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Buchrezension: „Die Straße, die Dinge und die Zeichen“ von Eva Reblin

Was ist eine Straße? Sicher wird jetzt jede/r eine konkrete Straße vor Augen haben: die Straße der Kindheit, die Straße in der  die aktuelle Wohnung ist, die Straße, deren Adresse man auf Nachfragen als Wohnort angibt, die Straße der Eltern, der oder des Geliebten, poetische Straßen, imaginäre Straßen, die Straße der Lieblingskneipe oder eine Straße, wie sie in Kinderbüchern vorkommt.

Diese Straßen bestehen aus Fahrbahnen und Gehwegen, vielleicht einer Bebauung am Rand, sie haben einen Anfang und/oder ein Ende, sie führen irgendwo hin, es gibt Abzweigungen, Wege, Randnutzungen und vieles mehr.

Straßen, und das wird klar so bald wir uns der Erinnerung hingeben, bestehen über ihre Funktion als „Bewegungsadern und Strukturelemente der Stadt“ hinaus auch noch aus wesentlich mehr. Aus teilweise sichtbaren, teilweise unsichtbaren Dingen oder Eigenschaften, aus Materiellem und Imateriellem wie Erinnerungen, Geschichte und Geschichten und aus Referenzsystemen, von denen Zeichen eines wären.

Willkommen also in der komplexen Welt eines Ortes, der oberflächlich als Straße zusammengefasst und definiert wird. Willkommen in der konkreten Straße, der Potsdamer Straße in Berlin, die Eva Reblin in ihrer Dissertation „Die Straße, die Dinge und die Zeichen“ akribisch genau auf den semiotischen Gehalt hin untersucht hat.

 

Abb.: Transcript Verlag; Bereich Urban Studies

Straßen, so die Annahme, sind die bestimmenden und formgebenden Elemente von Siedlungen von der Antike, bis heute. Durch den Anbau weiterer Wegstrecken entstanden Netzwerke an Verbindungen und somit auch Beziehungen. Dadurch bilden Straßen ein Grundmuster an Komunikationsmöglichkeiten und werden selbst, durch deren konkrete Nutzung und Ausgestaltung, zum Kommunikationsmedium (am Beispiel von Nutzungsspuren wie z.B. der Street Art kann dieser Gedanke besonders gut illustriert werden).

Eine wissenschaftliche Arbeit birgt leider immer das Risiko, trotz aller Ambitionen, statisch und verkopft zu wirken und die Leserschaft auf Grund der Formalia schnell zu überfordern oder zu langweilen. Nicht so bei Eva Reblin. Sie entwirft zwar zu Beginn, so verlangt es der wissenschaftliche Kanon, ein präzises Forschungssetting samt Erläuterungen der zu betrachtenden Begrifflichkeiten, gerät aber innerhalb dessen nie in das vorab beschriebene Fahrwasser.

Mit leicht verständlicher Sprache und plastischen Beispielen illustriert sie den für ungeübte Leser schwer zu erschließenden Bereich der Semiotik. Sie bewegt sich auf sehr lebendige Art durch das Theoriegelände, was die Leidenschaft an dem Thema deutlich werden lässt. Ohne ins Populäre abzudriften hat sie immer unterschiedliche LeserInnen im Auge, was das Buch zu einem spannenden Ausflug in einen konkreten Stadtraum, dessen Historie und aktueller Einbettung in den übergeordneten Gesamtkontext in der Stadt werden lässt.

Sehr ausführlich bereitet sie die Leserschaft auf ihre Forschung vor, sodass ihr Anliegen ab ungefähr der Hälfte des Buches klar und logisch erscheint. Für die Empirie, um kommunizierte Bilder über die Straßen herauszufiltern und zu analysieren, wählte sie qualitative Methoden, wie Leitfadeninterviews mit Anliegern die sie mit Darstellungen der Potsdamer Straße in Zeitungsartikeln spiegelt.

In der Beschreibung zur Auswahl der Probanden und der mit den Fragen erreichten Gruppen wird Reblin allerdings etwas schwammig, was an einer sehr weich formulierten, eigentlich eher einer skizzierten Reflektion, sichtbar wird. Tenor ist die überrepräsente Anzahl der Befragten mit mittleren und hohem Bildungsabschluss und die ebenfalls überrepräsente Gruppe der 40-60 Jährigen, die nach meinen eigenen Erfahrungen, aber auch nach Reblins Ausführungen nicht der lokalen sozio-demographischen Realität entspricht.

Ein kleiner Wehrmutstropfen, doch Reblin geht sehr konstruktiv mit den Begebenheiten um, die, wie jeder, der jemals ein Leitfadeninterview mit nicht-fachbezogenen Bürgern geführt hat weiß, von Fall zu Fall Sonderlösungen benötigen. Der Fundus an ortsbezogenem Wissen, der z.B. durch Leitfadeninterviews entsteht, ist dafür aber umso umfangreicher und lässt präzisere Rückschlüsse zu.

Der akribische Blick und das interessierte Nachfragen bei den Anliegern offenbart viele Einblicke, die dem Passanten sonst verschlossen bleiben. Das lässt den Rückschluss zu, dass nicht alle Zeichen einer Straße direkt sichtbar oder erlebbar sind. Die weiterführende Frage, im Bezug auf die Historie des Ortes im Speziellen, wird von Eva Reblin ebenfalls aufgenommen und andiskutiert. Hier ist allerdings eine deutliche Grenze der Arbeit zu sehen, da dieses letztlich auch nicht Teil des gesamten Vorhabens ist. Schön aber zu sehen, was aus einer Analyse, wie sie Reblin betreibt, hervorkommen kann.

Fazit:

Ich selbst kenne die Potsdamer Straße sehr gut. Lange Zeit bin ich jeden Tag über die „Potse“ zur Schule gegangen, habe im nähern Umfeld gewohnt. Ich kenne die Straße rund um die Uhr, auch einige Menschen, Ladengeschäfte, Randbereiche, Verknüpungen, Zonen und die offensichtlichen, wie unsichtbaren Nutzungen der Straße. Auch kenne ich deren Ruf. Doch was Eva Reblin zu Tage fördert, hat selbst mich erstaunt und großes Interesse geweckt. Zeitweise dachte ich, ich lese eine Arbeit über eine ganz andere, als die mir bekannte Straße.

Als Leser mit stadtplanerischem Blick konnte ich viele Erkenntnisse über einen konkreten Ort erlangen, die wiederum an vielen Stellen der Stadt eine wertvolle Basis für z.B. Ergänzungsmaßnahmen, Sanierungen oder Umnutzungen bilden könnten. Der Fokus auf die Semiotik des Stadtraums mit nachgelagerten Methoden zur qualitativen Analyse klingen vielversprechend und sollte in Entwurfssituationen durchaus einbezogen werden.

Generell gefällt mir der Stil den Eva Reblin pflegt sehr gut. Wissenschaftlich, so weit ich es beurteilen kann, solide, nie populär aber immer an mehrere LeserInnen-Niveaus denkend lässt sie Einblicke in einen Stadtraum zu, die in ihrer Dichte und ihrem Auslesepotential für andere Fachdisziplinen einzigartig sind. Dieses Buch macht Spaß ohne dabei oberflächlich zu werden. So könnte Wissenschaft gerne immer präsentiert werden.

 

Die Straße, die Dinge und die Zeichen – Zur Semiotik des materiellen Stadtraums

Autorin: Eva Reblin

Erschienen im Mai 2012, 464 S. im transcript – Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis

39,80 €

ISBN: 978-3-8376-1979-9

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6 Kommentare
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