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„Wohnprojekte müssen immer mehr für sich kämpfen“ – Interview zu den Experimentdays 16

Das Thema Wohnen ist auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda ganz nach oben gerückt. Überall wird über sozial nachhaltiges wie auch bezahlbares Bauen und Wohnen diskutiert. Das id22 – Institut für kreative Nachhaltigkeit hat sich schon vor Jahren dieser Thematik angenommen und 2003 die EXPERIMENTDAYS ins Leben gerufen. Interessierte haben bei der mehrtägigen Veranstaltung vom 26. Mai bis 3. Juni in Berlin die Möglichkeit, alternative und nachhaltige Wohnformen kennen zu lernen und zu diskutieren. urbanophil hat mit Michael LaFond, Geschäftsführer von id:22, gesprochen.

Experimentdays 16

Experimentdays 16

Hallo Michael, zum 14 Mal veranstaltet „id22“ die EXPERIMENTDAYS in Berlin. Kannst Du allen, die sie nicht kennen, erzählen, was diese Veranstaltungsreihe ist und was Eurer Ziel ist?

Die EXPERIMENTDAYS sind eine Plattform für selbstorganisierte, gemeinschaftliche Wohnprojekte sowie Akteure der kreativen Nachhaltigkeit, die in Berlin alternative Bau- und Wohnkonzepte sowie partizipative Stadtentwicklung fördern wollen. Unsere Veranstaltungsreihe wird bis heute jährlich genutzt, um sich zu vernetzen, voneinander zu lernen und drängende Fragen mit Mitstreiter_innen und Unterstützer_innen zu diskutieren. Dabei ist neben der Förderung des zivilgesellscaftlichen Engagements und der gemeinschaftlichen Nutzung der gebliebenen Freiräume in der Stadt auch immer wieder die Kommunikation mit der Öffentlichkeit über die Themen der kostengünstigen und inklusiven Wohnraumgestaltung ein wichtiges Ziel der EXPERIMENTDAYS.

Was erwartet die Besucher in diesem Jahr?

In diesem Jahr haben wir uns entschieden mit den Fragen auseinanderzusetzen, die eine Großstadt wie Berlin dieser Tage am meisten beschäftigen und haben aus diesem Grund, neben der Sicherung bezahlbaren Wohnraums, das integrative Bauen und Wohnen in den Vordergrund, für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, gerückt. Dabei ist es uns gelungen eine große Bandbreite unterschiedlichster Projekte, Netzwerke, Banken und Stiftungen für unseren WohnProjekeTag am 28. Mai zu gewinnen. Bereits auf unserer Eröffnungsveranstaltung erwarten wir, dank einer großen Gruppe interessanter Redner, eine lehrreiche Diskussion über die Bedeutung von inklusiven, also nicht exklusiven Wohn-Initiativen für die Entwicklung neuer Quartiere in Berlin. Dieser Perspektivenreichtum setzt sich dann bis zum 3. Juni in Projektbegehungen, Info-Runden und Workshops fort. Es wird spannend!

Das diesjährige Schwerpunktthema der EXPERIMENTDAYS lautet“ Integrative Wohnprojekte für alle!“. Warum habt Ihr Euch dieses Thema ausgesucht und welche speziellen Veranstaltungen gibt es dazu?
Eine Veranstaltungswoche, die sich jedes Jahr den aktuellen Themen der urbanen Entwicklung widmet, muss natürlich die Geschehnisse des letzten Jahres ernstnehmen, denn Sie stellen neue Anforderungen an das Bauen, Wohnen und Zusammenleben in unserer Stadt. Hier nehmen die EXPERIMENTDAYS eine zentrale Rolle ein, denn sie beschäftigen sich schon seit Jahren damit wie Integration, Inklusion und Gemeinschaft in einer Großstadt gestaltet und weiter gefördert werden können. Für uns ist es dabei ganz klar, dass zur Bewältigung dieser neuen Form der Wohnraumnachfrage selbstorganisierter, gemeinschaftlicher und experimenteller Wohnungsbau mit all seinen Qualitäten wichtige Impulse geben kann.
Speziell auf unserem WohnProjekteTag stellen sich eine Vielzahl von Projekten und Baugruppen vor, die sich der Frage Integration und der partizipativen Wohnraumgestaltung auf ganz verschiedene Arten angenommen haben. Eine großartige Möglichkeit mit Menschen in Kontakt zu kommen und sich über die Vielfalt an Bauvorhaben und Gemeinschaftskonzepten, die in Berlin existieren zu informieren. Auf Stadttouren werden zudem Berliner Gartenprojekte besichtigt, die als Begegnungsräume dienen und in Neukölln zeigen syrische Flüchtlinge den Teilnehmern ihre Lebenswelt in diesem Teil Berlins.
Auf Exkursionen haben Teilnehmer die Chance mit dem Sharehouse Refugio und dem Projekt VOLLGUT aus Neukölln sowie dem Haus der Statistik am Alexanderplatz drei ganz unterschiedliche und beispielhafte, auch inklusive Wohnprojekte kennenzulernen.

