| 19. November 2009 14:00 | bis | 21. November 2009 14:00 |
Der ursprünglich in der Linguistik entwickelte strukturalistische Ansatz wurde seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts als wissenschaftliche Methode in die Anthro-pologie und andere Humanwissenschaften eingeführt. Die für den Strukturalismus wesentliche Doppelkategorie von Primär- und Sekundärstruktur (langue und parole), in der die Sekundärelemente durch das Regelwerk der Primärstruktur zueinander in Beziehung gesetzt werden, avancierte in den 60er und 70er Jahren auch zu einer Leitideologie in Architektur und Städtebaus. Ursprünglich in Holland und im Umkreis der Architektengruppe Team 10 entwickelt, verbreitete sich der Strukturalismus rasch weltweit. Nahezu alle utopischen Bewegungen der 60er Jahre können dem Struktu-ralismus zugeordnet werden und viele Forschungsprojekte und theoretische Ansätze jener Zeit lassen sich im Rückblick als strukturalistisch bezeichnen. War der Struktu-ralismus in der Architektur zunächst mit dem Anspruch angetreten, humanere Um-weltstrukturen für die Massengesellschaft zu entwickeln, so konnte er sich letztlich selber nie vom Makel der Serialität und der Monotonie befreien. Die gebauten Bei-spiele wurden oft als inhuman empfunden, sie sind im konkreten Gebrauch vielfach gescheitert. Der Mangel an Individualität und der Determinismus der Primärstruktur haben dem architektonischen Strukturalismus den Vorwurf des Antihumanismus eingebracht. Ende der 70er Jahren hatte er seine Attraktivität als Leitideologie in der Architektur eingebüßt.
Seit den frühen 90er Jahren sind wir Zeugen eines Wiederauflebens strukturalisti-scher Tendenzen in der Architektur. Parallel dazu ist auch das Interesse an den utopischen Aspekten der strukturalistischen Strömungen der sechziger Jahre gestiegen. Stieß der Strukturalismus in den 70er Jahren an damals unüberwindbare Komplexitätsgrenzen, so spricht heute vieles dafür, dass das Wiederaufgreifen des offensichtlich unvollendeten Projekts ursächlich mit der Informationstechnologie zusammenhängt, durch die sich neue Möglichkeiten des Umgangs mit Komplexität eröffnen. Man spricht vom Neo-Strukturalismus digitaler Prägung. Dieser unterscheidet sich in einigen wesentlichen Punkten von seinem Vorläufer aus den 60er Jahren. Die neuen, rechnergestützten Werkzeuge führen logischerweise zu neuen Denkansätzen und anderen Ergebnissen. Wir beobachten eine enorme Steigerung der Komplexität bei den Primärstrukturen: weg von schlichten Rastern hin zu komplizierten, unregelmäßigen Strukturen, wobei das algorithmische Entwerfen den Horizont des alten Strukturalismus bei weitem übersteigt. Es stellt sich die Frage, ob Primär- und Sekundärstrukturen heute nicht so aufgefasst werden müssen, dass sie in komplexen Wechselwirkungen miteinander stehen, die durch Algorithmen beschrieben werden können.
Soll uns der heutige digitale Strukturalismus bei der Lösung der nach wie vor unge-lösten Frage der Behausung einer Massengesellschaft unter gleichzeitiger Wahrung der Individualität des Einzelnen weiterbringen, dann wird er dies vermutlich ohne eine utopische Synthese aller, auch der psychologischen, sozialen und gesellschafts-politischen Aspekte nicht leisten können. Die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des strukturalistischen Ansatzes wird sich wahrscheinlich darauf zuspitzen, ob seine Humanisierung (seine Individuation) systemimmanent, d.h. auf dem Wege der Perfektionierung der numerisch-technologischen Beherrschung der Komplexität gesucht wird, oder ob von diesem System unabhängige, individuelle, gar irrationale Elemente zur Lösung des Problems herangezogen werden.
Um der großen Bandbreite und der Heterogenität der Fragestellungen gerecht zu werden, wird das Symposium in vier thematischen Sektionen organisiert und durch einen kompakten, öffentlichen Vortragszyklus in zwei Blöcke unterteilt.
Vorläufiges Programm
Donnerstag, 19.11.09 ab 14.00
Sektion 1
Strukturalismus und Architektur
Einführung: Prof. Dr. Tomáš Valena (München)
5 Kurzreferate
Keynote: Prof. Dr. Georges Teyssot (Québec) angefragt
Moderation: Bernhard Langer (ETH Zürich)
Ehrengast: Arnulf Lüchinger (Den Haag)
Freitag, 20.11.09 ab 9.00
Sektion 2
Der heroische Strukturalismus
Keynote: Prof. Dr. Koos Bosma (VU Amsterdam) angefragt
9 Kurzreferate
Moderation: Prof. Dirk van den Heuvel (TU Delft)
Ehrengast: Prof. Doris Thut (München) angefragt
Öffentliche Vorträge
Strukturalismus Reloaded?
Prof. Dr. Herman Hertzberger (Amsterdam)
Winy Maas (MVRDV Rotterdam)
Prof. Dr. Jörg Gleiter (FU Bozen)
Moderation: Nikolaus Kuhnert (ARCH +)
Samstag, 21.11.09 ab 9.00
Sektion 3
Neo-Strukturalismus digitaler Prägung
Keynote: Fabian Scheurer (Zürich)
10 Kurzreferate
Moderation: Georg Vrachliotis und Dr. Toni Kotnik (ETH Zürich)
Plenum
Strukturalismus – kritischer Ausblick
3 Impulsreferate
Plenum mit den Referenten
Moderation: Nikolaus Kuhnert (ARCH +)
Termin
19. – 21.11. 2009
Ort
Hochschule München
Fakultät für Architektur
Karlstrasse 6
80333 München
Veranstalter
Fakultät für Architektur
Hochschule München
Prof. Dr. Tomáš Valena
Tel +49 89 1265 2657
valena@hm.edu
Kooperationspartner
ARCH +
Institut gta ETH Zürich
Professur CAAD ETH Zürich
TU Delft
MEHR INFOS: lrz-muenchen.de/~architektur/
Tags: Termine von s.hoeffken
No Comments »