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Das Gegenteil von guter Radverkehrspolitik

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer profiliert sich mehr und mehr als Anti-Fahrrad-Minister. Bereits Anfang des Jahres hatte Ramsauer in Interviews öffentlichkeitswirksam das Medienklischee des „Rambo-Radlers“ thematisiert, was geradezu begeistert von den nach effektvollen Schlagzeilen suchenden Publikationen aufgegriffen wurde (z. B. hier, hier und hier). Auf einer Verkehrsminister-Konferenz Anfang Oktober hat Ramsauer nun die nächste Stufe seiner Anti-Fahrradpolitik gezündet: Angestrebt wird eine Verschärfung von Sanktionen für Radfahrer bei Regelverstößen (s. Protokoll Punkt 6.2 (pdf)), außerdem hat der Minister auf dieser Konferenz und in anschließenden Interviews eine Helmpflicht für Fahrradfahrer ins Spiel gebracht um so angeblich die Anzahl von tödlichen Unfällen zu verringern.

Was auf den allerersten Blick (und für viele mit dem Thema nicht vertrauten Menschen) sinnvoll erscheint, ist in Wirklichkeit allerfeinste Anti-Fahrrad-Politik. So ist es nämlich erwiesen, dass die Helmpflicht für Motorradfahrer und die Gurtpflicht für Autofahrer zu einer deutlichen Verringerung der Toten und Verletzten geführt hat. Beim Radverkehr, wo beim Fahren selbst ganz andere Geschwindigkeiten vorherrschen, sieht die Sache etwas anders aus. So ist zum Beispiel in Australien der Radverkehr um rund 30 % eingebrochen, als dort eine Helmpflicht eingeführt wurde. Ein Effekt, der vollkommen kontraproduktiv ist, weil gesamtgesellschaftlich gesehen die positiven gesundheitlichen Auswirkungen des Radverkehrs die negativen Folgen durch Unfälle übertreffen. Die Stadt Kopenhagen hat dies als argumentative Unterstützung ihrer Radverkehrspolitik ausrechnen lassen (vgl. Bicycle Account 2010, pdf). Mehr Radverkehr bedeutet natürlich auch: Mehr Lebensqualität in einer Stadt aufgrund von weniger Lärm und anderen Emissionen. Wir erinnern uns: Rund 50 % aller Autofahrten sind kürzer als fünf Kilometer, das Potential des Fahrrads also noch lange nicht ausgeschöpft.

Des Weiteren suggeriert die Forderung eine falsche Sicherheit für Radfahrer, denn bei den besonders gefährlichen Abbiegeunfällen mit Autos und LKWs helfen Fahrradhelme nur bedingt. Die Forderung nach einer Pflicht setzt also nicht bei der Ursache an und sie legt auch nicht den Finger in einen weiteren Teil der Wunde: schlechte und unsichere Infrastruktur, die den heutigen Mengen an Radverkehr häufig schon lange nicht mehr gewachsen ist – in den meisten deutschen Städten hat die Realität des Radverkehrs die Politik und Planung schon lange überholt, was zwangsläufig zu Problemen und Konflikten führt. Was bei dieser Thematik aber noch viel schlimmer wiegt: Die Forderung nach einer Helmpflicht suggeriert, dass Radfahren unsicher ist, es ist ein Spiel mit der Angst der Menschen, die im Zweifel weniger Rad fahren. Niemand hat diese Thematik besser erläutert als Mikael Colville-Andersen in seinem Vortrag über die Kultur der Angst, den wir schon vor längerer Zeit hier gepostet hatten und aufgrund der Aktualität des Themas hier noch einmal verlinkt haben. Ein paar interessante Fakten die Colville-Andersen zusammengetragen hat: Fußgänger und auch Autofahrer sterben z. B. häufiger an Kopfverletzungen als Radfahrer, warum also, fragt er, gibt es keine Forderungen nach einer Helmpflicht für diese Verkehrsteilnehmer?

Wer sich etwas mit diesem Thema beschäftigt, kommt relativ schnell zu dem Schluss, dass es nicht im Sinne einer guten Radverkehrspolitik sein kann, eine Helmpflicht zu fordern. Einen guten Eindruck vermittelt z. B. die unten stehende Grafik, die den Radverkehrsanteil in Bezug zur Sicherheit beim Radfahren setzt und zusätzlich die jeweilige Helmtragequote aufführt. Überraschung, Überraschung: In den Niederlanden, wo am meisten Rad gefahren wird, tragen nur 0,1 % der Radfahrer einen Helm, dennoch ist nirgends das Risiko geringer bei einem Fahrradunfall ums Leben zu kommen.

