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Stadtentwicklung & Stadtpolitik →

Stadt und Ernährung? Sollten wir drüber reden.

Essen in der Stadt: Kein Trend, der derzeit mächtiger von den Stadtmagazinen und einschlägigen Kulturblogs gehypt wird. Von Slow Food haben wir inzwischen alle schon einmal was gehört. Die Markthalle IX ist mittlerweile zu sowas wie dem Inbegriff des neuen guten Essens geworden. Neue Laden- und Café-Konzepte wie ORIGINAL UNVERPACKT oder Culinary Misfits stellen die bisherige Konsumkultur konkret in Frage und zeigen, dass es auch anders geht. Auf mittlerweile diversen Streetfood-Events, die wöchentlich in der Stadt aufgesucht werden können, wird der Imbiss zur ultimativen kulinarischen Lustbefriedigung: Essen ist so sexy, wie nie. Regional und Bio erst recht.

Berlin

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Jenseits der neuen Lust am guten Essen wird damit jedoch auch eine ganz grundsätzliche Frage wieder in die Stadt getragen und öffentlich diskutiert: Wie können wir die Ernährung der Stadt gesünder und nachhaltiger gestalten? Und: Können wir damit nicht auch einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Stadt leisten?

Diese Frage stellt sich auch eine Arbeitsgruppe aus Wissenschaftlern und Food-Aktivisten, die das Ernährungssystem Berlins kritisch unter die Lupe nehmen und verändern möchten. Urbanophil hat Beatrice Walthall von der AG Stadt & Ernährung getroffen. Sie erklärt im Kurz-Interview, was die Arbeitsgruppe vor hat und warum Berlin einen Ernährungsrat braucht.

UP: Beatrice, was ist die AG Stadt und Ernährung?

Beatrice: Die AG Stadt & Ernährung wurde im Januar 2014 ins Leben gerufen. Sie ist ein Zusammenschluss von Menschen, die sich für einen insgesamt vielfältigeren, gesünderen, qualitativeren und nachhaltigeren Umgang mit Nahrungsmitteln in Berlin einsetzen. Um dies zu erreichen, arbeitet die AG Stadt & Ernährung an verschiedenen Aufgabenbereichen. Diese schließen eine Sensibilisierung für das Thema ‚Ernährung in der Stadt’ sowie eine Thematisierung von lokalspezifischen Herausforderungen bei der Entwicklung des Berliner Nahrungssystems ein. Ziel ist es, ein Food Policy Council, was man mit Ernährungsrat übersetzen kann, zu gründen.

UP: Was ist ein Ernährungsrat?

Beatrice: Ernährungsräte bilden eine Art Beratungsgremium, die die Entwicklung eines nachhaltigen, gerechten und effektiven Ernährungssystems zum Ziel haben. Die Idee für solch ein Gremium stammt ursprünglich aus den USA. Dort wurde der erste Ernährungsrat 1982 in Knoxville, Tennessee gegründet, um auf mangelhaften Zugang zu gesunden und nahrhaften Lebensmittel zu reagieren. Heute gibt es in den USA und Kanada über 193 solcher Räte. Mittlerweile gibt es vergleichbare Ansätze in England (Bristol, Brighton, London).

In der Regel setzten sich jene Räte aus unterschiedlichen Akteuren des Ernährungssystems zusammen. Neben Vertretern aus der öffentlichen Verwaltung, können dies auch Vertreter aus der Landwirtschaft, der Lebensmittelverarbeitung, dem Lebensmitteleinzelhandel, dem Umwelt-, Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsbereich oder auch der Zivilgesellschaft oder Wissenschaft etc. sein.

Zentrale Aufgaben der Ernährungsräte sind Forschung (z.B. Bestandsaufnahmen, Analysen und Evaluierungen), Politikberatung und -gestaltung, Bildung der Zivilgesellschaft, Entwicklung von Strategien und Umsetzung von Projekten im Zusammenhang mit Ernährungssystemen. Die Strategien (Ernährungstrategien) enthalten meist eine Vision zur Gestaltung des Ernährungssystems, ausgewählte Problem- und Handlungsfelder.

