Der Brutalo aus Kattowitz

by Lukas Foljanty | 1. November 2010 23:11

Der Bahnhof Katowice kurz nach Eröffnung

Nicht nur Deutschland hat eine Bahnhofsdebatte. Auch in Polen wird derzeit leidenschaftlich über Bahnhöfe gestritten. Die Fußball-Europameisterschaft steht vor der Tür und die Modernisierungs-, Abriss- und Neubauarbeiten sind in vollem Gange. Allerdings nicht immer zur Freude der Bürger…

Ob in Katowice, Warszawa, Lodz oder Wroclaw, Polens Bahnhöfe werden derzeit für die EM2012 in Polen und der Ukraine herausgeputzt. Doch sind die Bauten, die häufig aus den 1970er Jahren stammen, in Gefahr, abgerissen, entstellt oder verstellt zu werden. Letztere zwei Gefahren erlebt der Bahnhof von Katowice, einem beeindruckenden Beispiel des Brutalismus. Kathedralenähnlich wird die kühne Dachkonstruktion von gewaltigen Sichtbetonpfeilern getragen.

Quelle: http://www.facebook.com/photo.php?fbid=132918633417560

Dieser Bahnhof soll nun in eine riesige Shopping-Malleingebaut werden. Mittlerweile wurde er bereits komplett entkernt und er soll verstümmelt werden, indem weite Teil dem Abriss zum Opfer fallen sollen. Doch während die Renderings des Entwicklers mit zeitgenössischer Architektur zu überzeugen versucht, regt sich Widerstand. Insbesondere junge polnische Architekten setzen sich für den Erhalt des 1972 eröffneten Bahnhofs in seinem bauzeitlichen Zustand ein. Auf einer Facebook-Seite informiert eine Gruppe von Umbaugegnern über den Fortgang des und den Widerstand gegen das Projekt. Die Seite beschreibt sich mit den folgenden Worten:

Man nennt mich Brutalo aus Kattowitz. Auf den ersten Blick komme ich rau und unangenehm vor, aber ich habe eine poetische Seele. Meine Tage sind gezählt – ich warte auf die Ausführung des Todesurteils. Leider haben die Menschen mich nicht geschätzt. Ich bin der Bahnhof…

Ich bin am 4. Dezember 1971 in Kattowitz geboren. Damals hielt man mich für den modernsten Bahnhof in Polen. Leider hält man es mir vor, dass ich in der Zeit des Volksrepublik Polen auf die Welt gekommen bin, man flickt mir die sozialistische Architektur am Zeug. Das stimmt nicht. Ich bin ein Werk der späten Moderne, ein Beispiel für Brutalismus. Ich füge unbescheiden hinzu, dass ich als ein Meisterstück und ein weißer Rabe der Architektur gelte. Ich bin einzigartig. Es gibt keinen anderen, der mir gleicht. Ich habe nur einige Brüder weltweit, aber sie sind kleiner und armer als ich. Ich hatte mehr Väter – Drei Tiger – Wac?aw Klyszewski, Jerzy Mokrzynski, Eugeniusz Wierzbicki, die bekannten Architekten aus Warschau, und der geniale Ingenieur Waclaw Zalewski. Insgeheim ist auch Felix Candela einer von vielen Vätern. Er hat die Kelchkonstruktion erfunden, die auch unter dem Namen Pilz oder Regenschirm bekannt ist. Unter meinen frühesten Vorfahren ist auch der größte der großen – Le Corbusier, der den Grund zum Brutalismus gelegt hat. Von ihm habe ich die raue Haut geerbt – die Faktur des Sichtbetons. Bald verlasse ich euch für immer. Nichts hält ewig, sogar der Stein kann wieder zu Staub werden. Aber erinnerst du dich vielleicht an mich…
Quelle: Facebook-Seite der Projektgegner

Demonstranten stellen den Bahnhof symbolisch unter Denkmalschutz (Quelle: http://www.facebook.com/photo.php?fbid=138581626184594)

Das Projekt in Katowice scheint wohl nicht mehr umkehrbar zu sein. Doch auch in Warschau könnte dem Zentralbahnhof (Eröffnung: 1975 | Architekt: Arseniusz Romanowicz) bald ein ähnliches Schicksal ereilen: Anders als in Katowice wird der Bahnhof in Warschau aktuell nicht grundlegend modernisiert und umgebaut, sondern nur kosmetisch saniert, um zur Fußball-EM ein angemessenen Eindruck bei den Touristen zu hinterlassen. 2014 soll dann der komplette Abriss und Neubau folgen. Angesichts des Widerstandes in Katowice ist da vielleicht noch nicht das letzte Wort gesprochen…

Weitere Informationen:

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