Wir müssen darüber reden: Der problematische Umgang der BVG mit ihrem architektonischen Erbe

by Verena Pfeiffer-Kloss | 16. März 2015 07:45

Die originalen Lampen sind ausgeschaltet, stattdessen werden Halbkugelleuchten benutzt. Auch zu sehen: die grüne Farbe, die aktuell auf den Sichtbeton aufgebracht wird.

Umgestaltung im U-Bahnhof Schlossstraße: Auf den Sichtbeton wird eine grüne Farbe aufgebracht, die Stationsschilder werden durch neue ersetzt (rechts), die mit glatter Oberfläche, einer anderen Schrifttype und lediglich aufgemalten Einkerbungen wenig mit dem Original zu tun haben. Die originalen Lampen in den gelben Auskragungen sind bereits ausgeschaltet, stattdessen werden Halbkugelleuchten an der Decke genutzt.

Der Abriss von Rainer Rümmlers ikonischem Eingangspavillon am Berliner U-Bahnhof Bayerischer Platz (eröffnet 1971) war der erste wirklich sichtbare Akt einer besorgniserregenden Entwicklung: seit Jahren werden kleinere, aber dafür nicht minder zerstörende Maßnahmen wie das unsensible Austauschen von Bodenbelägen, Stützenverkleidungen, Wandkeramik oder willkürliche Neuanstriche und konzeptionslose Folienbeschichtungen in Bahnhöfen wie Bismarckstraße, Fehrbelliner Platz, Bundesplatz, Nauener Platz, Osloer Straße, Adenauer Platz Richard-Wagner-Platz und anderen Bahnhöfen vollzogen und blieben dabei leider weitgehend unbemerkt. In den letzten Tagen wurden erneut Pläne zur Sanierung von U-Bahnhöfen bekannt, die beispiellos substanzzerstörend sind.

Dabei gehört das ungewöhnlich umfangreiche und erstaunlich epochengemäße U-Bahnnetz, das während der Teilung der Stadt auf West-Berliner Seite um über 80 Stationen erweitert wurde, zu den Spezifika Berlins. Während die Bahnhöfe, die bis 1960 entstanden sind fast alle unter Denkmalschutz stehen, erleiden die Bahnhöfe der Technikmoderne gerade einen Sanierungsschlag, der nichts mehr von diesem Erbe übrig lassen wird.

„Umbau“ erfolgt seit Jahren Stück um Stück

In aller Stille wird seit Jahren auch der U-Bahnhof Schlossstraße einer altersbedingt notwendigen Sanierung unterzogen. Leider auch hier mit einer Vorgehensweise, die jegliches Gespür, jegliche Wertschätzung für diese Bahnhofsgestaltung und jedwede Sorgfalt vermissen lässt – obwohl Schlossstraße, nicht zuletzt aufgrund seiner Gesamtkomposition mit den oberirdischen Bauten für die Hochstraße und dem Wahrzeichen Bierpinsel einer der ausdruckstärksten und für seine Zeit charakteristischsten Berliner U-Bahnhöfe ist.

Aktuelle Gestaltung des Bahnhofs, bereits mit grauer Farbe über dem Sichtbeton.

Die Gestaltung des 1974 eröffneten U-Bahnhofs wendet sich bewusst von der vorangegangenen Gestaltungsphilosophie ab, bei der sowohl in den Ausbauphasen der Vorkriegszeit, als auch bei der Reparatur und ersten Erweiterungen des U-Bahnnetzes nach dem Krieg voll verflieste Wandflächen dominieren. Für Schüler/Schüler-Witte ließ der großflächige Einsatz von Keramik U-Bahnhöfe wie unterirdische Pissoirs wirken, so dass sie sich für den Einsatz von Sichtbeton entschieden. Der Sichtbeton war dabei bereits in sich ein gestalterisches Mittel, bei dem sehr bewusst durch bestimmte Schalungstechniken die Oberflächenstruktur des Betons gestaltet wurde. Der graue Sichtbeton wurde sowohl farblich, als auch strukturell durch die dunkelblauen und roten Hostalit-Z-Platten kontrastiert, die stilbildend an den Hintergleiswänden und Bahnsteigstützen angebracht wurden. Aus der Kunststoffverkleidung der Bahnsteigstützen entwickelten sich ursprünglich Sitzschalen, die allerdings bereits 2009 von der BVG demontiert wurden.

Ein blau angestrichener Stützpfeiler nach Demontage der Kunststoffsitzbänke.

Ein blau angestrichener Stützpfeiler nach Demontage der Kunststoffsitzbänke.

Die in der Folge unverkleideten Stützpfeiler wurden von BVG blau gestrichen, was möglicherweise als Zeichen guten Willens gedeutet werden könnte, wobei der verwendete Farbton bestenfalls eine Annäherung an die Originalgestaltung darstellt und mit der Entfernung der Kunststoffverschalung ein wesentliches strukturierendes Element fehlt. Die Bahnsteigtechnik wurde von Schüler/Schüler-Witte in einem roten Röhrensystem untergebracht, von der die Bahnsteigbeleuchtung in Form von gelben Kragarmen ausgeht. Auch dieses System wird von der BVG de facto nicht mehr verwendet, da sie 2013 stilistisch vollkommen unpassende Halbkugelleuchten über den Gleisen montiert hat, die in den letzten Jahren an vielen Bahnhöfen eingesetzt wurden, um die historischen Halbkugelleuchten zu ersetzen.

