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Grüne Stadt →

Sonntagsfrage #02

In letzter Zeit komme ich immer wieder an Fragen, die mich aufwühlen, zum Denken anregen oder die mich ratlos zurück lassen. Diese Fragen möchte ich gerne in loser Reihenfolge als Sonntagsfrage an Euch stellen. Aktuell bin ich beunruhigt über den Fortbestand des Prinzessinnengarten, bin mir aber gleichzeitig bewusst, dass der Garten von Anfang an “Nomadisch Grün” gedacht war.

Aus der Selbstbeschreibung der Betreiber: “Ein mobiler Garten – Die Fläche mieten wir von der Stadt. Da wir jeweils nur für ein Jahr die Nutzung zugesichert bekommen, haben wir einen Garten entwickelt, der umziehen kann. Die Gebäude bestehen aus Containern und die Pflanzen bauen wir in recycelten Bäckerkisten, Reissäcken und Tetra-Paks an. Das macht den Garten mobil und ermöglicht einen Anbau auch auf versiegelten Flächen.”

Meine heutige Sonntagsfrage lautet deshalb: Sind erfolgreiche temporäre oder Zwischenutzungen per se berechtigt zu einer ständigen Einrichtung zu werden? und: Könnten die Prinzessinnengärten nicht aufgrund der ohnehin schon mobil gedachten Struktur auch an einem anderen Ort funktionieren?

Ich bin sehr gespannt auf eure Antworten oder auch neue Fragen über die Kommentarfunktion.

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  • 9 Kommentare
    1. Hallo,

      ich denke, dass es da keine eindeutige Antwort gibt. Einerseits gibt es Projekte, die nur funktionieren, wenn sie temporär sind und andererseits gibt es Projekte, die sich mit einer solchen Ausrichtung darauf einstellen, dass sie bald den Platz räumen müssen.

      Es ist leicht zu verstehen, dass eine Agentur, welche sich mit Dingen der Zeit, im Sinne von Sekunden und Minuten, beschäftigt, flexibel und daher temporär sein möchte.

      Aber wieso sollte ein Projekt, dass sich so vorbildlich mit Kultur in ihren ältesten Begriffen beschäftigt allzeit für den Aufbruch berreit sein ?

      Um es abzukürzen: Klar kann es auch an einem anderen Ort funktionieren. Aber eben nicht die PRINZESSINNENgärten. Und vor allem muss es nicht unbedingt funktionieren, es sollte eine Option sein.

      Antwort: per se nicht. Ständiger Aufenthalt sollte eine Auszeichnung für diejenigen sein, die echte Bereicherung schaffen. Doch sollte man auch reisende nie aufhalten.

      Gruß Jan

    2. Nun, Mobiles wird dann oft doch recht unbeweglich – Dauercamper, Hausbootbewohner -hier zählt letztlich aber auch das Gefühl der möglichen Mobilität. Pflanzen verzeihen Mobilität eher weniger! Urbane Landwirtschaft ist schon so widersprüchlich wie der Begriff der “urban village” – und das Gartenhaus ist oft auch nur ein Hinterhaus.

      Das urbane Grün kann und soll denn auch nur den Zweck des Dekorativen erfüllen (und zwar in vielerlei Hinsicht: als pädagogische Anschauungs-Oberfläche, als Vergesellschaftungsraum, als Erholungsort,… (das ist auch schon seit Camillo Sittes “Großstadtgrün” bekannt)).

      egal, hier geht es schließlich um das Temporäre: wenn man hier einen Daueranspruch ableitet, wird man bald keine Zwischennutzungen mehr zulassen! Mit einer zunehmenden Sesshaftigkeit wird das Projekt zur festen Institution, gerade das sollten die Prinzessinnengärten aber nicht sein, also weiterziehen oder die Pflanzen wurzeln lassen.

    3. bei der Frage kann man auch sehr gut auf den Kommentar von Thomas unter unserem “Petitions-Artikel” verweisen. Eine erfrischend andere Sichtweise, die man auch bedenken muss…: http://www.urbanophil.net/grune-stadt/petition-zum-erhalt-des-prinzessinnengarten/comment-page-1/#comment-68693

    4. Der immobile Garten – eine falsch verstandene Vorstellung eines guten Projekts

      Jetzt ist es also soweit: der Liegenschaftsfond hat angekündigt, ein Grundstück am Moritzplatz verkaufen zu wollen, und damit sein perfides Gift der Unsicherheit über ein mittlerweile lieb gewonnenes Paradiesgärtlein versprüht: den Prinzessinnengarten. Damit erhält die Debatte um den richtigen Umgang mit städtischen Liegenschaften ein neues Streitobjekt und gleichzeitig enorm Aufwind.