Abhängig von lokalen Bedürfnissen, Politiken, Personalressourcen und finanziellen Mitteln, können die Inhalte und Organisationsform eines Ernährungsrats stark variieren. Deshalb ist es wichtig den jeweiligen Kontext zu beachten, in dem ein Ernährungsrat agieren und funktionieren soll. Unabhängig von der Organisationsstruktur wird oftmals ein Arbeits- bzw. Positionspapier verfasst, um die Legitimation eines Ernährungsrats zu stärken.

UP: Klingt spannend. Warum braucht Berlin einen solchen Ernährungsrat?

Beatrice: Derzeit gibt es keine deutsche Stadt, die einen Ernährungsrat ins Leben gerufen hat – so auch (noch) nicht Berlin. Ein solches Gremium bietet jedoch zahlreiche Potenziale für die Stadt Berlin und ihr Ernährungssystem. Indem Ernährungsräte einen integrierten Dialog zwischen Akteure aus der Kommunalpolitik, Zivilgesellschaft und der Wirtschaft aufnehmen und differente Handlungslogiken vertreten, können sie die Ernährungsdebatte in die Stadt zurückholen. Dabei bedienen und verknüpfen Food Policy Councils viele unterschiedliche Bereiche eines Ernährungssystems – wie Infrastruktur, Umwelt, Soziales, Gesundheit, Politik, Wirtschaft, um nur einige zu nennen – und schaffen dadurch effektive Synergien.

Indem viele unterschiedliche Akteure in solch einem Rat mitwirken können, kann eine Neuverteilung von Aufgaben, Entscheidungsfähigkeiten und Verantwortung gelingen, was essentiell für die Gestaltung eines nachhaltigen, fairen und effektiven Ernährungssystems ist.

Kurz und knapp: Ernährungsräte bilden eine Art Kommunikationsinstrument für Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft im Ernährungssystem, sie ermöglichen ein Systemdenken und bieten Raum für Teilhabe und aktiver Mitgestaltung im Ernährungssystem. Die AG Stadt & Ernährung ist derzeit aktiv, um solche einen Rat ins Leben zu Rufen. Dazu gab es am 28.08.2014 einen ersten Ideen- und Erfahrungsaustausch.

UP: Was sind die nächsten Schritte? Kann man in der AG mitarbeiten?

Beatrice: Weitere Schritte der AG schließen u.a. die Auslotung von lokalen Problem- und Handlungsfeldern sowie Akteuren des Berliner Ernährungssystems ein. Zudem ist die Sensibilisierung für das Thema ‚Ernährung in der Stadt’ weiterhin eine wichtige Aufgabe. Hierzu findet am 03.10.2014 im Rahmen des Berliner Stadt.Land.Food Festivals eine Buchpräsentation und Diskussion mit Philipp Stierand, Katrin Bohn und mir unter dem Titel Die (nahrungs-) produktive Stadt statt. Weitere Infos zur Veranstaltung kann man hier finden.

Wer an einer Mitarbeit interessiert ist oder auch nur als Gast Einblicke in die Aktivitäten der AG Stadt & Ernährung (und dem Ernährungsrat) interessiert ist, kann sich gern per Mail an gruppe@feeding-berlin.de wenden.

UP: Beatrice, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg für die Arbeitsgruppe!

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Beatrice Walthall ist Gründungsmitglied der AG Stadt & Ernährung und engagiert sich für die Gestaltung nachhaltiger städtischer Nahrungssysteme. Derzeit forscht sie als Doktorandin an der Humboldt-Universität zu Berlin zu Dynamiken in städtischen Nahrungssystemen. Ferner ist sie als freiberufliche Wissenschaftlerin tätig und schreibt auf urbanfoodsystem.de über ihre Arbeit. In ihrer Arbeit verbindet sie Theorie und Praxis und kombiniert Themen aus den Bereichen Nachhaltigkeitsforschung, Nahrungssysteme, Stadtforschung und Soziologie. Mit ihrer Expertise und Aktivitäten möchte Beatrice eine Integration der Ernährungsdebatte in die Stadtentwicklung vorantreiben.

Bildquellen

  • Berlin: Beatrice Walthall

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