Follow us on: Facebook · Twitter · RSS
 
Einzelansicht
Stadtentwicklung & Stadtpolitik →

Experiment Ebertplatz

Ein Gastbeitrag von Martin Herrndorf, agora Köln

Abb. Markus Wilwerscheidt

Am Ebertplatz formiert sich eine in Köln einzigartige urbane Koalition, um das „Interim“ bis zum anstehenden Umbau zu gestalten. Ein Experiment in urbaner Lebensweise und Raumgestaltung. Wird es funktionieren? Ein kurzer Einblick und ein Ausblick auf den Tag des guten Lebens, den wir rund um den Platz am 1. Juli veranstalten.

Brutalismus-Ideal und Hassobjekt, Betonwüste und Kunstort, Angstraum und Spielwiese – der Ebertplatz hat es bundesweit in die Presse geschafft. An ihm bündeln sich Kräfte, die unsere Städte und die Auseinandersetzungen in den nächsten Jahren prägen werden. Hier treffen und Künstler auf Sozialarbeiter, Nachhaltigkeits-Aktivisten auf eine offene Drogenszene, gewachsene Nachbarschaften auf unterschiedliche migrantische Gruppen (und diese aufeinander), Anwohnerinnen und Anwohner auf Denkmalschützer.

Der Platz ist ein Symbol der Stadtplanung und Architektur der 70er Jahre. Ein Stück Brutalismus im öffentlichen Raum, das ziemlich in seiner Originalform erhalten geblieben ist. Gestalterisch ist er spannend und durchgängig gestaltet, Sechsecken ziehen sich als Leitmotiv durch, es gibt spannende Sichtachsen und Bezüge, der Platz macht ein Statement. Mit der Brunnen-Skulptur in der Stadtmitte und seinen Sitz-Mäuerchen bietet er durchaus „humane“ Elemente.

Für Kritiker ist er im Konzept überholt, ein Symbol der autogerechten Stadt. Oben rauscht der Autoverkehr, der Platz trennt bis heute zwei lebendige Viertel und zerschneidet die alte Achse von Eigelstein und Neußer Straße, die Fußgänger waren lange in den Keller verbannt, Radfahrer an den Rand.

Unten, in der Passage, befinden sich zwei migrantische Bars, Treffpunkte der afrikanischen Community in Köln, ein CopyShop und ein paar Kunsträume. Es wird mit Drogen gedealt und Flaschen geschmissen, der Ort ist ein Angstraum für Anwohnerinnen und Anwohner. Viele haben sich über die neue, oberirdische Querung gefreut, wenige gehen noch unten durch die Passage. Dort bespielen eine Reihe von Kunsträumen die Passage engagiert – bei Ausstellungen tummelt sich die jüngere Kunst- und Kulturszene der Stadt, elektronische Beats ein Hauch von Berlin im rauen Beton, tagsüber Tristesse. Oben rauscht der Verkehr, zwei Spuren im Süden, zwei Spuren im Norden schneiden den Platz von den lebendigen Viertel drumherum ab.

Abriss oder Denkmalschutz?

Spätestens nach einer tödlichen Auseinandersetzung war klar, dass sich etwas ändern muss. Der erste Impuls kam aus der Stadtspitze: Den Kunsträumen und Bars sollte gekündigt, die Passage gesperrt und zugeschüttet werden. Es sollte Tabula rasa gemacht werden, im Hauruck-Verfahren und ohne Rücksicht auf die aktuellen Nutzer oder die ja durchaus beeindruckende Architektur. Das Vorhaben scheiterte, auch am mangelnden Dialog und an der Vernetzung und Bekanntheitsgrad der Kunstszene scheitert.

Dabei wäre „Zuschütten“ das, was viele Anwohnerinnen und Anwohner fordern. Stattdessen ging in den letzten Tagen ein Raunen durch die Lokalpresse: Der Ebertplatz unter Denkmalschutz? Der von vielen geforderte radikale Umbau wäre auf Jahre oder Jahrzehnte unmöglich, ein kurzes Dossier aus einem Denkmalschutz-Arbeitskreis lobte die großflächig erhaltene Brutalismus-Architektur und möchte sie bewahren. Nach kurzen und heftigen Protesten ist auch dieser Vorschlag vom Tisch.

