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Stadtentwicklung & Stadtpolitik →

So geht Stadt: Fünf Thesen für gute Nachbarschaft

Ein Gastbeitrag von Christine Bleks

Am 31. Mai werden die diesjährigen Gewinner des Wettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ bekannt gegeben. Unter dem Motto „NachbarschafftInnovation“ suchten die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ nach Lösungen und Projekten, die Gemeinschaft und Nachbarschaft fördern. Diese werden vor allem in Städten dringend gebraucht, auf die in Zukunft große Herausforderungen zukommen – nicht zuletzt durch Migration und demografischen Wandel. Wer allerdings in diesem Kontext von Problemvierteln spricht, hat schon den ersten Schritt in die falsche Richtung getan.

Christine Bleks; Foto: Sebastian Lehmann

Christine Bleks; Foto: Sebastian Lehmann

Fünf Thesen, die erklären, warum Politiker auf ihre Wortwahl achten sollten und wieso Bürgerbeteiligung mehr bedeutet, als dreisprachige Flyer zu drucken:

  1. Migranten besser in die Flüchtlingshilfe einbinden

„Wenn es darum geht, die aktuellen Neuankömmlinge in das Stadtleben zu integrieren, sollten Menschen mit Migrationshintergrund, die schon seit mehreren Jahren hier leben, viel stärker eingebunden werden. Sie sprechen häufig die Sprache der Geflüchteten und können darüber hinaus besser nachvollziehen, wie sich das Ankommen in Deutschland anfühlt. Dass sie bei der Meisterung der aktuellen Herausforderungen eine so zentrale Rolle spielen, signalisiert den ehemaligen Migranten zudem gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung.“

  1. Negative Begriffe vermeiden

„Wie ein Stadtteil von seinen Bewohnern wahrgenommen wird, fängt bei der Sprache an: Viele unterschätzen, was Worte wie Problemviertel, No-go-Area oder sozialer Brennpunkt bei den Menschen bewirken, die in diesen Bezirken wohnen. Denn wenn mein Zuhause ständig als Problem bezeichnet wird, dann fehlt mir auch jede Motivation, mich dafür einzusetzen. Wer Bürger zu mehr Engagement ermutigen will, sollte solche Begriffe vermeiden. Ähnlich verhält es sich mit dem Wort Parallelgesellschaft, das häufig in der Integrationsdebatte fällt. Was heißt das eigentlich? Provokant gefragt: Ist es auch schon eine Parallelgesellschaft, wenn Menschen sich in den gleichen Farben kleiden, nur noch über ein Thema sprechen und sich regelmäßig in Fußballstadien versammeln?“

  1. Mitmachen einfacher gestalten

„Es reicht nicht aus, Flyer in drei Sprachen zu drucken und die Menschen zu irgendwelchen Versammlungen einzuladen. Wenn ein Angebot zur Bürgerbeteiligung nicht angenommen wird, sollte man sich fragen, ob man die Leute richtig angesprochen hat – und nicht gleich davon ausgehen, dass es sie nicht interessiert. Das fängt bei der Terminwahl an. Eine Mutter mit fünf Kindern kann abends nicht einfach für zwei Stunden im Gemeindeamt vorbeikommen. Bürgerbeteiligung sollte nicht mit festen Terminen, sondern mit offenen Fragen beginnen: Wie wollt ihr euch einbringen – und wann? Zudem ist es nicht für jede Kultur selbstverständlich, dass Probleme offen diskutiert werden – dafür muss zuerst ein Verständnis geschaffen werden.“

  1. Die Stadt mit vielen Augen sehen

„Zukunftsfähig sind für mich Städte, in denen Entwicklung nicht eine, sondern alle Abteilungen vorantreiben: von Kultur bis Verwaltung – und am besten mit Unterstützung eines großen Netzwerks. Unter den Bewerbern des Wettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“, sind viele Gemeinden und Städte, die mit regionalen Partnern tolle Projekte umgesetzt haben. Auch Einwohner sollten stärker in die Stadtplanung eingebunden werden. Denn oft kennt der Besitzer des Kiosks an der Ecke die Probleme im Kiez besser als der externe Berater, der engagiert wurde, um Prozesse zu optimieren. Diese beiden muss man ins Gespräch bringen. Die Herausforderung dabei ist, dass jeder dieser Spezialisten eine andere Sprache spricht. Hier braucht es Moderatoren, die dafür sorgen, dass sich alle richtig verstehen.“

  1. Bessere Infrastruktur schaffen

„Beim Thema Integration ist auch die städtische ‚Hardware’ nicht zu unterschätzen: In vielen deutschen Großstädten fehlt es etwa an Wohnungen, die an die Bedürfnisse von Migranten angepasst sind – sprich genügend Platz für Großfamilien bieten. Außerdem braucht es Gemeinschaftsräume, in denen sich Menschen angstfrei begegnen können. Ein großes Potenzial für Städte bieten zudem digitale Nachbarschaftsnetzwerke, wie sie die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ und die Deutsche Bank mit dem Wettbewerb suchen. Doch damit Menschen sich über solche Plattformen unkompliziert begegnen und helfen können, ist eine gute Internetverbindung Voraussetzung. Und die ist in vielen Stadtteilen noch nicht gegeben.“

Über die Autorin

Christine Bleks ist Gründerin des Vereins „Tausche Bildung für Wohnen“ und setzt sich für den Duisburger Stadtteil Marxloh ein. Aktuell berät sie als Fachbeira?tin die Jury des Wettbewerbs „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“, mit dem die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ und die Deutsche Bank Projekte prämieren, die den Mehrwert gemeinschaftlichen Handelns aufzeigen.

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