Follow us on: Facebook · Twitter · RSS
 
Einzelansicht
urbanoREVIEW →

Die Kunst des Kopierens

urbanspacemag#3 copy+paste, 110 Seiten, 9,90 Euro

urbanspacemag#3, 110 Seiten, 9,90 €

Das aktuelle urbanspacemag # 3, herausgegeben vom Hamburger spacedepartment, geht der Frage nach, was das Prinzip „Copy and Paste“ für die Architektur, die Stadt und darüber hinaus zu leisten vermag.

Copy and Paste – das bedeutet, schnell und preisgünstig zu sein, wie man in den Texten zum aktuellen Bauen in China nachlesen kann, die zudem noch Hintergründe chinesischer Baukultur beleuchten (Viktor Oldiges: „ReisschnapsKonfuzianismus“ und Tobias Mohn: „Open up the West“). Es zeigt sich, dass Copy und Paste eine Kulturtechnik sein kann, die auch schon im Potsdam des 19. Jahrhunderts angewandt wurde und bis heute gemocht wird (Erik Hannibal: „Preussische Palmen“).

Copy and Paste – das bedeutet, Irritationen hervorzurufen, bei denen, die kopiert werden als auch bei denen, die kopieren. Manchmal bedeutet es aber auch, bewusst zu irritieren, einfach mal ein Stück Vorstadt tatsächlich auszuschneiden und in die Innenstadt zu setzen und vice versa oder die Außenhülle von Hochhäusern an die Wände kleiner Ausstellungsräume zu pressen. Zu diesen Kunstaktionen zeigt das spacemag wunderbare Fotos von den Künstlern Inges Idee und Christian Hasucha.

Copy and Paste – ein Begriffspaar aus der Computerwelt. Seine nicht immer unumstrittene Anwendung, da sie Bequemlichkeit vermuten lässt, verhilft Kunst und Stadt zu nie da gewesener Öffentlichkeit. Darüber berichten Tim Birkholz und Stefan Höffken („Reblog, RT@, FWD:“) von urbanophil am Beispiel der Farbaktion am Rosenthaler Platz aus dem Frühjahr 2010 und knüpfen damit auch schon daran an, dass Copy and Paste eine Technik der Street Art ist, die selbst auch bereits kopiert wird (Sebastian Bührig „Von der Straße in die Werbung“).

Copy and Paste – ein Phänomen der Literatur- und Sprachwissenschaft, und zwar bereits zu Zeiten, in denen es noch keine Computer gab. Jan Bovelet („Autorenschaft und Original im digitalen Habitat“) und Jens o. Brelle („Wo hört das Original auf, wo fängt das Neue an?“) untersuchen dies in ihren Artikeln.

Copy and Paste – das hat auch mit Rekonstruktion zu tun, ein Thema, das Clemens Dill („Authentisch vergessen“) vertieft.

Copy and Paste – ist ein internationales Phänomen, das Marianita Palumbo in Form von Montecasino auf der ganzen Welt, Sandra Moskova in der Gastronomie Sofias und Berlins und MATO in Buenos Aires finden. Und dem auch die Fauna nicht widerstehen kann, wie Matthias D. Hederer an der Stadtpflanze Götterbaum erzählt.

Copy and Paste – das ist das dritte Heft von urbanspacemag aus Hamburg, dessen vielseitige Artikel gut gemischt und schön aufbereitet sind, dessen Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen und Erdteilen stammen. Die meisten Beiträge im von den Herausgebern sogenannten „Nischenmagazin über städtische Kultur und urbane Phänomene“ gehen weit über die Nische hinaus, was sehr schön ist und eher an ein Kulturmagazin mit dem Fokus auf urbane Kultur denken lässt als an Nische. Die Artikel sind gut recherchiert, ansprechend formuliert, schauen über den stadtplanerischen Tellerrand hinaus. Das trifft auf die meisten Artikel zu. Leider aber gehen die Beiträge stilistisch sehr weit auseinander. Einige wenige Artikel lesen sich eher wie ein Schulaufsatz, andere wiederum sind so kompliziert geschrieben, dass man sie auch als wissenschaftliche Arbeit ungern auf dem Tisch liegen hätte. Dann vielleicht doch eher „Nischenmagazin“, damit können solche Unfeinheiten geglättet werden. Trotz dieser kleinen Kritik lohnt sich das gut gestaltete und anregende Heft, dessen Cover in guter spacemag-Tradition wieder handmade gestaltet und geklebt ist. Es ist schön, urbane Kultur als Zeitschrift in der Hand halten zu können – die Materialität von Copy and Paste.

urbanspacemag # 3 kann hier bestellt werden. Es ist 110 Seiten stark und kostet 9,90 Euro+Porto. In Hamburg und Berlin gibt es auch einige spezialisierte Zeitschriftenhändler, wo man das Magazin kaufen und direkt in die Hand nehmen darf. Eine Liste findet sich hier, allerdings sollte man vorher anrufen, denn urbanspacemag wird nicht so oft kopiert und gedruckt und ist daher erfahrungsgemäß schnell vergriffen.

Metadaten


Kommentieren

Kommentar verfassen

Themen