      Dem Prinzessinengarten droht nun das gleiche Schicksal wie bereits zahlreichen anderen Zwischennutzern. Genannt seien die Bar 25 oder das Kiki Blofeld. Doch während diese einem mehr oder weniger hedonistischen Stadtleben verpflichtet waren, setzt sich das Projekt am Moritzplatz durch seine soziale und stadtökologische Ausrichtung deutlich ab. Damit verdient der Prinzessinnengarten Respekt und Unterstützung für dessen Fortbestehen. Ob dies aber für alle Zeit am selben Ort sein muss, kann man durchaus diskutieren.

      Das Festhalten am Gartenstandort Moritzplatz zeigt nicht nur ein falsches Verständnis für die Funktionsweisen dieser Zwischennutzung (dazu später), sondern auch eine Haltung zur Großstadt, die immer noch Züge der eigentlich für überwunden geglaubten Großstadtfeindschaft in sich trägt. Im Kern geht es dabei um die Auseinandersetzung zwischen der steinernen und der verlandschafteten Stadt. Dass beide Stadttypen in einer Stadt möglich sind, zeigt Berlin an vielen Stellen; nur müssen dieTypen richtig verortet sein.

      Unbestritten waren der Moritzplatz in seiner stadtfunktionalen Unbestimmtheit und der Prinzessinnengarten mit seinem kreativen Impuls lange Zeit ein gutes Paar: der Platz bot Raum zum Experiment und das Projekt hat dem Ort Leben eingehaucht. Nun aber hat sich das Paar – so passiert es in Beziehungen – auseinanderentwickelt. Das Aufbauhaus hat für eine enorme Belebung gesorgt, rund herum entstehen weitere Gewerbe- und Wohnprojekte und der Platz ist so aus seiner mentalen Randlage wieder an die Stelle gerückt, an der er eigentlich immer war: ins Zentrum der Stadt. Alles in allem kann man die jüngste Entwicklung des Platzes städtebauliche und funktional als absoluten Gewinn ansehen. Warum also sollte es weiteren gewerblichen Projekten nicht möglich (und nebenbei auch vergönnt) sein, ihr Glück am Moritzplatz zu versuchen? Er ist ja nicht zuletzt hervorragend angeschlossen. Wo, wenn nicht hier, sollte man logischerweise über eine Verdichtung nachdenken?

      Weil da schon der Garten ist!, sagen jetzt die Gegner einer weiteren Bebauung: dann muss man aber auch grundsätzlich am Konzept und an der Ehrlichkeit des Gartens zweifeln, der ja das Versprechen in sich trägt, mit der Idee der Pflanzkisten besonders flexibel und prinzipiell überall wiederholbar zu sein. Wenn man nur ein bisschen Phantasie aufbringt- das dürfte man von den Machern des Gartens eigentlich erwarten – kann man sich durchaus interessante Ausweichmöglichkeiten vorstellen: Sei es die verkrautete Grünanlage Mariannen- Ecke Skalitzer Straße, seien es die bröckelnden Terrassen des ehemaligen Pamukkale-Brunnens im Görlitzer Park, sei es das Tempelhofer Feld, etc. Sicher ist das alles mit Verhandlungen und Unsicherheiten verbunden, aber ein Projekt, das stadtweit so viel Wohlwollen erntet und dabei tatsächlich die Stärken seiner Anpassungsfähigkeit ausspielen kann, dürfte eine gute Verhandlungsposition inne haben.

    5. Zunächst: Danke für diese Frage!

      Mich treibt die Petition auch um, weil ich auch zwischen den beiden genannten Argumenten hin und her überlege. Ich habe auch mit vielen darüber gesprochen. Viele zeichnen natürlich mit, weil sie sich nicht vorstellen möchten, dass das Projekt in der Stadt nicht mehr existiert. Aber das wird hier aus meiner Sicht nicht verhandelt. Es geht nicht darum, das Projekt als solches in Frage zu stellen. Es geht um den Ort.

      Tatsächlich vorstellen könnte ich mir einen Umzug daher schon. Ich fänd es sogar sehr spannend und erfrischend, wenn sich die Prinzessinnengärten an einem anderen Ort neu erfinden würden. Ich sehe es auch als ein Experiment, das ich gerne beobachten würde. Von der Bar 25 wissen wir, dass ein Standortwechsel einen Mehrwert (sei es auch nur ein monetärer, von dem die Stadtgesellschaft so gut wie nichts hat) bewirken kann. Warum soll es also nicht auch für die Prinzessinnengärten und die Stadt einen Mehrwert bewirken?