Helmtragequote in unterschiedlichen Ländern und der Zusammenhang zwischen Radverkehrsanteil und Sicherheit beim Radfahren

Wer sich noch weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, dem sei z. B. dieser sehr gute Artikel von Holger Dambeck bei Spiegel Online empfohlen: Warum eine Helmpflicht wenig hilft. Auch bei der Rad-Spannerei hat sich eine spannende Diskussion zum Thema entwickelt. Und bei Copenhagenize findet sich ein empfehlenswertes Interview zur niederländischen Haltung bei diesem Thema: Helmets: Clever Dutch and arrogant Danes. Über Beispiele von guter Radverkehrspolitik haben wir an anderer Stelle schon häufiger berichtet, z. B. hier, hier und hier.

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10 Kommentare
  1. http://nueb.net/fahrrad/verkehr/stop-ramsauer/

  2. Gute Zusammenfassung!
    Eine Kritik: auf 15 Jahre alte Studien Bezug zu nehmen ist meiner Meinung nach ein wenig problematisch. Das ist aber allgemein das Manko der Diskussion: es gibt kaum Untersuchungen, die – auf der einen wie auf der anderen Seite – die Diskussion versachlichen könnten.

  3. Kritik angenommen und danke für den Kommentar! Leider aber tatsächlich die einzige mir bekannte Untersuchung, müsste man nochmal ein wenig recherchieren (ist ja vielleicht nun notwendig…) – die anderen Punkte wiegen meines Erachtens auch wesentlich schwerer. Bei der Thematik geht es ganz klar um das von Colville-Andersen benannte Problem: „Der Elefant im Porzellanladen wird ignoriert“, sprich, es wird nicht nach den Ursachen (Autoverkehr, Infrastruktur) gesucht, sondern versucht, ein Sympton zu lindern…

  4. @BikeBlogger:

    Es braucht auch nur eine Seite Studien vorzulegen, nämlich diejenige, die anderen Helme aufdrücken will. Daß Radfahrer ohne Helm nicht tot umfallen wie die Fliegen, daß Radfahrer wegen des Kraftverkehrs und des Radwege-Zwangs sterben — *das* braucht nicht erst durch Studien nachgewiesen zu werden, das ist im Archiv des Statistischen Bundesamtes nachzulesen.

    Daher gilt weiterhin: wer etwas neues einführen will hat gefälligst nachzuweisen, welchen Nutzen dies bringt … ein Nachweis, den die Helm-Befürworter seit rd 20 Jahren schuldig bleiben.

  5. Danke für den Hinweis auf Holland. Da könnte man sich so einiges abgucken, was das Radfahren angeht. Auch deren rationaler Bezug zum Rad: Kaum jemand fährt mit stylischen Rädern umher, keine dämlichen Mountain-Bikes (die SUVs unter den Rädern), keine Angeberei, keine speziellen Radklamotten, sondern einfach praktische und robuste Räder mit Fahrradkorb. Und keinen Fahrradhelm.That´s it. Und natürlich die Erkenntnis, dass das Rad gleichberechtigt den Autos sein muss. Mindestens. Helmpflicht ist absurd, aber was will man von Ramsauer erwarten.

    Ein Holländer sagte mir kürzlich: Wenn man in Amsterdam einen Radfahrer mit Helm sieht, was man: Das ist ein Deutscher.

  6. ein äußerst guter Radiobeitrag zum Thema. Ein Interview mit dem Unfallforscher Siegfried Brockmann: http://wissen.dradio.de/helmpflicht-der-zwang-zum-schutz.92.de.html?dram:article_id=13027&dram:audio_id=64224&dram:play=1

  7. […] bei Fehlverhalten schärfer zu bestrafen und eine Helmpflicht einzuführen. Klingt sinnvoll? Nicht für Tim von urbanophil: für ihn ist es Anti-Fahrrad Politik. Helmpflicht suggeriere eine falsche Sicherheit für Radfahrer und sei kontraproduktiv. So sei zum […]

  8. Schöner Beitrag, Tim!

  9. […] Urbanophil […]

  10. […] den 1970er Jahren. Dieser Wert lag im Jahr 2010 bei 14! Insbesondere im Zuge der deutschen “Helmpflicht-Debatte” veranschaulicht das Video ganz wunderbar, wie mit entsprechendem politischen Willen und […]

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