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Stadtentwicklung & Stadtpolitik →

„Bock auf Stadt“ – Stadtentwicklung als Corporate Citizenship

Zivilgesellschaftliches Engagement und Bürgerbeteiligung sollen heute in vielen Stadtentwicklungsprozessen die Bewältigung der wachsenden Herausforderungen (etwa bzgl. demografischem und klimatischem Wandel) unterstützen und möglichst noch staatliche Institutionen entlasten. Aber nicht nur die Bürger nehmen hier verstärkt neue Rollen ein, auch Unternehmen werden zunehmend in diesem Kontext aktiv und engagieren sich als sogenannte Corporate Citizen für den städtischen Raum – und werden etwa von Image- und Reputationsgewinn motiviert.

Aktuell fallen vor allem große Konzerne auf, die sich unterschiedlich als Akteure einer nachhaltigen Stadtentwicklung präsentieren und Debatten hinsichtlich ihrer Zweckmäßigkeit und Glaubwürdigkeit entfacht haben: IBM kommuniziert sich mit dem Slogan »Smarter Cities« als Wegbereiter nachhaltige Stadtentwicklung. Die Dt. Telekom hat das Projekt T-City in Friedrichshafen umgesetzt. Die Siemens AG positioniert sich mit zahlreichen Aktionen als „Partner“ für die nachhaltige Stadt (wir berichteten darüber u.a. von der Tagung der Urbanauten in Tutzing). Und BMW sorgt mit dem BMW-Guggenheim-Lab als Denkwerkstatt für die Stadt der Zukunft, seit Monaten für heftige Diskussionen in Berlin.

Kritik richtet sich dabei besonders auf ein unternehmerisches Stadtverständnis, unternehmerischen Kommunikationsstrategien oder dem oft nur auf prestigeträchtige Orte gerichteten Engagement.

Aber auch kleine & mittelständische Unternehmen (kurz KMU) befassen sich vermehrt mit dem Thema Stadtentwicklung und treten als Unterstützer von Einzelprojekten auf oder stoßen ganze Stadtentwicklungsprozesse an, etwa wie im niedersächsischen Duderstadt (ca. 22.000 Einwohner).

Abb.1: Buchcover: Duderstadt, Eine Stadt in Bewegung, A. Engel u.a., Duderstadt 2011 (Quelle: www.duderstadt2020.de

Duderstadt2020

Das Projekt Duderstadt2020 ist eine private Stadtentwicklungsinitiative des Unternehmers Prof. Hans Georg Näder (Firmeninhaber & CEO der Otto Bock GmbH aus Duderstadt, Weltmarktführer für Orthopädietechnik). Das Projekt wird seit 2009 von einem Team der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim, Holzminden und Göttingen (HAWK) entwickelt und organisiert. Die Wissenschaftler verschiedener Disziplinen aus den Fakultäten der HAWK bringen das Fachwissen aus verschiedenen Forschungs- und Entwicklungsprojekten ein und begleiten den Prozess. Die Firma Otto Bock finanziert die daraus entstandene Duderstadt2020 GmbH (http://www.duderstadt2020.de).

Das Ziel der Initiative ist, Maßnahmen zur qualitativen Stadtentwicklung in Form eines Masterplans anzuregen. Dabei werden vor allem Konzepte entwickelt, die der Abwanderung von Fachkräften und dem demografischen Wandel entgegenwirken sollen – letztlich um die Attraktivität als Lebens- und Wirtschaftstandort zu stärken. Der offene Prozess soll von möglichst vielen Bürgern und Unternehmen mitgetragen und gestaltet werden, weshalb bereits zu Beginn integrative Instrumente zur Anregung von Bürgerbeteiligung eingesetzt wurden (etwa Diskussionsforen/ Zukunftswerkstätten/etc.). Und so dienen einige Projekte ebenfalls der Vernetzung der vorhandenen Akteure und zur Verstärkung ihrer Potentiale, etwa die Initiierung eines Unternehmensnetzwerks oder des Künstler/Innennetzwerks. Als erste städtebauliche Initiative wurde eine Quartiersentwicklung in Form eines Gemeinschaftsprojekts angeregt (Scharrenstraße) .

Zukünftig soll Duderstadt2020 als gemeinnützige GmbH weitergeführt werden und ein „integratives Stadtentwicklungsmanagement“ mit 6 Themenfeldern betreiben (Stadtmarketing, Tourismusförderung, Wirtschaftförderung, Kulturförderung, Quartiersentwicklung und soziales Miteinander). Für eine finanzielle Unabhängigkeit (von Otto Bock) und Diversifikation sollen zusätzliche Partner gewonnen werden, die Förderung von zivilgesellschaftlichem Engagement wird intensiviert.

Duderstadt2020 ist ein lobenswerter und innovativer Ansatz, der jedoch hinsichtlich eines artikulierten Nachhaltigkeitsanspruchs noch lückenhaft ist und gerade Umweltaspekte kaum thematisiert – sondern eher auf die Herstellung von Attraktionen (mit Eventcharakter) fokussiert ist. Die Aktivierung von zivilgesellschaftlichem Engagement wird heute gerne genutzt, ist jedoch gerade auch wegen des demografischen Wandels begrenzt ausbaufähig.

