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Adventskalender Tag 24: Die Bonner Beethovenhalle

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Die Beethovenhalle, Blick vom Rhein (1959/60)

Die Bonner Beethovenhalle: Ein Festspielhaus zu Ehren Beethovens

Als am 2. Januar 1954 der „Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für die neue Beethovenhalle in Bonn“ ausgeschrieben wurde, ahnte wohl niemand, welch erstaunlichen Ausgang dieser nehmen würde. Aufgefordert waren „Architekten und Architekturstudenten des Bundesgebietes, der Ostzone und von Ost- und Westberlin sowie des Saarlandes“. Insgesamt 109 Einreichungen hatte das Preisgericht unter dem Vorsitz des berühmten Kirchenbauers Otto Bartning zu sichten. Aus den drei Tagen Beratungszeit ging der gerade 29 Jahre alte Architekt Siegfried Wolske (1925-2005) als Erstplatzierter hervor. In Berlin geboren, war dieser damals in Köln bei dem Architekten Hans Schilling angestellt. Die Beethovenhalle stellt seinen ersten großen Entwurf und seine erste Beteiligung an einem Wettbewerb dar.

Der Architekt Siegfried Wolske und eine Zeichnung der Beethovenhalle aus seiner Hand (1957)

Der Architekt Siegfried Wolske und eine Zeichnung der Beethovenhalle aus seiner Hand (1957)

Wolske hatte in den Jahren 1948-52 an der Technischen Universität in Berlin Architektur studiert. Zu den Professoren seiner Zeit zählten neben anderen keine geringeren als Willy Kreuer und Hans Scharoun, welche heute zu den bekanntesten Vertretern der Zeit des Wiederaufbaus zählen und deren Bauten für viele ihrer Schüler vorbildgebend und richtungsweisend wurden. Auch Wolske zeigt in seinem Entwurf für die Beethovenhalle klare Bezüge zu der Formensprache seines Lehrers für Städtebau, Scharoun, der als einer der bekanntesten Vertreter des sogenannten „Organischen Bauens“ gilt.

Das Grundprinzip dieser Architekturrichtung, die ihre Anfänge bereits in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts fand, wird mit den Worten Scharouns zu einem seiner Bauten deutlich: „Es sind vielmehr die (…) Teile Glieder eines Ganzen und sie wirken zusammen, wie Organe im Organismus und Organismen in der Ganzheit zusammenwirken.“ Für die Konzeption eines Gebäudes nach dieser Theorie ist nicht das Erscheinungsbild ausschlaggebend, sondern die inhaltliche Funktion bestimmt die Ausdehnung und die Anlegung der einzelnen Bauglieder. Davon ausgehend ergeben sich die Raumgefüge und -zuordnungen, als auch die Größenverhältnisse und Ausstattungsdetails. Die Beethovenhalle in Bonn zeigt diese Theorien in gebauter Form. Wolske selbst sagte in einem Interview am 30. März 1955, nachdem er erfahren hatte, dass sein Entwurf für die neue Beethovenhalle nicht nur gewonnen hatte, sondern auch ausgeführt werden sollte:

„Bei meinem Entwurf bin ich nicht vom Baukörper, sondern von den soziologischen Bezügen ausgegangen, die den Menschen dem zu schaffenden Raum zuordnen: der Mensch als Maßstab, die gesellschaftliche Atmosphäre als das Bestimmende.“

Luftbild der Beethovenhalle

Luftbild der Beethovenhalle

Um den Bau der in der Geschichte Bonns bereits dritten Beethovenhalle umzusetzen, musste zunächst der gewählte Bauplatz enttrümmert werden. Bis zu den Bombardierungen Bonns am 18. Oktober 1944 hatten hier im nördlichen Teil der Bonner Innenstadt mit Blick auf den Rhein die Frauenkliniken der Universität gestanden. Im Vorfeld des Entwurfswettbewerbs war es zu großen Diskussionen um die Wahl des Standortes gekommen. Die Stadtverwaltung hatte sich die Beethovenhalle im Bereich der heutigen Rheinaue im Süden des Stadtgebietes gewünscht. Der eigens gegründete „Stifterverband Beethovenhalle Bonn e. V.“ favorisierte den Ort des heutigen Stadttheaters. Letztendlich war es der Wunsch der Bürgerschaft, die ihre Beethovenhalle im Zentrum, als eine Verbindung zwischen Alt- und Nordstadt befürworteten, der mit der Entscheidung zugunsten des nun freien Grundstücks im Bereich Wachsbleiche/Theaterstraße, erfüllt wurde.

