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Kunst & Kultur →

Interview mit der Künstlerin Daniela Brahm

Die Künstlerin Daniela Brahm beschäftigt sich in ihren Arbeiten mit der Stadt als sozialem Raum. Zudem ist sie Mitbegründerin von ExRotaprint. Dies ist eine ungewöhnliche Initiative von Künstlern um ein altes Fabrikgelände als Raum für das Zusammentreffen von Kunst und urbaner Alltagskultur zu erhalten. Ihre letzte Installation in Warschau, „The Big Argument„, war inspiriert durch die Auseinandersetzung zwischen sozialen Gruppierungen in Warschau. Auf diese Weise mischt sich die Stimme der Kunst in den urbanen Diskurs. Dieses Zusammenspiel aus Kunst und sozialer Aktivität war der Grund, sich mit Daniela Brahm eingehender zu unterhalten.

In diesem Zusammenhang organisiert urbanophil in Kooperation mit den Jungen Meistern am 14. Januar eine Führung durch das ExRotaprintgelände und die Arbeit von Daniela Brahm.

(Das Interview führten Cornelia Escher und Stefan Höffken).

Kürzlich hast du in Warschau eine Installation realisiert: „The Big Argument“. Dieses Arbeit setzt sich ja mit der gebauten Umwelt auseinander. Kannst du kurz beschreiben, worum es dir dabei ging?

Die Installation „The Big Argument“ realisierte ich auf Einladung des Museum of Modern Art in Warsaw für den Platz, an dem in Zukunft der Neubau des Museums entstehen soll. Die Idee war, den Diskurs der Kunst, der innerhalb einer kleinen Gruppe von Menschen geführt wird, in die Stadt und damit in die Öffentlichkeit zu bringen und transparent zu machen. Was mich in Warschau besonders beeindruckt, ist die visuelle Lautstärke, mit der die unterschiedlichsten Gruppierungen versuchen, Einfluss zu gewinnen und ihre Projekte zu realisieren. Die Stadt ist voll mit Plakaten, haushohen Billboards, Texten auf Wänden und Schildern, voll mit Neubauten, Glasfassaden, Markthallen, Marktständen und fliegenden Händlern.

Das heißt alle möglichen sozialen Interessengruppen besetzen den Stadtraum? Jede versucht also mit ihren – sehr unterschiedlichen – Mitteln, sich durchzusetzen?

Ja, diese „große Auseinandersetzung“ prägt das Bild, das durch die unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten, die dahinter stehen, zu einem sehr diversen Bild wird. Das fasziniert mich. Und davon handelt die Installation. Dass sich die Kunst in dieses Getümmel einmischt, ist eher selten. Und das, obwohl wir den Stadtraum als ein wesentliches Referenzsystem sehen können, das die Gegenwartskunst ausmacht.

Die „große Auseinandersetzung“ ist also für dich das Besondere an Warschau. Diese wird ja von den dort lebenden Menschen geführt. Auf deinen Bildern hingegen sieht man viele Gebäude – und wenige Menschen. Wieso?

Die Plakatwände, die ich in Warschau habe aufstellen lassen, sind plakatiert mit Zeichnungen, die ich nach einem Rechercheaufenthalt in Warschau angefertigt habe. Ich habe mich mit dem Projekt ganz auf die Stadt eingelassen, alle Häuser auf den Zeichnungen sind signifikant für Warschau, ob als Typus oder als einzelnes Gebäude. Natürlich ist dies meine individuelle Selektion, ausgehend von Beobachtungen über die jüngere Geschichte der Stadt, maßgeblich ab dem Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg, der die Stadt bis heute prägt. Es sind Häuser, die mich faszinieren, ob aus Überzeugung oder aus Unverständnis, aber sie alle erzählen von einem gesellschaftlichen Willen. In den Zeichnungen habe ich versucht, Warschau durch seine Gebäude zu verstehen.

Du bist also eine Künstlerin, die sich mit dem Thema Stadt auseinandersetzt. Was bedeutet daher das Urbane für dich?

In meiner Arbeit bezieht sich alles auf die Stadt. Und im Umkehrschluss: Ich hole alles aus der Stadt. Dabei sind es nicht nur die Metropolen, die interessieren, es sind auch und manchmal gerade die Ränder, die unsere Gegenwart deutlich werden lassen. Die gebaute Umwelt spricht über die gesellschaftlichen Zustände, man muss nur anfangen, sie zu lesen. Dann entsteht das Bild, die Dinge werden vergleichbar, das Spezielle, Lokale und das Globale liegen dann sehr nahe beieinander.

Und welche Rolle spielt deine eigene urbane Umgebung – also Berlin – für dich?