Über das Verhältnis zu bestehenden kommunalen Strukturen kommuniziert man, dass man nicht beabsichtigt „vorhandene Einrichtungen und Institutionen grundsätzlich in Frage zu stellen, vielmehr soll an bestehende Strukturen angeknüpft  und diese unter Einbeziehung der neu entstandenen Aktivitäten und Akteure weiterentwickelt werden.“ Und genau in diesem Anliegen, bzw. der Notwendigkeit nach Anschlussfähigkeit von unternehmerischen Engagement an Politik und Bürgergesellschaft, liegt die Schwierigkeit der Initiative Duderstadt2020. Ein „intermediäres Prozessmanagement“ wird als mögliche Lösung vorgestellt, jedoch kann vor allem der Top-Down Ansatz, also die Initiative (& Finanzierung) von nur einem Unternehmer bzw. Unternehmen, Schwierigkeiten hervorrufen. Gegenüber Politik und Stadtverwaltung können sich etwa Kompetenzkonkurrenz ergeben oder Eingriffe in die Verwaltungshoheit. Bürger identifizieren sich teilweise nur schwer mit der „Fremd“-Initiative und engagieren sich eher passiv, als durch Eigeninitiative. Andere lokale Unternehmen schließen sich oft nur schwer der Initiative an oder belassen dem führenden Unternehmen die Verantwortungsrolle. Problemfelder, die auch am Projekt Duderstadt2020 eine wissenschaftliche Analysen zulassen.

Eine Folge ist, dass sich die Vorstellungen und das Verständnis von Stadt des dominierenden Unternehmers  – wenn auch nicht beabsichtigt- besonders stark in den Prozess einschreiben und Kommunikation und Projektrhetorik entsprechend geprägt werden.

 

Bock auf Berlin

Ein Stadtverständnis des Unternehmers wird auch andernorts sichtbar. Denn inzwischen ist Prof. Näder (als „Bürgerunternehmer/ Mäzen/ Philanthrop“) in Berlin aktiv; das Otto Bock Science Center Medizintechnik besteht seit 2009 am Potsdamer Platz.

Eingang zum Areal der ehem. Bötzow Brauerei 2012, Bild hha

Spannender: Im Dezember 2011 wurde der Entwicklungsplan für die ehemalige Bötzow Brauerei im Bezirk Prenzlauer Berg für eine Mischnutzung aus Kulturangebot (Skulturenpark), Rollstuhlmanufaktur (Otto Bock), Otto Bock-Marketing-Abteilung, Büros, Ateliers, Hotel und Loft-Wohnungen vorgestellt. Prof. Näder hatte das ehemalige und nun denkmalgeschützte Brauerei-Areal (ca. 25.000 qm) 2010 erworben und möchte mit einem „Masterplan 2020“ ca. 35.000 qm vermietbare Fläche schaffen, wobei die Firma Otto Bock einen Großteil selbst nutzen möchte. Auch wenn man betont, dass hier nicht der Trend fortgesetzt wird, hochpreisige Eigentumswohnungen zu entwickeln, wird klar welche Art der Wiederbelebung hier Fortsetzung erfährt und welche „lebendige Community“ geplant ist. Loft-Mietwohnungen von 280 bis 1180 qm oder ein luxuriöses Boutique Hotel sind kennzeichnend für die bestehende Urbanitätsvorstellung. Der Projektentwurf vom Bu?ro van Geisten/Marfels Architekten wurde bislang nur einer ausgewählten Öffentlichkeit mit einem Event vorgestellt. Von Bezirksseite gibt man sich zufrieden, dass nun endlich das Grundstück einer neuen Nutzung zugeführt werde – andere Entwicklungen waren in den letzten Jahren gescheitert (etwa ein Projekt der Metro AG). Die bisherigen Zwischennutzungen werden also bald weichen. Das aufmerksame Publikum kann sich zunächst einen Eindruck auf der hinsichtlich Akzeptanzkriterien formulierten Website von „Bötzow Berlin“ verschaffen. Dort wird formuliert, „den gewachsenen Organismus der früheren Bötzow Brauerei im Sinne einer DNA“ zu erhalten. Der Jetztzustand darf auf organisierten Touren besichtigt werden (Anmeldungen unter www.boetzowberlin.de).

Beide hier kurz vorgestellten Projekte des engagierten Unternehmers/ Unternehmens stehen für sich und sollten auch getrennt hinsichtlich von Chancen und Risiken bewertet werden. Sie zeigen jedoch klar, dass die Debatte um Unternehmensengagement in der Stadtentwicklung erst am Anfang steht und für eine nachhaltige Qualität planerische Instrumente und integrative Prozessmethoden weiterentwickelt werden müssen.

 

Der Autor:
Hans-Hermann Albers lebt und arbeitet als freischaffender Architekt, Stadtforscher & Stadtentwicklungsberater in Berlin. Studium: Architektur & Städtebau an der TU Graz, TU Helsinki, TAIK Helsinki, TU Athen. Forschungsarbeiten, Kunstprojekte und Ausstellungsbeiträge zu Stadtentwicklungsprozessen mit den Schwerpunkten: Tourismus/Sport- und Kultur/regionale Identitätsbildung/Arbeitsmigration/Urban CSR & Nachhaltigkeit. Dissertation an der TU Graz 2010: »Corporate Urban Responsibility« erschienen bei Campus 2011.

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1 Kommentar
  1. In der aktuellen Ausgabe des MieterEchos geht es um das Schwerpunktthema „Stadtimage – Wie Berlin vermarktet wird“. Darin u.a. ein Interview mit dem Stadtsoziologen Dr. Marcus Termeer über Imagepolitik und Stadtmarketing und ein Artikel über liberalisierte Stadtdiskurse am Beispiel des BMW-Guggenheim-Lab.

    http://www.bmgev.de/mieterecho/archiv/2012/mieterecho-354-mai-2012.html
    http://www.bmgev.de/mieterecho/archiv/2012/me-single/article/staedte-werden-zu-marketinglandschaften.html
    http://www.bmgev.de/mieterecho/archiv/2012/me-single/article/den-roten-teppich-fuer-private-akteure-ausrollen.html

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