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„Connor hat Depressionen“

Clean Air Pod: Ant Farm (Chip Lord, Doug Michels und Curtis Schreier) 1970; Foto: Chip Lord, Courtesy Ant Farm

Warum bloß ist der Held der Terminator-Saga so unheilvoll erkrankt? Weil er die Welt einmal gerettet hat und nun die Last einer unbestimmten Zukunft trägt? Weil er immerfort kämpft gegen übermächtige Gegner und nicht ausschließen kann, diesen mit seinen Bemühungen gar in die Hände zu spielen? Weil er sich völlig isoliert hat, um den Spürsystemen der Maschinen entgehen zu können?

Im Buch „Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe“ von Friedrich von Borries – der auch Kurator der gleichnamigen Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ist – schlüpft der Archivar in die Rolle des Terminators. Eigentlich liebt er Bücher und die Beschreibungen der Natur, wie sie einst gewesen ist. Nun muss er als zeitreisende Killermaschine die für die Zerstörung der Welt Verantwortlichen eliminieren. Doch diese Pläne werden durchkreuzt. Er verliebt sich, stößt an seine moralischen Grenzen und verlässt die Kapselwelt seiner Gegenwart schließlich für die Cocktailbars, Fitnessclubs und Strandpromenaden der Vergangenheit. Er wird Gouverneur von Kalifornien und zeigt auch sonst keine Merkmale einer Depression.

Derartige Episoden sind zu finden in den neun halbfiktiven „Szenenbildern aus der Klimakapselwelt“. Die Porträts der Akteure einer Kuppelstadt – wie sie Richard Buckminster Fuller in den 1960er Jahren für Manhattan präsentierte – beschreiben eine Zeit in der es nötig geworden ist, sich aktiv vor den schädlichen Klimabedingungen der Außenwelt zu schützen. In ihren verschiedenen Sphären treten neben anderen der lebenswerkbeseelte Architekt, der krisenreflektierende Flüchtling, der neureligiöse Pflanzer, der kriegsschizophrene Sandmann und der technikgläubige Sonnenlenker auf. Letzterer beispielsweise will mithilfe einer Explosion die Erde mal eben um 1500 Kilometer aus ihrer Umlaufbahn schubsen, um den nötigen Abstand zur Sonne herzustellen. Die sich nach und nach verwebenden Einzelgeschichten der Kapselwelt wirken als seien sie einer fernen Zukunft entnommen. Ein inhaltsreich bebildertes Glossar scheint die Erzählungen und Hinweise aus den Porträts mit Projekten der künstlerischen -, gestalterischen – und wissenschaftlichen Realwelt zu belegen. Hier sind oft Jahrzehnte alte Ideen zu Notzeltbehausungen, Frischluftatemmaschinen oder Wüstenanzügen zu finden, welche die fabulierend daher kommenden Berichte in einem anregend irritierenden Kontrast wie eine überholte Vergangenheit erscheinen lassen. Die unzähligen Querverweise funktionieren als Abbildung von Komplexität und werden zum Sinnbild für den Umgang mit den aktuellen Herausforderungen des Klimawandels. In beiden kann man sich schon mal verlieren. Trotzdem sollte man sich dieser Struktur nicht widersetzen und die Abschweifungen ins Glossar mit Genuss zulassen. Entlang an Gedankengängen zum Verhältnis von Drinnen und Draußen – ähnlich dem Motiv der derzeitigen 6. Berlin Biennale – streift man Betrachtungen zum Bild des Künstlers oder wird versetzt in den putzigen Videoclip von Kate Bush, in welchem Tochter und Vater per „Cloudbuster“ den ersehnten Regen über eine ausgetrocknete Gesellschaft bringen.

Oase Nr. 7: Haus-Rucker-Co (Laurids Ortner, Manfred Ortner, Klaus Pinter, Günter Zamp Kelp) 1972; Foto dieser Außenansicht: Dennis Conrad

Mit vergleichbaren Apparaturen und Installationen wird man beim Besuch der sehens- und begehenswerten Klimakapsel-Ausstellung konfrontiert. Die „Oase Nr. 7“ von Haus-Rucker-Co schmiegt sich an die Museumsfassade als ob sie dort im nächsten Augenblick zerplatzen müsste. Zur documenta 5 im Jahr 1972 noch als Zufluchtsort aus der Normalität oder einem ungeliebten politischen System lesbar, öffnet sie im Jahr 2010 einen vermeintlichen Notausgang in eine freundlich klimatisierte Zone; ermöglicht den gedämpften Blick auf die unterhalb vorbeirußenden Busse. Der leicht kratzende Plastikgeruch, aus der uns umgebenden Warenwelt bekannt, wird als nicht weiter störend empfunden. Eine nicht minder reizvolle Umdeutung ermöglicht der „Clean Air Pod“ von Curtis Schreier, dessen erste Version aus dem Jahr 1970 noch durch Tränengaseinsätze bei Studentenprotesten und die chemische Kriegsführung in Vietnam inspiriert war, hingegen heute als mobiler Schutzraum in der Klimakatastrophe vorstellbar wird. Der Schlauchkörper des aktuellen Prototyps ist durch Spiegelflächen so inszeniert, dass es wirkt als befände man sich im kreisrunden Umlaufkorridor der Raumstation Solaris. Und dort sind wir genau richtig. Denn wie im Science-Fiction-Roman von Stanislaw Lem stellt sich angesichts des Klimawandels die Frage, wie weit unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse und Methoden tragen und an welchen Punkten wir sie durch unser Menschsein erweitern oder in ihm zurückweisen müssen. Denn es wird möglich werden, riesige Kuppeln aus ETFE-Folie über unsere Städte zu spannen. Die wichtige Frage dazu lautet nur: „Wollen wir so wirklich leben?“ Und würden wir nicht eine Gesellschaft deprimierter Weltenretter, wenn wir die Verantwortung ablehnten und uns allein einer positivistischen Wissenschaftsgläubigkeit hingäben? In dieser Logik könnte man sich die Macher von Ausstellung und Publikation als Archivare vorstellen, die nicht in die Vergangenheit flüchten, sondern gewitzt und zugespitzt versuchen ihrer Gegenwart einige relevante Fragen eindrücklich vor Augen zu führen.

Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe – Ausstellung: 28. Mai bis 12. September 2010; Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg / Publikation: Friedrich von Borries; Suhrkamp Verlag Berlin, 2010

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