      Dem Liegenschaftsfonds kommt jedoch eine wichtige Rolle zu. Es sollte ein vergleichbares Grundstück (Größe, Pacht, Infrastruktur) gefunden werden, auf dem die Gärten für die geforderten fünf Jahre weiter betrieben werden können. Die schon angesprochenen Orte teile ich dabei nur bedingt, da es in Berlin genug andere Ort gibt, die eine ähnliche Sozialstruktur und Problemlage wie rund um den Moritzplatz haben und denen so ein Projekt sehr gut tun würde.

      Insofern wäre meine Forderung an Senat und Liegenschaftsfonds, sich zu den Prinzessinnengärten zu bekennen (politisch und durch finanzielle Unterstützung) und ein gemeinsames Konzept für eine Umzug zu entwickeln.

    6. Sehr schöne Sonntagsfrage – und sehr schöne Beiträge! Das klingt ja fast nach einem Konsens, den ich mal zu skizzieren versuche:
      1. Die Prinzessinnengärten sind eine feine Sache
      2. Aber ihr Reiz liegt ja gerade im “Temporären” (Kommentar: Wären sie dauerhaft dort, sollte man die armen Pflanzen ruhig aus ihren Plastikeimern befreien)
      3. Deswegen könnten und sollten die Gärten auch umziehen
      4. Ähnlich geeignete Grundstücke sind auch in der Umgebung des jetzigen Standortes vorhanden
      5. Dazu wären nach wie vor Verbesserungen für die Umsetzung von Zwischennutzungen sinvoll, zB auch durch ein stärkeres Engagement des Liegenschaftsfonds
      6. Dies ist aber nicht zu erwarten, wenn Eigentümer befürchten müssen, daß jede “Zwischennutzung” auf ein dauerhaftes Bleiberecht pocht
      7. Das Grundstück am Moritzplatz eignet sich durch die vorhandene Infrastruktur und die Entwicklung der letzten Jahre durchaus für eine dichtere Bebauung
      8. Und in infrastrukturell gut versorgten und dicht bebauten Gebieten ist eine Lückenbebauung unter vielen Kriterien nun mal ökologischer als eine Durchlöcherung durch urban gardening (Kommentar: Berlin ist zum Glück nicht Detroit …) – dafür sind andere Flächen eben besser geeignet.

    7. Und was machen wir jetzt mit dieser Erkenntnis?

    8. vielen dank für die vielfältigen und umfangreichen antworten auf die von mir gestellte frage. ich finde es sehr interessant, dass ein ausgewiesenes lieblingsprojekt vieler berlinerinnen und berliner und ein echter magnet für berlin-reisende und touristen bei aller leidenschaft so differenziert betrachtet wird und sich daraus wieder neue fragen ergeben, die teilweise schon andiskutiert wurden. als beispiel seien genannt die standortfrage, die funktion, die die prinzessinnengärten über die tatsache ein garten zu sein wahrnehmen, über nachverdichtung und grünflächenanteile etc. p.p.

      die frage nach dem umgang mit den ergebnissen provoziert mich. ebenso provokant möchte ich antworten: bewusstsein bilden, weiterdiskutieren. so lange wir über die zukunft von projekten, funktionen und standorten diskutieren, haben diese eine, und das ist für mich auch die wesentliche erenntnis aus den antworten. das projekt wird kontrovers diskutiert also wird das, was mit den prinzessinnengärten passiert nicht still und klammheimlich passieren, es werden eine menge guter gedanken in den prozess einfließen. dessen bin ich mir jetzt sicher.

      ich arbeite gerade an einer neuen sonntagsfrage, die sich mir aus dieser diskussion ergeben hat und freue mich dann wieder über so regen und qualifizierten zuspruch wie auf diese frage.

      einen schönen sonntag
      kmd

    9. Meines Erachtens ist es unabdingbar, dass Zwischennutzungen solche auch bleiben.

      Die grösste Sorge von Grundstücks- oder Immobilienbesitzern, ist doch, dass sie die Zwischennutzer nicht mehr loswerden, wenn sich eine Dauernutzung abzeichnet. Viele sind deshalb heute schon nicht mehr bereit, Zwischennutzungen zu riskieren. Wer will schon Ärger mit der Presse oder Politik auf sich nehmen – wenn im Gegenzug eh kaum oder keine Einnahmen zu erwarten sind – oder die Hauptnutzung auf Jahre blockiert bleibt.

      Zwischennutzer, die sich nicht an die “Regeln” der Zwischennutzung halten, machen als nicht nur dem Besitzer ärger (der verkraftet das ja vielleicht), sondern ruinieren allen nachfolgenden Generationen an Zwischennutzern ihre Chancen. Diese Verhalten zu Lasten der Anderen/Jüngeren wird leider meist nicht eingestanden (siehe zB Tacheles oder bar25)

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