Die erste Baubesprechung für den Neubau fand im Januar 1956 statt. Dem jungen Architekten Siegfried Wolske war auch die Bauleitung übertragen worden und in den kommenden Jahren pendelte er, mittlerweile mit seiner jungen Familie in Hamburg lebend, wochenweise nach Bonn und bezog ein kleines Zimmer mit Blick auf die Baustelle. Unterstützend und beratend wirkte das für den Neubau gegründete „Kuratorium zur Förderung und Pflege des künstlerischen und geistigen Erbes Ludwig van Beethovens“, bestehend aus 47 herausragenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vieler Länder der Welt, unter dem Ehrenvorsitz des Bundespräsidenten Theodor Heuss. Dieser war es auch, der am 16. März 1956 die feierliche Grundsteinlegung vollzog und damit den Startschuss für die dreieinhalbjährige Bauzeit gab. Unter der Bronzeplatte des Grundsteins im Großen Foyer der Halle verbirgt sich neben einer Urkunde auch eine Urne mit Erde vom Grab Beethovens in Wien. Die Beethovenhalle war somit von Anbeginn an als Feststätte zu Ehren des berühmtesten Sohns der Stadt Bonn gebaut worden.

Bundespräsident Theodor Heuss (3. v. r.) und Architekt Siegfried Wolske (2. v. r.) auf der Baustelle (1958)

Bundespräsident Theodor Heuss (3. v. r.) und Architekt Siegfried Wolske (2. v. r.) auf der Baustelle (1958)

Der Bau der Beethovenhalle kostete rund 9,5 Millionen DM. Mit einer Beteiligung von je einer Million waren der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen beteiligt. Die Stadt Bonn investierte 6,5 Millionen. Der ausstehende Betrag von über einer Million war durch zahlreiche Spendenaktionen der Bonner Bürgerschaft zusammengekommen, die bereits seit 1951 Geld zu sammeln begonnen hatten. Einen wahrlichen Höhepunkt in der internationalen Spendenwerbung war das Konzert in der Carnegie Hall in New York durch den amerikanischen Pianisten Andor Foldes.

Noch vor der offiziellen Eröffnung wurde den Bürgerinnen und Bürger Bonns eine erste Gelegenheit geboten „ihre“ neue Beethovenhalle zu besichtigen. Zu den öffentlichen Führungen durch den fast fertig gestellten Bau kamen im Februar 1959 rund 12.000 Besucher. Am 8. September 1959 war es dann soweit. Bei der offiziellen Schlüsselübergabe an den damaligen Bürgermeister Hans Daniels sind auch Theodor Heuss und sein Nachfolger Heinrich Lübke anwesend – die feierliche Eröffnungsveranstaltung war zugleich die letzte Amtshandlung des scheidenden Bundespräsidenten.

Materialien und Details der Beethovenhalle

Materialien und Details der Beethovenhalle

Die umfangreiche Darstellung der Entstehungsgeschichte der Beethovenhalle macht deutlich mit welch hohen Ansprüchen seinerzeit an die Errichtung der Konzert- und Veranstaltungshalle in Bonn zu Ehren Ludwig van Beethovens herangegangen wurde. Noch zu ihrem 25-jährigen Jubiläum im Jahr 1984 fanden zahlreiche Konzerte statt, um den Geburtstag des „Parketts der Bonner Republik“ angemessen zu feiern. Weitere 25 Jahre später, 2009, waren es eher Abrissgedanken, die den Geburtstag überschatteten und gar dazu führten den Geburtstag einfach ausfallen zu lassen. Die durch die Presse wabernde Polemik der Abrissbefürworter sprach der Architektur jegliche Qualitäten ab. Der bereits seit 1990 bestehende Denkmalschutz wurde gänzlich ignoriert. Zu sehr wünschte man sich eine Lösung für das Angebot dreier ortsansässiger DAX-Unternehmen Bonn ein neues Festspielhaus zu Ehren Beethovens zu „schenken“. Dieses wollte man nur zu gerne annehmen. Viel zu schlecht hatte man sich die vergangenen Jahre um die bestehende Konzerthalle gekümmert. Was wäre da einfacher gewesen als die Lösung den immer weiter hinausgeschobenen Sanierungsstau mit dem Bedarf nach einem Grundstück für den „geschenkten“ Neubau gleich in einem Abwasch gegeneinander auszutauschen?!

Beethovenhalle Bonn. Konzerthaus. Festsaal. Denkmal.

Für den Erhalt entstand auch eine umfangreiche Publikation, hervorgegangen aus Beiträgen des wissenschaftlichen Kolloquiums „brennpunkt beethovenhalle“

Gerettet werden konnte die Beethovenhalle letztendlich durch stete Aufklärungsarbeit und Darstellung ihrer Qualitäten, breite Unterstützung durch die Fachwelt und mit Hilfe vieler Bonner Bürger, die an ihrer Halle festhielten. All das zusammengenommen hätte vielleicht noch nicht ganz ausgereicht. Auch in Bonn waren es letztendlich die klammen Haushaltskassen, die Planungen für den Neubau im Jahr 2010 auf Eis legten und das Damoklesschwert von dem Denkmal nahmen.

