Nachtökonomie befasst und über Clubs im Planungskontext geschrieben?

Sn8: Ja, darüber, wie die Nutzung „Live-Musik-Club“ im planungsrechtlichen Kontext definiert werden kann bzw. könnte. Daran anschließend habe ich an einer Studie für Hamburg-St. Pauli mitgearbeitet, die sich auch mit dieser Fragestellung beschäftigt. Viele Problemlagen in dem Zusammenhang sind ganz banale Sachen: zum Beispiel, wie kann Entscheidungsträgern vermittelt werden, was dieser und jener Betrieb eigentlich macht. Das ist gerade für Außenstehende oft schwierig einzuordnen, auch wenn sich die Sachlage (Stichwort »Clubkultur«) für Szeneinterne ganz klar darstellt. Auch der Wert und die Bedeutung eines attraktiven Nachtlebens muss kommuniziert werden, und gerade da ist Aufklärungsarbeit zu leisten. Hier kommt der Entmystifizierung einiger Bereiche des Nachtlebens (Clubszene etc.) als auch der ökonomischen Betrachtungen eine wichtige Rolle zu.

Daraus entstand die Idee für den Blog: Es gilt die Forschungslücke zu schließen. In dieser Nische soll der Blog deswegen Transferarbeit zwischen den verschiedenen „Welten“ leisten – dabei ist es wichtig, ungeachtet der genannten normativen Zielsetzung eine neutrale Haltung zu bewahren und eine Sammlung verschiedener Informationen zusammen zu tragen, einen Blog im klassischem Sinne zu führen.

 

UP: Urbanes Nachtleben und Nachtökonomie stehen auch im Kontext der Touristification-Debatte – welche Konsequenzen hat es, wenn das Recht auf Stadt durch touristische Nutzung ausgehebelt wird (in Hamburg: Umgestaltung Reeperbahn zum Musical-Standort, in Berlin: der Wandel von subkulturellen Einrichtungen zu Touristenzielen, z.B. Mauerpark)? Was könnten Handlungsansätze sein?

Sn8: Dies ist ein Feld unserer Forschung, weil das Nachtleben auch als „schwierige Nutzung“ gilt und sich einige Anschlussthemen wie der genannte Gentrifizierungsdiskurs ergeben. So positiv das Nachtleben betrachtet werden kann – als urbanes Setting, als Indikator für Stadt und Urbanität – genau so wirft es Problemlagen im klassischem Sinne auf, etwa im Konflikt mit Wohnnutzungen. Das mittlerweile transportierte Idealbild eines großstädtischen Quartiers vereint beides: Die Lebenswelt („Hier kann ich wohnen“) und den Aspekt, dass es noch immer spannend und urban ist („In meinem Quartier kann ich ausgehen“). Dies sind oft ambivalente „Wunschbilder“ und im Kontext Nachtleben stellt sich die Frage, inwiefern sich beides überhaupt vereinbaren lässt. Auch ist Nachtleben nicht gleich Nachtleben. Ein Musical, ein Dollhouse Diner und ein tanzender Turm haben einfach eine andere Ausstrahlung als das Molotow, der Golden Pudel Club und das Lehmitz, in denen Live-Musik gespielt wird – um mal im Hamburger Kontext zu bleiben.

Sn8 hat hierfür keine Patentrezepte, aber trotzdem kann unseres Erachtens auch die klassische Planung ihren Beitrag zur Konfliktminimierung leisten. Damit ist nicht unbedingt die Bauleitplanung gemeint, die aufgrund ihrer Langfristigkeit mit der räumlichen Dynamik von Orten des Nachtlebens kaum korrespondiert, sondern die kommunalen Steuerungs- und Förderungsmechanismen in ihrer Gesamtheit – in Form konkreter Regulierung, aber auch durch eher flankierende Maßnahmen. Insgesamt ein sehr komplexer Sachverhalt und eine schwierige Diskussion, denn das Nachtleben ist sehr ambivalent zu betrachten: man wünscht es sich, aber es hat einen hohen Konfliktgehalt.