Der Ebertplatz erweist sich als widerständig und widersprüchlich – ohne Dialog geht nichts, Dialog aber dauert. Die Stadtverwaltung plant ein Bürgerbeteiligungsverfahren. Mit Konzeption, Ausschreibung, Vorlauf etc. wird dieses Jahre dauern, und selbst dann ist noch nichts gebaut oder entschieden. In Bürgerversammlungen kommen so Zeiträume nicht gut an. Es soll jetzt etwas passieren – aber was?

Die Alternative?

Die Lage ist verworren, die Antwort der Stadt heißt „Interim“. Experiment. Vorläufiges statt Endgültiges, bespielen statt zuschütten, man will vor Ort ausprobieren statt im stillen Kämmerlein zu entscheiden. Dafür hat die Stadt Köln eine einzigartige und verästelte Koalition an den Tisch gebracht. Es ist ein Experiment in kollektiver Stadterkundung und Stadtgestaltung, offen und neugierig.

Wer ist mit dabei?

  • Der Bürgerverein Eigelstein, der regelmäßig Veedelstreffen im Brauhaus um die Ecke organisiert die und Anwohnerinnen und Anwohner an den Tisch bringt.
  • Die Kunsträume aus der Passage mit ihren Aktionen.
  • Die Alte Feuerwache, Bürgerzentrum und soziale Einrichtung, die an ausgewählten Samstagen den Platz mit Aktionen bespielt.
  • Dublab, ein experimentelles Radio, und das King Georg, ein von Kulturmachern getragener Club samt Kultur- und Event-Büdchen („Kiosk“).
  • Diverse Ämter der Stadtverwaltung.
  • Eine Gruppe, die den seit Jahrzehnten trocken gefallenen Brunnen in der Platzmitte wieder beleben aktivieren wollen.
  • Gastronomen, aus der Kölner Kulturszene, die mit Biergarten & Co den Platz beleben wollen.
  • Die Polizei, die am Platz regelmäßig kontrolliert.
  • Und wir, die Agora Köln, ein breites Bürgerbündnis, die einen autofreien Sonntag rund um den Platz planen

Der Auftakt

Noch sortiert sich das Ensemble, es treffen sich Arbeitsgruppen, es wird verhandelt und es werden Anträge geschrieben und bewilligt, auch ein Interim braucht Geld.

Doch es haben auch schon Aktionen vor Ort stattgefunden. Der Bürgerverein hat die Randbeete bepflanzt, Stauden statt Tristesse. Ab Mitte Juni wird das Dublab-Radio Aktionen machen. Bei den Auftaktsendungen soll es natürlich um den Platz gehen. Die Alte Feuerwache hat Aktionen auf dem Platz stattfinden lassen, zur Historie oder der Rolle der Natur. Der Brunnen soll im Juli wieder sprudeln, die Stadt hat Geld gefunden, um Pumpe und Leitungen wieder zu aktivieren. Die Kunsträume haben ein neues Festival an den Platz geholt, Vernissagen und Finissagen veranstaltet.

Ein autofreier Sonntag als Impuls?

Auch wir waren aktiv – und haben am King Georg-Büdchen und in den Straßen für den „Tag des guten Lebens“, einen autofreien Sonntag, geworben, der am 1. Juli in den beiden Stadtvierteln stattfinden soll. Bei unseren Infoständen und Aktionen haben wir dabei durchaus eine Aufbruchstimmung gespürt. Der Platz bekommt Aufmerksamkeit und Energie, es gibt den Willen, gemeinsam Dinge auszuprobieren. Auch wenn man nicht immer einer Meinung über langfristige Entwicklung ist. Unser nächster großer Schritt ist der Tag des guten Lebens.

