Architekturmoderne in Oberschlesien – Zeichen der Zeilung. Ein Reisebericht

by Gastautor | 27. Juni 2012 08:10

Badeanstalt in Zabrze (ehem. Hindenburg) von 1929. Foto: Toni Jost

Im Mai 2012 fand die deutsch-polnische Studienreise „Zeichen der Teilung – das Erbe der Architekturmoderne in Oberschlesien heute“ in der Region von Kattowitz statt. Gastautorin Malgorzata Popiolek, Absolventin des Masterstudiengangs Denkmalpflege an der TU Berlin, hat ihre Eindrücke von der Reise zusammengefasst und zeigt, wie vielfältig die Architektur in dieser Region ist.

Die heutige Architekturlandschaft Schlesiens im Süden von Polen ist immer noch durch die Wechselfälle der oberschlesischen Geschichte geprägt. Durch den Beschluss des Versailler Vertrags und der danach folgenden Plebiszite fiel 1922 der östliche Teil des Industriegebietes Oberschlesiens mit seiner Hauptstadt Kattowitz endgültig an Polen. Zusammen mit dem Verlust eines wichtigen Verwaltungszentrums kam es auf der deutschen Seite zur Idee der Schöpfung einer Dreistadt: Gleiwitz-Hindenburg-Beuthen, die aus den in der Umgebung von Kattowitz befindlichen Städten bzw. Dörfern zusammengesetzt werden sollte. Die bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges bestehende Teilung Oberschlesiens war der Beginn eines Wettkampfes zwischen den beiden Ländern um die politische, wirtschaftliche und kulturelle Überlegenheit, die auch in der Architektur- und Stadtplanung zum Ausdruck gebracht wurde.

Anfang Mai 2012 trafen sich in Kattowitz deutsche und polnische Studierende, um die architektonischen Spuren dieses historischen Konfliktes zu erforschen. Die deutsche Antwort auf die Entwicklung von Kattowitz in der Zwischenkriegszeit wurde am Beispiel der Stadt Hindenburg (heute Zabrze) untersucht. Die Organisatoren der Exkursion (Deutsches Kulturforum, Institut für angewandte Geschichte und Schlesisches Museum zu Görlitz) bereiteten für die Exkursionsteilnehmer ein abwechslungsreiches Programm vor. Die Ergebnisse dieser Reise werden in Form einer interaktiven Internetkarte präsentiert, in der das Erbe der Zwischenkriegsarchitektur und Stadtplanung des polnischen und des deutschen Teils Oberschlesiens am Beispiel von Kattowitz und Hindenburg dargestellt wird. Die Karte wird im Herbst 2012 fertig gestellt und wird sowohl für den deutsch- als auch für den polnischsprachigen Nutzer zugänglich sein.

Schlesisches Parlament in Kattowitz (1929). Foto: Malgorzata Popiolek

Die Kattowitzer Architektur zeichnete sich in den ersten Jahren polnischer Herrschaft durch einen reduzierten Neoklassizismusstil aus, in dem z. B. das Gebäude des schlesischen Parlaments (1929) erbaut wurde. Die zweite Phase war durch die moderne Architektursprache geprägt. Kattowitz wird zum europäischen Chicago ernannt, mit dem ersten auf einer Stahlskelettkonstruktion errichteten Wolkenkratzer Polens (1931).

Kattowitz – Europas Chicago. Hochhaus von 1931. Foto: Malgorzata Popiolek

In Hindenburg entstanden zeitgleich, in modernen Formen, eine im Grünen eingebettete Arbeitersiedlung Dewog, ein Badebetrieb (1929, Foto 1) und die Josephkirche (1932). Eine Schwebebahnlinie sollte die drei auf der deutschen Seite der Grenze liegenden Ortschaften miteinander verbinden. Diese futuristische Vision eines Dreistadtkonstruktes ist nach der Machtübernahme von den Nationalsozialisten nie verwirklicht worden.

Neubau des Schlesischen Museums in Kattowitz (Animation), Riegler Rieve-Architekten, Graz. Quelle: www.muzeumslaskie.pl

Das polnische Oberschlesien mit seiner Hauptstadt Kattowitz gehört heute zu den reichsten Regionen mit dem höchsten Durchschnittsgehalt Polens. Die Stadt selbst ist derzeit Schauplatz unzähliger Bauinvestitionen, die durch das wirtschaftliche Wachstum der Region angeregt sind. Das Stadtbild wird an vielen Stellen durch zeitgenössische Architektur ergänzt. Auf dem ehemaligen Gelände des Steinkohlenbergbaus „Kattowitz“ entsteht beispielsweise gerade ein neuer Gebäudekomplex des Schlesischen Museums. Der Siegesentwurf des Architektenbüros Riegler Riewe aus Graz aus dem Jahr 2007 wird bis Ende 2013 in der Kattowitzer Stadtmitte realisiert werden. Die vom Bergbau gebliebenen denkmalgeschützten Objekte, Schächte und Fabrikhallen, werden in die Museumsanlage integriert. Auf der über 6.000 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche werden Zeugnisse der schlesischen Geschichte gezeigt werden.

Weitere Informationen zur Studienreise (pdf)

Reisebericht von: Malgorzata Popiolek

 

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