 

UP: Aus dieser Ambivalenz ergibt sich die Frage: Inwiefern stellen die Tendenzen zur Behaglichkeit in der Stadt (Urban Village, Urban Gardening) eine Herausforderung bzw. Bedrohung für das urbane Nachtleben dar? Wie prallen das „Wilde“ und das „Gemütliche und Schöne“ aufeinander?

Sn8: An sich entsteht daraus kein Widerspruch, denn bei beiden „Bewegungen“ geht es primär um die Lebensqualität in der Stadt. Urbanes Nachtleben wird – zunehmend auch im politischen Kontext – als ein Aspekt von Lebensqualität wahrgenommen. Ein Beispiel: Im Städte-Ranking einer englischen Consultingfirma ist ein Kriterium (unter vielen), ob man nachts um 1 Uhr noch ein Bier in der Stadt bekommt. Das trifft die Stoßrichtung ziemlich genau. Je nach dem in welcher Lebensphase man sich befindet und welche Interessen man verfolgt, kann ein attraktives Nachtleben ein äußerst wichtiger Faktor sein, ob man eine Stadt oder ein Stadtquartier als lebenswert wahrnimmt oder nicht. Oder gar ob man in diese oder jene Stadt zieht. Beispiel Bildungswanderung: Ich wage die These, dass die Attraktivität des Nachtlebens einer Stadt bei vielen Studienanfängern mitnichten das wichtigste, aber ein ausschlaggebendes Kriterium bei der Studienortwahl ist.

In England ist die „Stadtnachtökonomie“ schon lange ein Thema: Dort hat man sich – allerdings auch vor dem Hintergrund anderer Problemlagen – schon seit den 1990er Jahren stärker damit beschäftigt. Auch konkret im planerischen Sinne: Die Stärkung der „Night Time Economy“ wurde beispielsweise zu einem Leitmotiv gegen Suburbanisierung und zunehmendeVerwahrlosung der Innenstädte (in der Nacht) Ende der 1980er/1990er Jahre stilisiert. Auch vom akademischen Bereich wurde die „Night Time Economy“ aufgegriffen – später auch von staatlichen Institutionen und Wirtschaftsvertretern thematisiert, oft auch im Zusammenhang mit Alkoholmissbrauch, Jugendkriminalität, Vandalismus oder der Sperrstunde. Unter dem Begriff der „Night Time Economy“ werden meist konkret räumliche Fragestellungen subsumiert, es ist kein Modell aus der Ökonomie oder Wirtschaftsgeographie, sondern ein Sammelbegriff für Fragestellungen, die um das Thema Nachtleben und Stadtmanagement kreisen.

 

UP: Beschäftigt sich Stadtnachacht auch mit dem ungeplanten bzw. unplanbaren oder spontanen Nachtleben in der Stadt?

Sn8: Das ist für Sn8 absolut ein Thema: Die Begrifflichkeit „urbane Nachtökonomie“ suggeriert vielleicht, dass Sn8 sich nur mit dem kommerziellen oder wie auch immer gearteten halb-kommerziellen Bereich beschäftigen möchte. Nicht institutionalisierte oder auch illegale Partysettings gehören aber natürlich auch zum raumwirksamen »Phänomen Nachtleben« dazu. Gerade die Raumfrage, wo das von betrieblich oder institutionell organisierten Strukturen losgelöste Nachtleben stattfinden kann, ist hier natürlich von besonderem Interesse für uns. Kioske bzw. »Spätis« spielen im dem Kontext eine Rolle, ebenso die Thematik „Alkoholverbot“ an bestimmten Orten. Dabei hat z.B. das Alkoholverbot eine konkret planerische Dimension, ungeachtet dessen, dass es sich hierbei nicht um einen primär planerischen Regelungsbereich handelt. Es gibt eine Vielzahl relevanter und räumlich wirksamer Rechtskontexte, die es zu berücksichtigen gilt.