Ich weiß nicht, ob ich so ein ausgeprägtes Empfinden für Raum auch woanders entwickelt hätte. Dafür lebe ich schon zu lange in Berlin. Ich habe Berlin immer als die Stadt verstanden, die über die Möglichkeiten des Raums gesellschaftliche Möglichkeiten entwickelt. Das lag an dem seltsam konservierten, lückenhaften Zustand der Stadt aufgrund der Teilung, und dann an deren Entwicklung nach dem Mauerfall. Das Füllen der Lücken. Provisorisch, zielgerichtet, in Veränderung, immer manifest. Die Berliner Kunstszene der 90er Jahre war trunken von den Möglichkeiten durch Raum. Da wurde nicht nur experimentiert, da wurde auch ein hohes Niveau im Umgang mit Raum geschaffen, das ich persönlich oft vermisste, wenn ich andere „Kunststädte“ besuchte, die – zumeist einem finanziellem Druck geschuldet – nicht diese Verbindung von Kunst und Raum schaffen konnten.

Gilt das auch für euer sozio-kulturelles Projekt in Berlin Wedding, ExRotaprint? Wie kam es zu diesem Projekt?

Das ehemalige Rotaprint-Gelände heißt heute ExRotaprint. Zusammen mit dem Künstler Les Schliesser habe ich 2005 ein Konzeptpapier für eine Übernahme des Geländes durch eine Mieterinitiative geschrieben … eigentlich aus der Not heraus, da wir unsere Ateliers in einem spektakulären denkmalgeschützten Ensemble hatten, das in der Warteschleife der Verwertung vor sich hin dümpelte. Wir wollten an diesem Ort eine sinnvolle Projektentwicklung starten, die das Gelände erhält und gleichzeitig positive Impulse für den Bezirk gibt, ohne zwangsläufig die Spirale von Aufwertung und Verdrängung in Gang zu setzen. Wir haben zunächst mit den Mietern vor Ort einen Verein gegründet, mit Les Schliesser, Anna Schuster und mir als Vorstand. Wir haben eine sehr schwierige Zeit durchgestanden, bis wir,die von Künstlern initiierte Nutzerinitiative, als „Investoren“ anerkannt wurden und plausibel machen konnten, dass ExRotaprint nicht nur sozial sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich stabil sein kann.

Wie lief diese Anerkennung als „Investoren“?

Heute hat ExRotaprint vor allem wegen seiner rechtlichen Konstruktion Modellcharakter. Wir haben die gemeinnützige GmbH ExRotaprint gegründet, die das Gelände alleinverantwortlich führt und jeden Cent, der hier über die Mieten erwirtschaftet wird, zurück in den Erhalt des Baudenkmals fließen lässt. Wir haben den Kauf des Geländes nicht über einen Bankkredit finanziert sondern uns für die Zusammenarbeit mit den Stiftungen trias und Edith-Maryon entschlossen, deren Stiftungsziel es ist, die Spekulation mit Grund und Boden zu verhindern und Alternativen im Umgang mit Eigentum zum fördern. Die Stiftungen haben das Gelände gekauft und am selben Tag in einem 99-jährigen Erbbaurechtsvertrag an die ExRotaprint GmbH weitergegeben. Damit ist es ausgeschlossen, dass das Gelände weiterverkauft wird oder dass Gewinn durch Besitz und Rendite in private Taschen abfließt. Denn genau das kann solch ein Projekt scheitern lassen.

Dies ist ein Beispiel einer Kombination aus Kunst und gesellschaftlichem Anspruch, die in einem spezifischen Umgang mit dem urbanen Raum resultiert. Siehst du auch problematische Seiten im Verhältnis von Kunst und urbanem Leben? Ich denke etwa an das gerade verfasste Künstler-Manifest in Hamburg, in dem sich die Künstler gegen die Instrumentalisierung im Werbefeldzug für die Marke Hamburg wehren.

Kunst und urbanes Leben scheinen heutzutage ja fast untrennbar zu sein. Kultur und Architektur werden nicht nur für den Tourismus zielgerichtet vermarktet, als Attraktivitätssteigerung für die Städte, sondern die Kunst ist auch – wie in Berlin – als Motor für wirtschaftliche Entwicklung fest eingeplant. Ich finde solche Instrumentalisierungen problematisch. Die Kunst füllt eine Lücke, wenn die Produktivität nachgelassen hat und Jobs verloren gegangen sind. Und der selbstständige Kreative, der die Sozialsysteme kaum in Anspruch nimmt, ist ja bereits zum Vorbild für den Abbau eben dieser geworden. Man muss als Künstler schon aufpassen, nicht im Dienst der falschen Interessen zu stehen.
Es ist faszinierend, wie stark und wie schnell insbesondere junge Kreative Infrastrukturen herstellen, niederschwellig von heute auf morgen das Nötige einrichten, um sich zu treffen, zu kommunizieren und Projekte zu starten. Diese Dynamik finde ich eigentlich immer am spannendsten, solange noch kein städtisches Instrument aufgesprungen ist, um sie zu institutionalisieren.

Das sehen wir natürlich genauso… Auch unser Netzwerk lebt ja vom Interesse an dieser Dynamik. Daher wird Berlin immer wieder als Künstler-Paradies gefeiert. Das ist auf der einen Seite sicher richtig. Andererseits stehen Politik und Kreativschaffende sich häufig auch entgegen – ich nenne nur das prominente Beispiel Mediaspree?

