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Stadtentwicklung & Stadtpolitik →

Crowdfunding Urbanism

Robocop

Robocopstatue Detroit

Die Bedeutung von Crowdfunding als alternatives Finanzierungsinstrument hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Beleg dafür sind ein steigendes Finanzierungsvolumen, die weltweite Verbreitung von Initiatoren und Investoren und die Entstehung neuer Plattformen. Im Jahr 2013 wurden allein auf der bekanntesten Plattform „kickstarter“ 480 Mio. US Dollar für 19.911 Projekte gesammelt.

Das Spektrum der auf diesem Weg finanzierten Projekte ist äußerst bunt. Die Haupteinsatzfelder waren bisher kreative und soziale Projekte, innovative Unternehmensgründungen, Technologie- und Forschungsvorhaben. Einige Plattformen, vor allem im englischsprachigen Raum, wenden das Konzept des Crowdfundings auf Projekte an, die Bezug zu Stadtentwicklung nehmen.

Die Idee ist simpel: Genau wie Musikbands oder Spielekonsolen sollen Initiativen die im Zusammenhang mit Stadt- und Quartiersentwicklung stehen, nach dem Prinzip des Crowdfundings durch die Gemeinschaft finanziert und diskutiert werden.

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema findet statt. Gemessen am Tempo mit dem sich Crowdfunding entwickelt hat, steht diese jedoch noch am Anfang. Bisher wurde das Phänomen vor allem aus Sicht der Wirtschafts- und Finanzwissenschaft untersucht. Die Nutzung von Crowdfunding als Finanzierungs- und Beteiligungsinstrument im Rahmen von Stadtentwicklung ist momentan noch weitestgehend unerforscht.

Pioniere auf diesem Gebiet sind die Stadtforscher Dan Hill und Bryan Boyer, die in ihrem Buch ‚Brickstarter‘ den Prototypen einer Urban Crowdfunding Plattform vorstellen. Aus ihrer Sicht ist es notwendig gemeinschaftliche Entscheidungsprozesse über öffentliche Räume neu auszurichten. Anstelle von staatlich-institutionell organisierten Bürgerbefragungen, in denen regelmäßig Ablehnung von Projekten zum Ausdruck gebracht wird, sollten die aktive Gestaltung, Diskussion und Unterstützung von Vorhaben ermöglicht werden.

Brickstarter reverses the polarity from ‚NIMBY‘ to ‚YIMBY‘ (Yes In My Backyard), from complain to create, outlining a platform for suggestions, developed and driven by participation of citizens, local businesses, and government.” (Brickstarter, S.4, Dan Hill/Bryan Boyer)

Auch wenn die theoretische Auseinandersetzung mit der Übertragbarkeit von Crowdfunding auf städtische Themen und Projekte bisher nur punktuell stattgefunden hat, gibt es neben dem konzeptionellen Ansatz von ‘Brickstarter’ eine Vielzahl aktiver online-Plattformen, die das Potenzial erkannt haben und Crowdfunding Urbanism praktisch umsetzen. Sie unterscheiden sich in ihrer Funktionsweise und setzen verschiedene thematische und räumliche Schwerpunkte.

Plattformen wie Spacehive, Neighbor.ly, Citizinvestor oder ioby bieten nicht nur die Möglichkeit ausgewählte Stadtentwicklungsprojekte finanziell zu unterstützen, sie können gleichzeitig als Diskussionsforum und Schnittstelle zwischen Behörden, Gewerbetreibenden und Bürgern genutzt werden und dadurch eine kooperative Entscheidungsfindung und den Ausdruck von gemeinschaftlicher Zustimmung erleichtern.