Wenn ich gern in einem Wohnprojekt leben würde und noch Verbündete und auch Bauherren bzw. Architekten suche – welche Veranstaltung sollte ich bei den EXPERIMENTDAYS nicht verpassen?
Ganz besonders würde ich dir unseren WohnProjekteTag am 28. Mai empfehlen, auf dem du ganz unterschiedliche Projekte kennenlernen kannst. Das persönliche Gespräch und der lebendige Austausch stehen auf der WohnProjekteBörse an erster Stelle und Du kannst mit Planner_innen über die Umsetzung, mit Bankenvertreter_innen über die Finanzierung und mit Entwickler_innen sowie Projektverantwortlichen über ihre Erfahrungen sprechen. Info-Runden klären darüber hinaus über unterschiedliche Aspekte des Themas gemeinschaftliches und integratives Wohnen auf. Vorbildliche Projekte sind natürlich aus ganz Berlin dabei, aber auch das Projekt Grandhotel Cosmopolis aus Augsburg sowie Que(e)rbau aus Wien. Auf allen Veranstaltungen kannst du dich inspirieren lassen und wichtige Kontakte knüpfen, um dein eigenes Wohnprojekt Wirklichkeit werden zu lassen. Außerdem wirst du viele Gleichgesinnte treffen und mit ihnen zusammen verschiedene Wege kennenlernen zu der eignen Wohnform zu gelangen.

Experimentdays 16, Foto: Larisa Tsvetkova

Experimentdays 16, Foto: Larisa Tsvetkova

Du wohnst ja selbst im Spreefeld – kannst du aus Deiner persönlichen Sicht erzählen, was für dich das gemeinschaftliche Wohnen ausmacht und was solche Projekte für die Stadt Berlin leisten können?
Das gemeinschaftliche Wohnen ist für mich eine angenehme und vielleicht auch notwendige Ergänzung zum anonymen Großstadtleben. Die Spreefeld Genossenschaft bietet mir Mitgestaltungsmöglichkeiten aber auch stabile und abgesicherte Wohnverhältnisse. CoHousing wäre ja auch eine Beschreibung unserer Spree Wg, eine 21 Personen große Wohngemeinschaft in der Genossenschaft. Wir kochen und essen viel zusammen, teilen Küche und Waschmaschinen, und darüber hinaus das Leben. Wir sind keine Kommune, aber gute Freunde und Nachbarn.
Solche Projekte bieten sozialen Alternativen zum unsicheren und aufgehetzten sowie spekulativen Wohnmarkt. Genossenschaften wie Spreefeld sind auch in der Lage inklusivere und integrativere Wohnstrategien auszuprobieren und bekanntzumachen.

Wo siehst du Probleme beim Thema selbstorganisierte Wohnformen? Was sollten zukünftige Bewohner beachten und wo können die EXPERIMENTDAYS Unterstützung bieten?
Selbstorganisierte Wohnprojekte haben in Berlin leider immer mehr für sich zu kämpfen, z.B. um das notwendige Grundstück zu finden oder um eine Finanzierung zu organisieren. Das Land Berlin baut inzwischen viel und schnell, denkt anscheinend nur an Quantitäten, und ist nicht wirklich dabei Qualitäten, wie von partizipativen und experimentellen Wohnformen manifestiert, in der Wohnpolitik miteinzubeziehen. Gemeinschaftliche Wohnformen sind eben in der Regel selbstbestimmt, und so haben Mitbewohner relativ viel Zeit mitzubringen. Eine Genossenschaft mitzuplanen und mitzuverwalten ist eine Lebensentscheidung, eine ganz gute!
Die EXPERIMENTDAYS schaffen auf alle Fälle für Probleme sowie für Möglichkeiten Aufmerksamkeit. Teilnehmer sowie Besucher können sich vernetzen, Mitmachmöglichkeiten kennenlernen und Inspiration finden.

Es hat sich in der Schweiz, z.B. in Zürich, eine neue Genossenschaftsbewegung entwickelt. Wo könnte die Stadt Berlin von anderen Städten lernen? Welcher Unterstützung bedarf es von Stadtpolitik und Verwaltung?
Berlin ist nach wie vor innovativ und die “Hauptstadt der Wohnprojekte”. Berlin hat aber mit den Jahren mit Herausforderungen zu tun, die in Städten wie München oder auch London schon lange bekannt sind: hohe Mieten und Grundstückskosten sowie aggressiven und spekulativen Kräften. Wegen einer Sozialwohnungspolitik hat Berlin z.B. von Wien zu lernen, und wegen einer Unterstützung für Genossenschaften auf alle Fälle haben wir von Zürich zu lernen!

Was würdest du dir für die kommenden Jahre wünschen?
Mehr und bessere Kommunikation sowie eine konstruktive Kooperation zwischen Senatsverwaltung und zivilgesellschaftlichen Initiativen wäre in Berlin zu wünschen. Mehr Verständnis und Unterstützung für innovativen Wohninitiativen die inklusive und integrative Wohnformen in dieser Stadt entwicklen wäre auch was.
Wir sollten auf kein Fall in Berlin aufgeben! Es ist noch nicht zu spät. Aber doch – haben wir uns als Stadtgesellschaft für eine bessere Wohnpolitik, inklusive Fördermöglichkeiten für selbstorganisierte und gemeinschaftliche Wohnprojekte, einzusetzen!

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für die Experimentdays 16!

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Dr. Michael LaFond kommt ursprünglich aus Seattle und lebt seit 1991 in Berlin. Er gründete im Jahr 2000 id22: Institut für kreative Nachhaltigkeit. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit der *Selbstorganisation*, mit Wohnprojekten, Genossenschaften und CoHousing und mit den Zusammenhängen zwischen Kultur und Nachhaltigkeit. Mit seinen Projekten bewegt sich Michael LaFond zwischen den Themenfeldern Kunst, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Bildung.

Neben den EXPERIMENTDAYS sind die Hauptprojekte und Veranstaltungen, die id22 derzeit organisiert und durchführt experimentcity mit den EXPERIMENTDAYS sowie der CoHousing | Berlin Plattform, die Veröffentlichung zu CoHousing Cultures sowie die creative sustainability tours. id22 untersucht, vernetzt und unterstützt Projekte, die mit dem Thema kreative Nachhaltigkeit arbeiten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Berlins selbstorganisierten und partizipativen Wohn- und Kiezinitiativen.

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