Follow us on: Facebook · Twitter · RSS
 
Einzelansicht
urbanoREVIEW →

Buchrezension: SOS Brutalismus

Buchcover SOS Brutalismus

Buchcover SOS Brutalismus

Betonmonster im Leinengewand

Mehrere hundert nagelneue Seiten Architekturgeschichte liegen auf dem Tisch. Oben rechts auf dem Buchcover prangt leuchtend rot „SOS“. Der Hilferuf gilt den Bauten des Brutalismus, von denen zahlreiche in dem Buch „SOS Brutalismus. Eine internationale Bestandsaufnahme“ vorgestellt und analysiert werden. Das Buch wurde herausgegeben von Oliver Elser, Philip Kurz und Peter Cachola Schmal (DAM) und ist 2017 bei Park Books erschienen. Es ist die Dokumentation eines gemeinsamen Projektes des Deutschen Architekturmuseums und der Wüstenrot Stiftung, das eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Brutalismus zum Ziel hat.

Die Herausgeber reagieren mit dem Buch auf das gestiegene Interesse in der (Fach)Öffentlichkeit an Bauten des Brutalismus, das wiederum zu großem Teil auch der Verdienst ihres Projekts ist. Sie setzen mit dieser gewichtigen Publikation ein Signal, sich noch intensiver konservatorisch und aus einer architektur- und kunstwissenschaftlichen Perspektive mit den vielerorts gefährdeten Bauwerken zu befassen, ihre Bedeutung und Werte jenseits der bereits von Vielen erkannten Aneignungsfähigkeit für zeitgenössische Kunst und Fotografie zu erkennen und zu vermitteln.

Zusammen mit dem Begleitband, in dem Beiträge eines Symposiums zum Brutalismus (Berlin 2012) veröffentlicht sind, umfasst die Bestandsaufnahme zum internationalen Brutalismus über 700 Seiten. Ein schweres Buch, der Einband fest und aus grobem Leinen. Die Struktur des Stoffes lässt das Foto eines brutalistischen Gebäudes auf dem Cover geheimnisvoll verschwimmen. Neugier wird geweckt und Lust, es aufzuschlagen.

Kaleidoskop der Brutalismen

Kaleidoskop der Brutalismen

Kaleidoskop der Brutalismen

Schon beim ersten Durchblättern von „SOS Brutalismus“ eröffnet sich das Kaleidoskop der Brutalismen: Über 1.000 Fotos und Abbildungen regen an, mehr zu erfahren. Die Lektüre ist eine Reise von Kontinent zu Kontinent, sie lässt mit dem Brutalismus verwobene Episoden der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts aufleben. Der Brutalismus wird als weltweite Architekturströmung in Tiefe und Breite, Theorie und Praxis, über Ländergrenzen hinweg in die Architekturgeschichte eingeordnet.

Die Bauten werden in den Debatten ihrer Zeit zu verankert und ihre geistigen Voraussetzungen freigelegt. Sich im Zeitverlauf ändernde Formen der brutalistischen Architektur werden sichtbar, Ursprünge, Ideen und regionale Ausprägungen herausgearbeitet und ihre Architekten vorgestellt. Das Gemeinsame der Einzelphänomene und Ausprägungen wird deutlich und die von den Autoren angestrebte „Neudefintion“ der brutalistischen Architektur gelingt.

Sie gelingt, da das Buch den Brutalismus in vier Essays, sechs Fallstudien und 120 Einzelprojekten untersucht. Die Essays widmen sich der Theoriegeschichte und zeigen so Ausgangspunkte und Entwicklungslinien auf; die sechs Fallstudien befassen sich vertieft mit ausgewählten Bautypen (Kirchen, Universitätsbauten, Bürger- und Kulturzentren) sowie Städten und Ländern (Agadir, Skopje, New Haven, Japan, Großbritannien).

120x Brutalismus

Kern des Buches ist die Arbeit zu 120 Einzelprojekten aus zwölf – etwas ungleich großen und leicht eurozentriert zusammengestellten – Weltregionen: Afrika, Nordamerika, Lateinamerika, Naher und Mittlerer Osten, Russland, Zentralasien und Kaukasus, Ostasien, Südasien und Südostasien, Westeuropa, Osteuropa, Großbritannien, Deutschland, Australien und Ozeanien. Jede Region wird über eine knappe Einleitung zur regionalen Bedeutung und Ausprägung des Brutalismus vorgestellt, jeweils zehn exemplarische Bauten mit entsprechenden Daten zur systematischen Einordnung, Fotos und Pläne machen das Bild eines regionalen Brutalismus plastisch. Hier überraschen bislang kaum publizierte Neuentdeckungen, von denen einige, so zeigen es die roten Seitenzahlen, leider akut vom Abbruch bedroht sind.

An der internationalen Bestandsaufnahme wirkten über 100 Autoren mit. Deren individuelle Beschreibung der Einzelprojekte, ihre jeweiligen Forschungsschwerpunkte und disziplinären Hintergründe machen das Buch lebendig und zugleich den architektur- und kulturhistorischen Gesamtzusammenhang dieser ungewöhnlichen Bauten nachvollziehbar.

