Buchrezension: „Urban Religion“ von Jörg Rüpke

by Tobias Meier | 19. Juni 2020 09:00

Abb. De Gruyter

In seinem Buch „Urban Religion“ löst sich Jörg Rüpke von alten Modellen der Verbindung von Stadt und Religion und entwickelt diese im Sinne einer „Lived Ancient Religion“ fort. Ein Vorhaben, dass sich mit derzeitigen Diskussionen um die postsäkulare Stadt produktiv verbindet, in seiner Schwerpunktsetzung aber nicht immer hinreichend argumentiert.

Rüpke ist Inhaber der Professur für Vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Erfurt und widmet sich in seinem neuen Buch den vielfältigen Verbindungen zwischen Stadt und Religion. Die Publikation ist im Kontext des Forschungskollegs „Religion and Urbanity: Reciprocal Formations“ des Max-Weber-Kollegs Erfurt entstanden.

Als Klassischer Philologe und Religionswissenschaftler nimmt Rüpke vorrangig den Mittelmeerraum und insbesondere Rom in den Blick und baut seine Argumentation auf einer Vielzahl unterschiedlicher Quellen (historische Dokumente und Gegenstände) auf. Bereits in der Einleitung bezieht er die bestehende (sozialwissenschaftliche) Diskussionen zu Religion und Stadt in seine Forschung mit ein und erweitert diese um eine historische Analyse. Dabei stehen vor allem „Praktiken und religiöse Handlungen als Kommunikationsformen“ im Fokus, die – entgegen anderer Ansätze – nicht nur von Herrschenden als Mittel der Herrschaftssicherung genutzt, sondern in ihrer Vielfalt und Überlappung eine besondere Form der urbanen Religion herausbilden.

Er erweitert dafür die Analyse von Numa Denis Fustel de Coulanges zur Rolle von Religion in der Stadt und argumentiert, dass bereits in der antiken Stadt eine breite Praxis des Religiösen zu beobachten sei. Die sogenannte „Lived Ancient Religion“ sei dabei von einer doppelten agency geprägt: einer Orientierung hin zum Göttlichen (Nicht-Menschlichen) sowie einer Orientierung hin zum Mitmenschen. Dabei spiele vor allem der Prozess der Sakralisierung von Objekten und Orten eine zentrale Rolle, da dieser bestehende Machtverhältnisse herausfordere und damit, zumindest teilweise, die räumlich-zeitlichen Praktiken (in) der Stadt an sich verändere

Stärke und Schwäche des Buches ist es dabei, dass dies größtenteils in den bisherigen Forschungskontexten des Autors verbleibt. Die Bezugnahme zu historischen Quellen und den Praktiken im Alten Rom erweitert zwar den Kontext der bisherigen Stadtforschung (vor allem über die griechische polis hinaus), diese wird aber nur auf einen sehr kleinen Teil der soziologischen Stadtforschung bezogen. Beispielhaft sei darauf verwiesen, dass die Arbeiten von Stephan Lanz, die im Buch prominent benannt werden, umfassende Verbindungen nicht nur zur fundamentalistischen, sondern auch zur postsäkularen Stadt besitzen. Hier finden sich u.a. auch eine bereits bestehende theoretische Fundierung derjenigen Begriffe (agency, Urbanität, Urbane Religion), die von Rüpke im ersten Kapitel eigenständig entwickelt werden. Die Diskussion und Weiterentwicklung dieser Erkenntnisse unter historischen Gesichtspunkten wäre spannend und könnte eine wirkliche Bereicherung darstellen. Es wäre dementsprechend wünschenswert, dass bei der Weiterführung des – dem Buch zugrundeliegenden – Forschungsprojekts diese Erfahrungen eingebunden würden und sich dadurch der Wissensbestand insgesamt produktiv ergänzt.

Jörg Rüpke

Urban Religion

ISBN 978-3-11-062868-5, De Gruyter, 240 Seiten

Berlin/Boston, 2020, Preis: Ab 24,95 Euro

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