Farbe statt Sichtbeton?

2003 wurde bereits der Bahnhof Siemensdamm (eröffnet 1980, Architekt: Rainer Rümmler) mit grüner Farbe ausgemalt, da sich der Sichtbeton als schwer zu pflegen erwies. Dieses Ergebnis soll sicherlich einen Originalzustand suggerieren, da es vermeintlich in die Farbkonzeption der Pop Art-Ära passt. Die Unterschiede aber sind gravierend. Zudem waren auch hier die Leuchten ursprünglich quer zum Bahnsteig in den gelben Kunststoffmodulen an der Decke untergebracht, die aufgrund der neuen Lampen parallel zur Bahnsteigkante zu reinen Ornamenten degradiert werden.

U-Bahnhof Siemensdamm 2015. Ursprünglich waren die Wände in Sichtbeton gehalten, Stationsname, Grafiken und Werbetafeln waren von roten und gelben Rahmen umgeben.

U-Bahnhof Siemensdamm 2015. Ursprünglich waren die Wände in Sichtbeton gehalten, Stationsname, Grafiken und Werbetafeln waren von sehr plastischen roten und gelben Rahmen umgeben.

Ähnliches geschieht nun auch in Schlossstraße: hubbabubbagrüne Farbe soll offenbar einen poppigen Kontrast zu den frei an der Wand angebrachten einzigartigen relieffierten Stationsschildern aus blauem und rotem Kunststoff bilden, die bei dieser Gelegenheit auch gleich durch buchstäblich platte und billige Nachformungen ersetzt werden. An manchen Stellen im Bahnhof, vielleicht doch aus Respekt vor der Originalgestaltung streicht man die Wände mit betongrauer Farbe, doch auch dies ist natürlich keine Alternative zum Charakter des Sichtbeton. Der Bahnhof Schlossstraße wurde in den vergangenen Jahren schon mehrfach durch die oben beschriebenen kleineren Veränderungen in seiner Gesamtkomposition gestört. Das leider bei der BVG übliche Ersetzen der individuellen und in die Gestaltung integrierten Bänke und Abfalleimer durch neue allzweckmäßige Serienprodukte ist gravierend, denn es ist gerade die kompositorische Geschlossenheit, die an den U-Bahnhöfen der Technikmoderne beeindruckt und Wertschätzung aufkommen lassen könnte.

Stilbildender Bahnhof

Gerade seine radikale gestalterische Abkehr von der vorangegangenen U-Bahnhofsarchitektur macht den U-Bahnhof Schloßstraße zu einem besonders wichtigen Bauwerk, er steht für einen klar erkennbaren Beginn einer neuen Phase der U-Bahnhofgestaltung in Berlin. Allein dieser Umstand macht den U-Bahnhof schutzwürdig, seine Funktion und Bedeutung im Ensemble Verkehrsknoten Steglitz mit Fly-Over und Bierpinsel machen ihn zu einem weltweit einzigartigen Bauwerk. Dass der Bierpinsel offensichtlich von den Betreibern nach der Graffiti-Aktion 2010 aufgegeben wurde und seither vor sich hinrottet, darf nicht dazu führen, dass mit dem U-Bahnhof genauso umgegangen wird.

Die Graffiti-Aktion, die 2010 auf dem Bierpinsel stattfand, ist auch in den U-Bahnhof hineingekrochen.

Die Graffiti-Aktion, die 2010 auf dem Bierpinsel stattfand, ist auch in den U-Bahnhof hineingekrochen.

Herunterwirtschaften und Entstellung als Strategie?

Das Herunterwirtschaften von Bauten mit dem Ziel, sie dann mit der Begründung des dringenden Sanierungsbedarfs aus überwiegend funktional-wirtschaftlichen Erwägungen zu überarbeiten ist nicht nur im Falle der Berliner U-Bahnhöfe der Technikmoderne Taktik. Auch das ICC, Georg Heinrichs Konsistorium in Tiergarten, der Palast der Republik und nicht zuletzt der Bierpinsel sind oberirdische Beispiele für dieses Vorgehen. Ohne jegliche Zukunftsstrategie im Hinterkopf – außer vielleicht dem Abriss – stimmte das Stadtplanungsamt Steglitz 2009 der Besprayung des Bierpinsels zu und damit der Entstellung eines unverwechselbaren Berliner Wahrzeichens. Gleichzeitig schränkt das Amt die mögliche Nutzung des Bauwerks eng auf Gastronomie ein und steht damit einer Umnutzung mehrheitlich im Weg. So ist das Bauwerk nun in seiner Authentizität stark eingeschränkt und steht zudem leer: keine guten Voraussetzungen für eine mögliche Unterschutzstellung.

Das Grundproblem bleibt, dass das Landesdenkmalamt Berlin sich weiterhin nur ausgesprochen zögerlich der Technikmoderne zuwendet. Es steht zu befürchten, dass eine Unterschutzstellung zu spät kommt und die Bauten bereits abgerissen oder unwiederbringlich entstellt sind.

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