Brigitte Parade / Christoph Parade: Gymnasium, Hückelhoven, Deutschland, 1963{Entwurf}–1974. Foto: Christoph Parade ca. 1974

Brigitte Parade / Christoph Parade: Gymnasium, Hückelhoven, Deutschland, 1963{Entwurf}–1974. Foto: Christoph Parade ca. 1974

Die Autoren und Herausgeber von „SOS Brutalismus“ sehen im Brutalismus mitunter den Versuch, eine neue Architektur in den jeweils lokalen Gegebenheiten zu verorten und dabei auf gesellschaftspolitische Veränderungen der 1960er/70er Jahre zu reagieren. Der Brutalismus wird dann als „regional verankerte, oppositionelle, heroisch-künstlerische Architektur“ aufgefasst, wie es Mitherausgeber Oliver Elser formuliert. Sie war in vielen Ländern, so zum Beispiel in ehemaligen Kolonialstaaten, Ausdruck eines neuen Staats- und Gesellschaftsverständnisses. Hinzu kam der Einsatz lokaler Baumaterialien und -traditionen im brutalistischen Bauen sowie die Abgrenzung der brutalistischen Architekten zum International Style: der viel geschimpfte, als gesichtslos verunglimpfte Beton, so stellt es das Buch deutlich heraus, ist in Wahrheit das genaue Gegenteil: individuelle, lokalspezifische, mit der Aktualität an ihrem Ort und zu ihrer Zeit verbundene Protagonisten, die den Brutalismus zu den ersten Botschafter eines Interregional Style oder New Regional Style werden lassen.

Branislav Jovin: Institut für Stadtplanung, Belgrad, Serbien, 1967–1970. Foto: Relja Ivanic 2016

Branislav Jovin: Institut für Stadtplanung, Belgrad, Serbien, 1967–1970. Foto: Relja Ivanic 2016

Eine besondere Qualität des Buches ist auch die Illustration. Mit Zeichnungen, Grundrissen und gut ausgewählten, präzisen und qualitativ hochwertigen Architekturfotografien gelingt es, die Besonderheiten der Bauwerke, ihren gesellschaftlichen und gestalterischen Anspruch und die künstlerische Idee gleichermaßen zu vermitteln. Die Fotos sind überwiegend in den letzten Jahren aufgenommen worden, besondere Schätze sind zudem die historischen Fotos, die meist aus der Zeit der Fertigstellung des Gebäudes stammen. In den Fotos wird deutlich, welche Kraft, Ausdrucksstärke und Qualität brutalistische Bauten besitzen, ohne dass die Bauten und ihre Betrachtung dabei auf formale Aspekte reduziert werden. Leider irritieren die schwer nachzuvollziehende Nummerierung der Bilder sowie die überwiegend fehlenden Bildunterschriften, sodass der komplexe Inhalt des Buches nicht allein als Bildessay erschlossen werden kann.

SOS Brutalismus – mehr als eine „Bestandsaufnahme“

„SOS Brutalismus“ ist ein Buch zum Lesen, Anschauen und Entdecken, es dokumentiert bekannte Bauten und Erkenntnisse zum Brutalismus und berichtet ebenso bislang eher weniger bekannte Details von Ländern, Personen und Gebäuden. Es zeigt den Brutalismus als eine Vielzahl von Strömungen, deren Analyse Zeitgeschichte und Entwicklungslinien von Ländern, Städten, einzelnen Architekten und Bauten aufleuchten lässt und nachvollzieht: deutlich werden Einflüsse politischer Ereignisse für die Ausprägung der (brutalistischen) Architektur in einzelnen Ländern, Zusammenhänge der brutalistischen Architektur mit der damaligen Stadtplanung und Stadterneuerung sowie Bezüge zwischen dem Brutalismus und der Pop-Art-Kunst.

Mit diesem großen interdisziplinären und internationalen Anspruch hebt sich die Publikation von den verschiedenen regionalspezifischen oder monografischen Büchern ab, die in den vergangenen Jahren zum Brutalismus erschienen sind. „SOS Brutalismus“ ist ein Fachbuch, das einen lang ersehnten Beitrag zur Architekturgeschichtsschreibung leistet. Es ist zugleich Architekturführer, Reiseführer und Fotobuch, das einem breiten Leserkreis die Bauten des Brutalismus näherbringt und seine Werte und Hintergründe vermittelt – ein Aufruf zum Entdecken, Reisen, Weiterforschen und Schützen und viel mehr als nur eine „Bestandsaufnahme“.

Weitere Infos

Buch
„SOS Brutalismus. Eine internationale Bestandsaufnahme“
Ein gemeinsames Projekt des deutschen Architekturmuseums und der Wüstenrot Stiftung
Herausgegeben von Oliver Elser, Philip Kurz, Peter Cachola Schmal, 1. Auflage, 2017, Park Books
Gebunden mit broschiertem Begleitband „Brutalismus. Beiträge des internationalen Symposiums in Berlin 2012“
Total 716 Seiten, 686 farbige und 411 sw Abbildungen

Ausstellung
Die Publikation ist erschienen zur Ausstellung SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster! im Deutschen Architekturmuseum. Die Ausstellung ist in Frankfurt noch bis zum 2. April 2018 zu sehen, im Anschluss wird sie vom 3. Mai bis 6. August 2018 im Architekturzentrum Wien gezeigt.

Datenbank
Zahlreiche Bauten, die im Buch vorgestellt werden, und viele weitere Gebäude sind auch in der Datenbank #SOSBrutalism zu finden.

Bildquellen

  • Buchcover SOS Brutalismus: Park Books
  • Kaleidoskop der Brutalismen: Christian Kloss
  • SOS-Brutalism_Hueckelhoven_Parade: Foto: Christoph Parade ca. 1974
  • SOS-Brutalism_Belgrade_Ivanic: Foto: Relja Ivanic 2016

Metadaten


Kommentieren

Kommentar verfassen

Themen