„Der Tag“ hat zwar schon viermal stattgefunden. Aber weil er durch die Stadtviertel wandert, ist doch jedes Jahr ein Experiment und ein neuer Anlauf. Das Agnes- und Eigelsteinviertel haben wir schon seit Jahren im Auge, der Ebertplatz hat dabei auch eine Rolle gespielt – schließlich ist es spannender einen autofreien Sonntag an einem Ort zu veranstalten, der „zur Debatte“ steht als an einem Platz, der gerade fertig umgebaut ist.

Wir hoffen, mit dem Tag des guten Lebens vor Ort neue Vorstellungs- und Möglichkeitsräume zu schaffen. Der Tag macht es möglich, urbane Räume neu zu erfahren, Freiräume zu erobern, Denkmuster zu durchbrechen. Das reale „Freiräumen“ von Verkehrs- und Parkflächen schafft dabei einen direkten, auch emotionalen Zugang zu „urbanen Möglichkeitsräumen“: Man sieht, hört und schmeckt, wie eine andere Stadt aussähe.

Bezogen auf den Ebertplatz bleibt es spannend, ob und wie der Tag des guten Lebens dort funktionieren wird. Es haben sich Musiker- und Künstlergruppen angekündigt, von der Marching Band der Offenen Jazz Haus Schule bis zum Improvisationsorchester. Der Platz wird oberirdisch und bequem zugänglich sein – die Straßen drum herum werden zum Aufenthaltsort. Es gibt neue Begegnungsmöglichkeiten und Blickachsen.

Vielleicht öffnet der Tag des guten Lebens neue Möglichkeiten, die Architektur am Platz weiterzuentwickeln, ohne sie zu zerstören? Sie in einen neuen Kontext zu bringen? Eine bauliche Lösung zu finden, die die Viertel aktiviert? Die auch den migrantischen Bars und ihrem Publikum sowie den Kunsträumen einen Platz bietet? Und gleichzeitig die Angsträume beseitigt?

Das dauerhafte Experiment

Den Platz umzuplanen und umzugestalten wird noch Jahre dauern – vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht muss es auch nicht in einem großen Rutsch passieren. Vielleicht wird aus dem Interim ein Umbau in Schritten. Vielleicht bleibt der Ebertplatz ein dauerhaftes urbanes Experiment – ein „Arrival Place“, an dem Menschen neu in die Stadt hinwachsen und die Stadt sich dauerhaft weiterentwickelt. Vielleicht werden nicht nur die gut artikulierten Kunstakteure, sondern auch die migrantischen Gruppen dauerhaft eingebunden statt stigmatisiert und vertrieben. Vielleicht funktioniert Bürgerbeteiligung nur so – über das gemeinsame machen ausprobieren, weil die abstrakte Diskussion bestimmte Gruppen doch außen vorlässt.

Wir laden auf jeden Fall ein. Am 1. Juli zum Tag des guten Lebens (am Ebertplatz und weit drum herum). Und immer an den Ebertplatz. Nehmt euch die Zeit beim nächsten Besuch und lasst euch überraschen. Informationen zum Interims gibt es unter http://unser-ebertplatz.de, zum Tag des guten Lebens unter http://tagdesgutenlebens.de.

Martin Herrndorf arbeitet als freiberuflicher Berater, Autor und Projektentwickler in den Bereichen Sozialunternehmertum, Stadtplanung, Bürgerbeteiligung. Er ist Mitgründer des Colabor | Raum für Nachhaltigkeit, einem Coworking-Space und Gemeinschaftsbüro für Nachhaltigkeits-Pioniere in Köln-Ehrenfeld.

Der Tag des guten Lebens wird organisiert von der Agora Köln. Die Agora Köln hat über 130 Mitglieder sowie eine aktive Steuerungsgruppe, die die meisten Entscheidungen trifft. Hinter der Agora Köln steht ein Trägerverein – der Institut Cultura 21 e.V. mit seinen fünfköpfigen Vorstand. Dank an Volker Ermert, Lena Felde, Ralph Herbertz, Sonja Langner, Julia Paffenholz und Thomas Wenzlawski die hier die Verantwortung tragen.

Metadaten


Kommentieren

Kommentar verfassen

Themen