Dabei stellen sich für uns die Fragen, inwiefern nächtliche Räume reglementiert oder nicht reglementiert werden, wo das ungeplante Nachtleben stattfinden kann bzw. darf und inwiefern räumliche Entwicklungen in diesem Bereich gesteuert werden können. Und natürlich auch die Frage, ob überhaupt eingegriffen werden soll. Von vorne herein zu sagen – wie manchmal kolportiert – dem Nachtleben als »off-Kultur« kann nur mit einer »Nicht-Planung« und dem Verweis auf die »Nische« geholfen werden, finden wir aber zu einfach – ungeachtet dessen, dass es an den konkreten immobilienwirtschaftlichen und (bauplanungs-/bauordnungs-)rechtlichen Problemlagen vielerorts komplett vorbei geht. Unsere Message an die Städte und die Politik ist: Kümmert Euch um Eurer Nachtleben! Das ist wichtig.

 

UP: Welche Zukunft hat die Thematik der urbanen Nachtökonomie bzw. das Sn8 Themenfeld? Gibt es bereits eigene Erfahrungen aus Lehre und Praxis?

Sn8: Anja Nettig von Sn8 hat erst kürzlich ein Studienprojekt (Bachelor) dazu an der Hafencity Universität Hamburg durchgeführt und ich betreue derzeit drei Abschlussarbeiten im Themenfeld. Nebenbei sind wir noch an zwei Projekten dran. Die Bedeutung der Thematik ist – wie gesagt  – unseres Erachtens unbestritten, das zeigen uns auch die Rückmeldungen zum Blog. Die Relevanz der Thematik sollte aber natürlich auch in Relation zu anderen wichtigeren Themenfeldern gesetzt werden.

Es ist ein sehr spannendes Feld, weil es ungeachtet seines schillernden Charakters eine fundamentale Fragestellung aufwirft: nämlich wie verschiedene kulturelle und soziale Ausdrucksformen in die Stadtgesellschaft integriert werden können – sozusagen als Meta-Bedeutung. Wie können Nutzungen, die nicht grundsätzlich nur von ökonomischer Bedeutung oder auf Grundfunktionen wie Wohnen, Arbeiten oder Verkehr bezogen sind, aber eine äußerst wichtige kulturelle Ausdrucksform darstellen, in die Stadt integriert werden?

Dieses Meta-Thema, welches von Prof. Thomas Krüger von der HCU Hamburg in dieser Deutlichkeit formuliert wurde, ist sehr spannend, ebenso der Sachverhalt, dass es eben diesen hohen Forschungsbedarf gibt, der vielleicht auch in der »normativen Dimension« der Thematik selbst begründet liegt: Auf lokalpolitischer Ebene ist man oft mit Wertehaltungen konfrontiert, die einer ernsthaften und nüchternen Auseinandersetzung mit dem Nachtleben im Wege stehen. Da stimme ich unserer Interviewpartnerin Anne Vogelpohl zu, die die These aufgestellt hat, dass eben auch das Nicht-Thematisieren eines Themas eine Positionierung dazu darstellen kann. Nach einem Podiumsgespräch in NRW haben mir allerdings auch mal zwei deutlich grau melierte Lokalpolitiker offenbart, dass sie etwas neidisch auf die zuvor erörterten Problemlagen waren: Bei ihnen in der Stadt sei nachts nur »tote Hose«.

 

UP: Vielen Dank für das Interview!

Für Urbanophil fragten Hans Albers und Linda Lichtenstein.

 

Jakob F. Schmid, Dipl.-Ing. Stadtplanung, arbeitet seit 2009 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HafenCity Universität Hamburg (Fachgebiet Städtebau und Quartierplanung – Prof. Dr. Michael Koch) und ist freiberuflich tätig im Bereich Stadtplanung und Stadtentwicklung (u.a. Gutachtachtertätigkeit Studie »Live-Musik-Clubs auf St. Pauli«). Zusammen mit Anja Nettig (spacedepartment Hamburg) betreibt er den Internetblog stadtnachacht.de, der sich mit räumlichen Fragestellungen im Zusammenhang mit Stadt, Nachtleben und urbaner Nachtökonomie beschäftigt.

Stadtnachacht freut sich immer über Hinweise und Links zum Thema jedweder Art!

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