Berlin ist ein sehr guter Produktionsstandort für Kunst. Hier kann man Kunst machen. Das ist schon lange so, und keiner hat sich so recht darum gekümmert. Natürlich ist das den relativ niedrigen Kosten geschuldet und weil man Raum zum Arbeiten findet. Jahrzehnte lang sind Künstler aus diesem Grund in die Stadt gezogen, und jetzt, als der Zenit eigentlich überschritten ist, und finanzieller Druck auch hier langsam entsteht, jetzt wird es gewollte politische Strategie. Künstler schaffen sich ihr Künstler-Paradies eigentlich selbst ab, denn sie haben den Standort attraktiv gemacht und werden danach durch zahlungskräftigeres Publikum verdrängt. Wir haben bei ExRotaprint viel über diesen Widerspruch nachgedacht. Ich denke, es ist grundsätzlich ein Fehler, die Kunst isoliert zu betrachten. Man muss ein gesamtgesellschaftliches Bild aufstellen, um langfristig wirken zu können. Künstler können mit viel Energie in kürzester Zeit etwas aufstellen, oft ist aber die Bereitschaft, sich langfristig zu engagieren, nicht sehr hoch. Viele sind Nomaden, verdienen ihr Geld irgendwo, selten aber da, wo sie arbeiten, oft nicht durch Kunst, sie haben wenig lokale Haftung.

Und dem wollt ihr eine Alternative entgegensetzen…

Wir wollten von Anfang an bei ExRotaprint keine Insel für Künstler schaffen. Wir vermieten je ein Drittel der Flächen an Kunst, an produzierendes Gewerbe und an soziale Träger. Damit haben wir ein umfassendes Spektrum von Menschen, sozialen Schichten, Lebensumständen, Herkunft und geleisteter Arbeit an einem Ort. Das weckt Interesse, fördert Netzwerke, im besten Fall Kooperationen und verhindert die Isolation unter Gleichgesinnten. Mir selbst als Künstlerin ist es wichtig, an einem Ort zu sein, der ein Stück gelebte Realität ist, der die gesellschaftlichen Umstände spiegelt und mir Einblicke gewährt, die ich nicht hätte, wenn ich unter einer gut gemeinten Glocke leben würde. Ich denke, Berlin täte gut daran, diese diversifizierten Zusammenhänge zu fördern, in denen Kunst ein Faktor ist, und nicht nur auf deren Hochgeschwindigkeits-Potentiale zu setzten, die immer zu Gentrifizierung führen. Am Ende hätten sehr viel mehr Menschen etwas davon.

Auch hier können wir uns dieser Aussage voll anschließen. Was uns in diesem Zusammenhang interessiert, ist die Rolle des Liegenschaftsfonds. Auf dem Stadtforum für „Kreativwirtschaft und Stadtentwicklung“ war er nicht vertreten, obwohl wir ihn als einen wichtigen Akteur in diesem Umfeld gesehen hätten.

Der Liegenschaftsfonds ist ein Ableger des Finanzsenats. Da gibt es viele, auch personelle Beziehungen. Und in Anbetracht der Haushaltslücken ist der Finanzsenat angehalten, Geld zu machen. Alle Grundstücke, die Berlin nicht für seine eigenen Bedürfnisse braucht, sollen deshalb verkauft werden. Ich habe es bis heute nicht verstanden, warum der Liegenschaftsfonds von der Berliner Politik nicht in komplexere Entwicklungen einbezogen wird, die vielleicht kurzfristig weniger Erlös bringen, langfristig aber die Potentiale der Stadt stärken und damit durchaus wirtschaftlichen Erfolg bedeuten können.

Auch im Bieterverfahren für ExRotaprint ging es nicht um Konzepte sondern nur um Beträge. Hätte damals unser Konkurrent, ein isländischer Investor, gekauft, ich glaube wir können davon ausgehen, das das Rotaprint-Gelände heute erneut zum Verkauf stehen würde.

Da muss doch Frust aufkommen. Und wenn der Liegenschaftsfonds dann bei einer solch wichtigen Diskussion nicht dabei ist… wann dann?
Das Verrückte ist, ich bin mir sicher, dass von Seiten des Senats für Stadtentwicklung die Einbindung des Liegenschaftsfonds in diese Vorgänge gewollt ist. Da gibt es Gerangel innerhalb der Berliner Politik, der Liegenschaftsfonds wird abgeschirmt, und die Stadtentwicklung versucht irgendwie Konzepte zu entwickeln, ohne ihr größtes Potenzial, nämlich die Grundstücke, einbinden zu können. Ich denke, es ist unbedingt Aufgabe der Berliner Politik, diese Machtfrage zu klären, damit mit dem verblieben Raum Orte gestaltet werden können, die langfristig soziale Potentiale und natürlich auch Geld – im Sinne von laufenden Steuereinnahmen- für Berlin erzeugen können.

Vielleicht bewegt sich durch Projekte wie ExRotaprint, stadtweite Diskussionen und eben die Dynamik der Netzwerke etwas in diese Richtung. Wir wollen dabei sein. Vielen Dank für das Interview.


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