Knappe drei weitere Jahre sollte es dauern, bis seit diesem Jahr feststeht, dass die Beethovenhalle nun endlich restauriert wird. Die Stimmen für einen Neubau und der Wunsch diesen bis zum 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens im Jahr 2020 fertigzustellen sind noch immer in Bonn zu hören. Das Grundstück, auf dem dieser dann stehen würde, soll sich in der Rheinaue finden. Sollte der mittlerweile größtenteils durch private Gelder zu finanzierende Neubau wirklich noch realisiert werden, würde der Wunsch der Stadtverwaltung der 1950er Jahre also vielleicht doch noch in Erfüllung gehen?

Die Beethovenhalle soll bis 2019 fertig saniert sein. Als Beethoven-Festspielhaus gebaut, könnte also auch sie der Hauptspielort des Geburtstags des großen Sohns der Stadt werden. Was auch immer die kommenden Jahre bringen mag. Wichtig ist, die Ikone der Nachkriegsarchitektur (FAZ 2009) wird erhalten bleiben. Und im Jahre ihres 60. Geburtstages werden die Feierlichkeiten ihr zu Ehren in einem frisch restaurierten Haus stattfinden können. Zur Zeit liegt die Herausforderung vor allem darin, dass es einen denkmalgeschützten Bau der Nachkriegszeit zu restaurieren gilt, der in seiner Originalsubstanz erhalten ist. Ein Blick wenige Kilometer rheinaufwärts, wo zur Zeit die Sanierung der Bühnen der Stadt Köln (1954-62, Wilhelm Riphahn) sich eben diesen Herausforderungen stellt, oder in den Süden der Republik auf die bereits gelungene Sanierung der Augsburger Kongresshalle (1965-1972, Max Speidel) sind hilfreich und würden die Vorurteile, dass der Erhalt von denkmalgeschützter Substanz aus der Zeit nach 1945 kaum möglich sei, sicherlich schnell widerlegen.

Das restaurierungsbedürftige Originalmodell der Beethovenhalle aus dem Jahr 1954/55

Das restaurierungsbedürftige Originalmodell der Beethovenhalle aus dem Jahr 1954/55

Was im Großen nun begonnen werden soll, wird von dem Verein ProBeethovenhalle im Kleinen schon angegangen. Vor einiger Zeit fand sich eine wahre Rarität in den Kellern der Beethovenhalle wieder: das originale Architekturmodell aus dem Jahre 1954. Um es der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen und seine Aufstellung im Foyer der Halle zu ermöglichen, wird das Modell zur Zeit restauriert. Mit Hilfe einer Anzahl von Bonner Institutionen wird die Konservierung des Modells finanziert.

Auch die Werkstatt Baukultur Bonn, die eine Weiterführung der „Initiative Beethovenhalle“ ist, also der Studenten am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn, die sich vehement gegen den Abriss gewendet haben, beteiligt sich mit ihrem Adventskalender aktiv an der Spendensammlung.

Beethovenhalle Bonn
Wachsbleiche 16
53111 Bonn

Öffnungszeiten: zu den Veranstaltungen
Kunsthistorische Führungen sind kostenfrei und öffentlich und auch auf Nachfrage unter der E-Mail info@baukultur-bonn.de buchbar.

Weiterführende Literatur:

Martin Bredenbeck, Constanze Moneke, Martin Neubacher (Hg.): Beethovenhalle Bonn. Konzerthaus. Festsaal. Denkmal. Erschienen im Weidle Verlag Bonn, 2010. ISBN: 978-3-938803-28-8

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Die Autorin Constanze Moneke ist Kunsthistorikerin und Mitarbeiterin der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Sie zählt zu den Mitbegründern der Initiative Beethovenhalle und der Werkstatt Baukultur Bonn. Sie schreibt ihre Doktorarbeit über das Leben und Werk des Architekten der Beethovenhalle, Siegfried Wolske.

Bildquellen

  • Die Beethovenhalle, Blick vom Rhein (1959/60): © Schafgans Archiv / Hans Schafgans
  • Der Architekt Siegfried Wolske und eine Zeichnung der Beethovenhalle aus seiner Hand (1957): © Privat, Nachlass Siegfried Wolske
  • Luftbild der Beethovenhalle: © Repro aus: Stadt Bonn (Hrsg.): Beethovenhalle Bonn. Kongreß- und Kulturzentrum. Bonn 1962
  • Bundespräsident Theodor Heuss (3. v. r.) und Architekt Siegfried Wolske (2. v. r.) auf der Baustelle (1958): © Privat, Nachlass Siegfried Wolske, Fotograf unbekannt
  • Materialien und Details der Beethovenhalle: © Constanze Moneke

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