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Städtebau & Architektur →

Schloss wird zum Einkaufspalast – die Stadt Braunschweig zahlt 13,5 Mio. dazu

Vor genau einer Woche wurde „eines der größten und spektakulärsten Wiederaufbauprojekte in Europa“ (so der Entwickler ECE) fertig gestellt: die ehemalige Braunschweiger Residenz wurde als „Schloss-Arkaden“ eröffnet – ein Schloss mit einer integrierten Shoppingmall von fast 34.000 qm Verkaufsfläche. Entwickler dieses 200 Mio. Euro Projektes war der Center Entwickler ECE.
Das Schloss, 1840 erbaut von C.T. Ottmer und in den 60er Jahren wegen Kriegsschäden abgerissen, ist zu den „Schloss-Arkaden“ mutiert.

Arkaden gibt es im gesamten Bauwerk nicht, hinter dem Rundbogenportal bekommt man eine Multifunktionsdecke zu sehen, in Verbindung mit viel Glas, viel Granit und Rolltreppen. Nach Aussage der Jury war dieser Entwurf der Berliner Architekten Grazioli/ Muthesius „virtuos“.
Die Rekonstruktion der Schlossfassade, gebaut mit 600 ursprünglichen Steinen, wurde wohl nur vollzogen, um dem Namen „Schloss-Arkaden“ des Einkaufscenters gerecht zu werden – oder umgekehrt?!.

Für den Mehraufwand dieser Fassade steuerte die Stadt Braunschweig 13,5 Mio. zusätzlich bei – für drei Abschnitte, die an das Schloss erinnern. Sie gehören nun aber leider nicht der Stadt, sondern Herrn Otto, dem Chef der ECE.

Braunschweig selber hätte das „Schloss“ selbst nicht bauen können. Also einigte man sich darauf, das ECE und die credit suisse das Grundstück kaufen, die historische Fassade errichten und einen Einkaufstempel an die Rückseite des Baus „kleben“ dürfen.
Hinzukommt, dass die Stadt selbst nur Mieter einiger Räumlichkeiten ist und dadurch dem Heern Michael Otto 30 Jahre lang Einnahmen von 1,2 Mio. Euro jährlich gesichtert sind. Ein kommunales Kulturzentrum (13.000 qm) ist in zwei „Schloss“-Flügeln untergebracht: Kulturamt, Stadtbibliothek, Stadtarchiv und Schlossmuseum.

Bedauerlicherweise dürfen diese öffentlichen Einrichtungen nur über den Hintereingang betreten werden, das große Schlossportal ist allein für die Konsumgesellschaft bestimmt. Diese darf sich an dem erfreuen, was es schon überall zu kaufen gibt – in 150 Läden shoppen, die jenen in „Arkaden“, „Centern“ usw. gleichen: H&M, Starbucks, C&A.

Sind das die neuen deutschen Bauten, die neue deutsche Baukunst – Schlossattrappen als historische Einkaufstempel?!
Alexander Otto: „Die Braunschweiger Schloss-Arkaden sind für die ECE ein ganz besonderes Projekt, das auch für andere Städte mit ähnlichen Überlegungen Vorbildcharakter haben könnte.“
Wir ahnen Schlimmes.

Kritische Stimmen und weitere Artikel zum Thema sind zu finden bei den Schlossparkfreunden, dem Tagesspiegel, der SZ und der Zeit.

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2 Kommentare
  1. Eigentlich doch ein hervorragender Deal für Herrn Otto: Die Stadt richtet ihren wohnortnahen Einzelhandel zu Grunde und gibt damt ihre wertvollsten ökonomischen Ressourcen preis, stellt einen Standort für ein Einkaufszentrum zur Verfügung und übernimmt auch noch die Kosten für eine riesige Werbenanlage – die Schlossfassade. Man fragt sich, was für Träumer dort auf Seiten der Stadt verhandelt haben, wenn sie bereit sind, für ein wenig Nostalgie alles herzuschenken.

  2. […] an unseren vorangegangenen Beitrag zum Wiederaufbau des Schlosses in Braunschweig, hier noch der Hinweis auf zwei interessante Beiträge im Deutschlandradio Kultur, die sich mit dem […]

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