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Buchrezension: “Leben zwischen Häusern – Konzepte für den öffentlichen Raum”, von Jan Gehl

Abb.: Jovis Verlag

Genaugenommen ist das Buch “Leben zwischen Häusern“ ein Manifest. Ein Manifest gegen die unbedachte Modernisierung der Städte, die Ideologien folgt, jedoch bei all den neuen Erkenntnissen über zeitgemäßes Wohnen die Bewohner vergisst. Architektur und Planung, das wird bei Jan Gehl deutlich, haben nicht nur einen Auftrag, sondern auch Verantwortung. Und genau um diese geht es ihm.

Der dänische Architekt und Planer beschäftigt sich in seiner Arbeit besonders mit den grundlegenden Bedürfnissen der Menschen an die Planung von Stadträumen. Dabei legt er den Fokus auf den Fuß- und Radverkehr, der eine zentrale Rolle in der Gestaltung kommunikativer Räume einnimmt. Er fordert lebendige Straßen in aufgelockerten Wohngebieten, die Kommunikation ermöglichen, Situationen schaffen und zur Teilhabe einladen. Dies gilt sowohl für Kinder, als auch Erwachsene.

Das reich bebilderte und mit vielen Grafiken versehene Buch ist eine überarbeitete und aktualisierte Übersetzung des Klassikers, den Gehl schon vor 40 Jahren geschrieben hat. Nicht nur das Thema, sondern vor allem auch die Bilder erinnern u.a. an Jobst Wolf Siedlers „Die gemordete Stadt“ und die Grafiken haben sicher viele Stadtplaner durch die Ausbildung begleitet. Das weist natürlich stark auf eine bestimmte Zeit der großflächigen Modernisierung europäischer Städte ab den 1970er Jahren hin, wo eine wahre Aufräum- und räumliche Aufarbeitungswut die Planung regierte.

Gepaart mit Visionen über den modernen Menschen, dem die Architektur dienen, ihn nicht behausen soll, in dem die Städte als Maschinen für die Bedürfnisse der schnelllebigen Zeit aufgerüstet wurden und jegliches Sentiment der alten Zeit sukzessive verbannt wurde, ging nicht nur diese unwiederbringlich verloren, sondern auch die natürlich gewachsene Struktur sowohl der räumlichen Anordnung, als auch der Kommunikation, der Kontakte, der Spontanität. Die Perspektive der Planungstätigkeit wurde nach oben, in die sog.  Gottesperspektive verlagert, das Menschenmaß spielte eine den baulichen Visionen, wie Gesellschaft sein könnte/sollte, untergeordnete Rolle. Die natürliche Geschwindigkeit des Langsamverkehrs, wie die Schweizer romanitisierend den Fuß- und Radverkehr nennen, wurde erhöht auf die Geschwindigkeit der fortschreitenden Individual-Motorisierung an die auch historische Strukturen angepasst wurden.

Das Ergebnis ist nun heute das Problem: die Autofreundlichkeit der Städte verhindert die Anpassung der Zentren an den wachsenden Anteil des Langsamverkehrs, den menschenfreundlichen Ausbau von zentralen Bereichen mit Einzelhandel, Dienstleistung und Freizeitangeboten und Entwicklungen, die Dynamiken in den Segmenten Wohnen, Arbeit und Freizeitgestaltung aufnehmen können.

Sicher ist dieser Sachverhalt vielen professionellen Planerinnen und Planern hinlänglich bekannt und löst keine Euphorie mehr aus. Die damals von Jan Gehl getätigten Beobachtungen und vermuteten Ausblicke sind zwischenzeitlich ausreichend bekannt, untersucht und Generationen von Planenden haben derzeit damit zu kämpfen.

