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Stadtentwicklung & Stadtpolitik →

Symposium: Wer gestaltet die Stadt?

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Wer gestaltet die Stadt? Unter diesem Arbeitstitel hatte die Köln International School of Design ihr interdisziplinäres Symposium gestellt. In vier Themenblöcken aufgeteilt wurden acht Themen präsentiert.

Zum Auftakt gelang Stephan Willinger vom Bonner Institut für Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung ein ausgewogener und informativer Vortrag zu informellem Urbanismus. Willingers Thesen: Wenngleich informelle Initiativen mit Kreativität assoziiert werden und positiv belegt werden, so verfolgen auch informelle Akteure ein eindeutiges Ziel, nämlich das der individuellen Bedürfnisbefriedigung. Daher müssten auch sie sich kritischen Fragen, beispielsweise zur Nachhaltigkeit stellen – gerade auch, weil es sich bei informellen Organisationen häufig um selektive, nicht offene Szenekreise handele. Der Planer hingegen habe sich am Allgemeinwohl zu orientieren und werde daher auch in Zukunft gebraucht.

Christoph Schroeer-Heiermann von der Fakultät für Architektur der FH Köln beschäftigte sich in seinem reich bebilderten und kurzweiligen Vortrag mit städtischem Wiederaufbau nach dem Hurricane Katrina, der im August 2005 zahlreiche Städte der USA zerstört hatte. Sein bedrückendes Fazit: Der Wiederaufbau sei gescheitert, Fehler in Baustilen, Materialität und Planung hätten sich wiederholt, die Region sei für Naturkatastrophen so anfällig wie zuvor.

Was die beiden ersten Vorträge sehr schön zeigen, ist die Kontextabhängigkeit der Beurteilung von planerischen Regularien. Während im ersten Vortrag Informalität als Chance und Bereicherung erkannt wird, stellte sich „Regelfreiheit“ in den USA als fest verankertes kulturelles Ideal dar. Der Versuch einer planerischen Regulierung zur Risikoprävention durch den Staat wird hier als Eingriff in die persönlichen Freiheiten empfunden und abgelehnt.

Boris Sieverts vom Kölner Büro für Städtereisen berichtete im Themenblock „Experimentelle Landnahmen“ von dem „Wunder von La Cayolle“. Zusammen mit Kollegen wurde er eingeladen, im Süden Frankreichs „irgendwas zu machen“. Herausgekommen ist ein beeindruckendes partizipatives Kunstprojekt, bestehend unter anderem aus offenen Räumen und einer Bar an der Peripherie als sozialem Ankerpunkt.

Im Anschluss referierte Alexander Follmann vom Geographischen Institut der Universität zu Köln über den Gemeinschaftsgarten Kölner NeuLand unter der Frage „Das soll ein Garten sein?“ Auf der immer geöffneten Grünfläche soll Umweltschutz erlebbar werden, gepaart mit Workshops, Vorträgen, Themenabenden, soll NeuLand ein Beitrag zur Stadtentwicklung „von unten“ sein.

Unter der Überschrift „Soziale Situationen konstruieren“ – „Acting in public“ gab Andrea Hofmann vom raumlabor Berlin eindrückliche Beispiele für temporäre Projekte, die sich einen Teil des öffentlichen Raumes aneignen. Besonders spannend: Das Beispiel der Eichbaumoper aus dem Jahr 2009 in Mülheim an der Ruhr, einer Oper im U-Bahnhof.

Leben an der Kotti d’Azur“ ist der Titel der Masterarbeit von Sebastian Bührig, die er in Form eines Wissenschaftsromans erstellt hat. Ganz in der Tradition der „dichten Beschreibung“ von Clifford Geertz bewegte sich der Autor für die Recherchen zu seiner Erzählung teilnehmend im Feld – der Gegend um das Kottbusser Tor im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Er begegnet dabei den vielzähligen Gruppen, die am Kotti aufeinanderprallen: Zuwanderer, Künstler, türkische Großfamilien, Obdachlose, Studenten, alteingesessene Berliner, Touristen… und beobachtet mit weitem Auge deren Verhalten und Gewohnheiten. Fachlich interessant: Der Autor beschreibt auch, wie urbane Pioniere, denen in der wissenschaftlichen Literatur zur Gentrification eine Vorliebe für Gründerzeithäuser zugeschrieben wird, zunehmend in die „Wohnmaschinen“ der 60er und 70er Jahre ziehen.

Äußerst aufschlussreich und kurzweilig gestaltete Oliver Märker seinen Vortrag zum Thema „Elektronische Partizipation – die Bürger als Berater“ im abschließenden Block „Teilhabe durch digitale Medien“. Üblicher Weise sind es vor allem mittlere und höhere Bevölkerungsschichten, die ein Interesse an der Mitgestaltung urbaner Räume haben und dieses in Beteiligungsverfahren auch artikulieren. So geschehen auch im vorgestellten Beispiel, einer abrissreifen Hochtrasse in mitten eines Quartiers, das hauptsächlich von Armen, Alten und Zuwanderern bewohnt wird. Genau an diesem Sachverhalt setzte im Anschluss eine intensive Diskussion an. Fazit: Beteiligungskonzepte sind ambitioniert, können aber niemals „alle“ erreichen!

Anna Wildhack und Johannes Bouchain von The Next Network aus Hamburg schloosen das Symposium mit ihrem Beitrag „Gemeinsam Stadt machen – von Bürger. Ideen zu Bürger-Projekten“ ab. Mit dem Pilotprojekt „NextHamburg“ wurde eine Plattform gegründet, bei der Planer, Kommunikatoren und Bürger ihre Ideen gemeinsam diskutieren können. Als Folgeprojekt dazu dient „Stadtmacher“ dazu diese Ideen umzusetzen.

Insgesamt bot die KISD-Veranstaltung ein breites und starkes Themenspektrum, auch wenn den Zuhörern mit Blick auf die Länge des Tages einiges an Konzentration und Durchhaltevermögen abgerungen wurde.

Text: Sonja Broy, Jan Ueblacker, Frieda Horn

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  • stadt-key-kisdconference-site-de: KISDconference

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1 Kommentar
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