Unklar ist, wie eine effektive Übertragung von Crowdfunding auf Stadt im Allgemeinen und speziell im deutschen Kontext aussehen kann. Vorhaben der Stadtentwicklung unterscheiden sich üblicherweise in ihrer Komplexität vom typischen kickstarter Projekt. Grundsätzlich stellt sich die Frage nach Rahmenbedingungen und Spielregeln einer solchen Plattform. Wer darf mitmachen? Wie kann Missbrauch verhindert werden? Was wird finanziert? Wie funktioniert die Umsetzung finanzierter Projekte? In welcher Form findet die Integration in formale Planungssysteme statt? usw.

An Hand zweier Beispiele wird die Problematik der ungeregelten Übertragung von Crowdfunding auf urbane Projekte deutlich: Im Rahmen einer Kickstarter-Kampagne sollte ein stillgelegter New Yorker U-Bahn-Schacht in einen unterirdischen Park transformiert werden. Die „Lowline“ fand zwar Zuspruch und wurde über das ursprüngliche Ziel hinaus finanziert, allerdings scheiterte die Umsetzung an nicht erteilten Zulassungen und mangelnder Kooperation mit Genehmigungsbehörden. Um nicht nur die Finanzierung eines Vorhabens zu sichern, sondern auch die tatsächliche Realisierung zu gewährleisten bedarf es mehr als einer Kickstarter-Kampagne. Die Einbindung in formale Planungsprozesse und die Einbeziehung von öffentlichen Planungsträgern ist eine entscheidende Herausforderung an urbanes Crowdfunding.

In einem weiteren Fall wurde zur Finanzierung einer überlebensgroßen Robocopstatue aufgerufen, die in der Detroiter Innenstadt aufgestellt werden sollte. Innerhalb kürzester Zeit hatten sich Unterstützer weltweit beteiligt und über 50.000 US $ gespendet. Zwar lehnte der Bürgermeister Detroits das Vorhaben letztendlich ab, dennoch wurde sichtbar, dass Crowdfunding im Stadtkontext zum einen vor unseriösen Initiativen geschützt und zum anderen eine Balance zwischen globaler Beteiligung und lokalen Auswirkungen gefunden werden muss.

Trotz vieler ungeklärter Fragen hat Schwarmfinanzierung das Potenzial ein wirksames, flexibles und demokratisches Instrument zu sein. In Anbetracht der weiterhin angespannten Haushaltslage vieler Städte und Gemeinden in Deutschland könnte Crowdfunding auch bei uns einen Beitrag zur Finanzierung von Stadtentwicklung leisten. Eine Deutsche Crowdfunding Plattform mit Stadtbezug sucht man heute noch vergeblich.
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Dieser Artikel ist von unserem Gastautor Ole Brandmeyer. Ole studiert Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin, schreibt seine Masterarbeit über Schwarmfinanzierung in der Stadtentwicklung und glaubt an das Potenzial von Crowdfunding Urbanism.

Bildquellen

  • Robocop: http://www.domusweb.it/content/dam/domusweb/en/architecture/2011/06/22/open-source-design-03-robocop-the-monument/big_350806_4201_Robocop_UPD.jpegdomusweb.it

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6 Kommentare
  1. Warum genau ist eine Robocopstatue eigentlich unseriös?

  2. Sehr interessante Info. Danke! In der Richtung sollten auch hierzulande ‚Instrumentarien’entwickelt werden, die „einen Beitrag zur Finanzierung von Stadtentwicklung leisten.“

  3. Ich habe bereits ein Konzept für eine solche Plattform gegründet, und auch Fragen – nach meiner Vorstellung – beantwortet, wie daraus ein Geschäftsmodell werden kann, um sich vom klassischen Crowdfunding abzuheben.

    Ich suche aber noch Mitgründer.