Das Buch selbst ist, wie eingangs schon erwähnt, die überarbeitete Fassung des Originals aus den 1970er Jahren. Die meisten Abbildungen und Grafiken stammen aus dieser Zeit, neuere wurden diskret eingefügt, was an manchen Stellen verwirrend ist. Ebenso finde ich die Aktualisierungen der Texte nicht gelungen, da sich alter und neuer Text nicht fließend ergänzen, sondern zwischen den einzelnen Teilen teilweise unnachvollziehbare Sprünge entstehen. Manche Effekte, zum Beispiel die der Verlagerungen von Tätigkeiten in Privaträume und auf alternative Kommunikationsplattformen (Stichwort Internet und „Social Media“) und die veränderten Dichteverhältnisse in den Quartieren sind nicht abschließend durchdacht, was aber einer Aktualisierung gut getan hätte.

Dennoch ist das Buch eine Empfehlung wert. Jan Gehl leitet in den insgesamt vier Kapiteln aus der gewachsenen Struktur der Städte einen humanistischen Städtebau ab, den er mit vielen Beispielen als erstrebenswert einführt. Besonders gefällt mir hierbei die Idee nicht einen historischen Bestand einfrieren zu wollen, sondern Stadt und öffentlichen Raum nicht als Ergebnis, sondern als Prozess zu betrachten, der immer wieder neu bewertet und definiert werden, ergo auch immer an die neuen Bedürfnisse angepasst werden muss, aber auch kann. Hierfür benötigt es Grundkenntnisse über Verhaltensweisen und die Wirkung von räumlichen Situationen auf diese. Erst nach diesem Verständnis kommt die Planung ins Spiel. Eine Planung, die sensibel genug ist die intendierten Nutzungen von den natürlichen zu trennen und nur in den Stadtkörper einzugreifen, wo es notwendig ist; mit Mitteln, die den Ort eben anpassen, nicht zerstören. Hierfür gibt er im letzten Kapitel einige Ideen und Grundsätze an die Hand die mit vielen Abbildungen und Skizzen illustriert sind.

 

Leben zwischen Häusern – Konzepte für den öffentlichen Raum

Autor und Herausgeber: Jan Gehl
DEUTSCH
200 Seiten
mit 320 s/w Abbildungen
Euro 28.00  sFr 38.00
ISBN 978-3-86859-146-0

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1 Kommentar
  1. Stimmt- Stadt nuss nicht nur gebaut, sondern auch durch „belebende“ soziale Art hergestellt werden. Die Aktivitäten in öffentlichen Räumen sind die fundamentale Voraussetzung für lebendige Straßen und Plätze. „Dazu setzt sich der Jan Gehl mit den Begrenzungen der menschlichen Fortbewegungs- und Wahrnehmungsfähigkeit auseinander. (…) In zeitgemäßen Siedlungen werden Sammelparkplätze in 100-200 m Entfernung zu den Wohnungen angelegt, um öffentliche Räume zu beleben. Da mehr Menschen unterwegs sind, werden die Straßen unterhaltsamer und der gegenseitige Schutz höher. (…)
    Das Buch versucht anhand der Räume zwischen den Gebäuden aufzuzeigen, dass die Organisation von Stadt(-leben) bereits von der Standortpolitik von Schulen (oder passiven Elementen wie Büros) abhängt. Die Frage der Erschließung hin zu öffentlichen Räumen durch die Verortung von Zugängen (Haustüren) sowie deren Erzeugung von Gehlinien oder der Motivation zum Gehen wie Sichtbeziehungen baut darauf auf. (…) Für mich ist Leben zwischen den Häusern,(…) eine wertvolle Fachfibel für alle PlanerInnen, Einkaufsstraßenvereine sowie GemeinwesenarbeiterInnen. In der Neuauflage wären Ergänzungen etwa zu neuen Rahmenbedingungen, z. B. durch die Technisierung der Lebenswelt, wünschenswert gewesen. (…)
    Umbaumaßnahmen sollten uns Anlass genug sein, um mit Hilfe von Sozialraumanalysen bestehende Funktionsweisen zu ergründen und durch Neuplanungen Stadträume wie z. B. den Wiener Schwedenplatz zu verbessern.

    (Udo W. Häberlin; „Einladende Orte für soziale Aktivitäten – Wie öffentliche Räume entstehen…“ in: derive Nr.51)

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