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Städtebau & Architektur →

Als Städtebau olympisch war

Eine Silbermedaille in Architektur: Alfréd Hajós; Dezsö Lauber (1936): Plan for a stadium.

Eine Silbermedaille in Architektur: Alfréd Hajós; Dezsö Lauber (1936): Plan for a stadium.

Die olympischen Spiele sind in vollem Gange, es wurde schon viel über den Sport selbst, über weiße Elefanten und die soziale Lage in Brasilien geschrieben. Nur ein Aspekt – ein ziemlich urbanophiler Aspekt! – blieb bislang unbeachtet: 36 Jahre lang war Architektur eine olympische Disziplin, die olympische Kategorie Städtebau gab es 20 Jahre lang.

Der Beginn der olympischen Spiele der Neuzeit 1896 fiel in eine Zeit des Aufbruchs und des schnellen Wandels in vielen Ländern. Industrialisierung, soziale Missstände und technischer Fortschritt. Der Pädagoge Pierre de Coubertin, Mitbegründer und erster Generalsekretär des IOC, sah im friedlichen Sportwettbewerb ein Mittel der Völkerverständigung (ob das heute noch so ist, ist eine andere Frage). In Erziehungsfragen wollte er Neues ausprobieren und mithilfe des Sports sollten Körper, Seele und Geist zusammenfinden. Bereits zu den ersten Spielen entwickelte er die Idee, auch Kunstwettbewerbe bei den Sommerspielen abzuhalten. Nach einigem Widerstand wurden 1912 in Stockholm erste Kunstwettbewerbe durchgeführt und erst 1952 in Helsinki – angeblich aufgrund von Zeitmangel in der Vorbereitung – nicht mehr durchgeführt.

1924 mit einer Silbermedaille in Malerei ausgezeichnet: Jack Butler Yeats für "The Liffey Swim".

1924 mit einer Silbermedaille in Malerei ausgezeichnet: Jack Butler Yeats für „The Liffey Swim“.

Die Kategorien, in denen künstlerisches Schaffen in den Wettbewerb trat, waren klassisch gewählt: Architektur, Bildhauerei, Malerei, Literatur und Musik. Kunst aus anderen Bereichen, wie Theater und Fotografie, blieb unberücksichtigt. Bei den Spielen in Amsterdam 1928 wurden mehrere Unterkategorien eingeführt, auch im Bereich Architektur, und so wurden nun auch Medaillen in „Architektonischer Entwurf“ und „Städtebaulicher Entwurf“ verliehen.

Grundsatz des olympischen Kunstwettbewerbs war, dass die Beiträge einen Bezug zum Sport haben mussten. Gemalte Schlittschuhläufer, in Stein gehauene Boxer und ein gesungener olympischer Schwur zählten zu den Gewinnerarbeiten. Der sportliche Bezug in den Kategorien Architektur und Städtebau bestand – naheliegenderweise – durch die vorgesehene Nutzung der entworfenen Anlage. Die Gewinner-Beiträge für die olympischen Wettbewerbe waren daher fast ausnahmslos Schwimmhallen, Stadien, Sportparks und Sportfelder.

Darunter findet sich auch der Siegerentwurf von Berlin 1936: das Reichssportfeld, auf dem die olympischen Spiele praktischerweise auch gleich stattfanden. Werner March und sein Bruder Walter March gewannen damit nicht nur die Goldmedaille in Städtebau, sondern gleich noch eine Silbermedaille in Architektur. Grundsätzlich fällt auf, dass die Kunstwettbewerbe häufig von den Ausrichterländern dominiert wurden, was wohl auch daran lag, dass die Juroren meist vom Ausrichterland ausgewählt wurden. Medaillengewinner Werner March saß 1936 auch ganz direkt im Kunstkommittee der Spiele, neben zahlreichen Mitgliedern der jeweiligen NS-Reichskammern. Von den neun verliehenen Kunst-Goldmedaillen gingen 1936 dann folglich fünf an Nazi-Deutschland und je eine an Österreich, die Schweiz, Italien und Finnland.

Reichssportfeld für die olympischen Spiele in Berlin, 1936

Reichssportfeld für die olympischen Spiele in Berlin, 1936: Gold und Silber.

Doch der Architektur- und Städtebau-Wettbewerb bietet auch inhaltlich einige Besonderheiten: ein Stadtpark-Entwurf für Hamburg (Max Laeuger, Bronze 1928 in Amsterdam), eine Sporthalle der Yale University (John Russell Pope, Silber 1932 in L.A.), die Skisprungschanze auf dem Kobenzl (Adolf Hoch, Gold 1948 in London) und sogar eine Stierkampfarena (Gustave Saacke, Pierre Montenot, Pierre Bailly, Gold 1932 in L.A.). Das vielleicht größte Kuriosum ist aber die architektonische Bronzemedaille für Julien Médecin, der 1924 in Paris seinen Entwurf für ein „Stadion für Monte Carlo“ einreichte. Es war und ist bis heute die einzige olympische Medaille für Monaco. Das Stadion wurde übrigens nie errichtet.

'Un Stadium pour Monte-Carlo': Profil der großen Tribüne (links), Ehrenloge (rechts)

Bronze: ‚Un Stadium pour Monte-Carlo‘: Profil der großen Tribüne (links), Ehrenloge (rechts)

Viele Beiträge der Kunstwettbewerbe (darunter auch sehr viele Medaillengewinner) sind heute unbekannt, ihre Einreichungen teilweise verschollen. Bernhard Kramer beschreibt in „Die Olympischen Kunstwettbewerbe von 1912 bis 1948: Ergebnisse einer Spurensuche“ die Lücken, die sich in der Dokumentation der Kunstwettbewerbe der olympischen Geschichte nach wie vor finden.

In den 1950ern einigten sich die Sportfunktionäre schließlich darauf, die Kunstwettbewerbe nicht mehr stattfinden zu lassen. Dafür sollten begleitende Kunstausstellungen während der Spiele stattfinden. Wie langfristig die Wirkung des Beschlusses war, sieht man, wenn man nach Kunstevents auf der Seite rio2016.com sucht: Man findet dazu nichts. Dabei wären künstlerische Arbeiten, die sich kritisch mit dem Sport (Doping, Vetternwirtschaft, fragwürdige Legacy der Spiele) auseinandersetzen eine Chance für das IOC, die olympischen Spiele weiterzuentwickeln. Auch die Auseinandersetzung mit dem architektonisch-städtebaulichen Impact von olympischen Spielen würde den Spielen gut stehen.

 

Bildquellen

  • Plan for a stadium: Alfréd Hajós; Dezsö Lauber, 1936, gemeinfrei
  • The Liffey Swim: Jack Butler Yeats, National Gallery of Ireland
  • Reichssportfeld: Baedeker Deutschland 1936
  • Un Stadium pour Monte-Carlo: J. Medecin

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