    Nun zum Thema:
    Die Regeln, die eingeführt werden, müssen in beide Richtungen gehen, denn der Missbrauch Finanzmittel zu ziehen, um Projekte quer zu finanzieren, kann auch von Seiten der Stadtbehörden unternommen werden.
    Oft scheuen, sich die Initiatoren vor den Gang zur Behörde, weil die Bearbeitung bereits Geld kostet und unverständlich viel Zeit beansprucht, so dass auch schnell eine gewisse Unlust eintritt. Die Behörden sollten hier ein schnelleres Vorgehen realisieren.
    Auch von den Behörden könnten direkt Projekte eingereicht werden, hier müsse die 50/50 Regelung eingeführt werden, sprich, die Behörden müssen 50% selber finanzieren können.
    Was ich als recht schwierig ansehe, aber notwendig, ist die Möglichkeit einer Qualitätsprüfung der Planung der Projekte. Denn jeder kennt das Problem, nicht selten müssen Stadtentwicklungsprojekte nachkorrigiert werden, mit steigenden Kosten und oft, weil die Planungen nicht durchdacht sind. Ebenso müssen diese Planung und Umsetzungen lokale Expertisen, die auch entsprechend bezahlt werden, einbeziehen.
    Eine weitere Regel müsse die Projekteinreichungen bedenken. Es dürfen nicht zu viele Projekte auf einmal laufen. Die Nutzer müssen eine Übersicht behalten können, würde dies nicht gewährleistet werden, dann würde die Flut an Projekten Crowdfunder abschrecken. Was kontraproduktiv ist. Es sollte also eine Zeit zwischen dem nächsten Einstellen eines Projektes klar definiert werden.
    Wie finanziert sich die Crowdfunding-Plattform?
    Da nicht unbedingt ständig Projekte einfließen, weil gerade die Planungen bzw. Behördenbearbeitungen Zeit brauchen und da schon viele Projekte scheitern, sollte die Crowdfunding-Plattform eine Finanzierung entwickeln, die eine Abhängigkeit von der Zahl der eingereichten Projekte verhindert. Crowdfunding-Plattformen finanzieren sich durch einen prozentualen Anteil des Projektgeldes an den erfolgreich finanzierten Projekten. Leider haben sich dabei ziemlich unseriöse und nicht ganz sichere Querfinanzierungspraktiken ergeben.

    Dies sind nur ein paar Punkte, die auf jeden Fall diskutiert werden können. Wer Lust hat kann sich gern bei mir melden und vielleicht machen wir eine entsprechende erste Studie dazu. ( timmy.selle@me.com )

  4. Eine Crowdfunding-Konzept speziell für Regionen und Städte ist http://www.place2help.org. Auf den place2help-Regionalportalen können Projekte finanziert werden, die einen Beitrag zu mehr Lebens- und Standortqualität vor Ort leisten, also auch stadtplanerische Projekte. Deren Komplexität erfordert natürlich eine gute Vorbereitung. Zentral ist ja wohl generell, dass nur sorgfältig geplante und umsetzungsfähige Projekte in die Finanzierungsphase gehen. Wie dieser Prozess von der Idee bis zum umsetzungsfähigen Projekt gestaltet und organisiert ist, lässt sich aus meiner Sicht nicht pauschal definieren, sondern muss immer im Kontext der örtlichen Rahmenbedingungen beantwortet werden. Wir sind jedenfalls gespannt auf die ersten Piloterfahrungen…. Und freuen uns über Austausch mit allen Interessierten!

    alexandra.partale@place2help.org
    http://www.place2help.org

  5. […] die ja meist viel kom­ple­xer seien, wie etwa das Stadt­pla­ner Ole Brand­meyer im Block urbanophil.net schreibt? Und passt die Idee zu Deutsch­land, wo Stadt­ent­wick­lung ja eigent­lich Sache des […]

  6. Der Artikel ist wirklich sehr interessant und stellt auch mal eine andere Seite der Städefinanzierung dar, die möglich ist. Zu diesem Thema sollte es noch viel mehr Aufklärung geben, denn viele kennen zwar den Begriff des Crowfunding, aber was sich tatsächlich dahinter verbirgt, das wissen oftmals nur die wenigen.

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