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Buchrezension: »Kreuzberg kocht. Portraits – Interviews – Rezepte«

Charakteristischerweise umfassen Kochbücher Auflistungen von Zutaten sowie Rezepturen, bisweilen ergänzt um praktische Küchentipps oder nützliche Nahrungsmittelkunde. Einige offerieren sogar einen Hauch von Kulturmediation, indem etwa Bände zu regionaler Küche neben dem Kulinarischen mehr oder minder Erhellendes über Land und Leute vermitteln.

Doch: »Kreuzberg kocht«, so der Titel der Neuerscheinung, die der Verlag Edition Berliner Büchertisch Ende November 2011 publizierte, will „kein Kochbuch im eigentlichen Sinne“ sein, obschon nüchtern betrachtet einige der oben angeführten Ingredienzen ebenso enthalten sind. Die drei Herausgeberinnen, Ana Lichtwer, Anna Schroll sowie Cornelia Temesvári, verfolgen vielmehr die Intention, Menschen „Mut zu geben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen“, sich der Verantwortung in der Gesellschaft zu stellen und Träume auszuleben. In sieben Kapiteln richten sie die Aufmerksamkeit der Lesenden auf den vielschichtigen Berliner Stadtteil Kreuzberg; dabei veranschaulichen sie in 55 Kurzporträts, die sowohl jeweils ein Interview als auch zahlreiche fotografische Illustrationen beinhalten, wie aus Visionen erfolgreiche Initiativen bis hin Organisationen wurden, die sich inzwischen als prägende respektive prägnante Bestandteile der Kiezkultur etablierten. Nicht selten geschah dies trotz kniffliger Randbedingungen und unter diffizilen persönlichen Umständen.

http://www.youtube.com/watch?v=JaBvabNRd98&feature=player_embedded

Beispielhaft zu nennen ist das Porträt einer der Herausgeberinnen selbst, nämlich von Ana Lichtwer und ihrem Berliner Büchertisch (siehe Seite 30 ff). Sie wollte einen sozialen Beitrag leisten und für sich eine Möglichkeit schaffen, Arbeit mit integrativem Sinn sowie Lebensqualität zu verbinden. Arbeitszeit sollte nicht mehr der bloßen Verminderung von Lebenszeit gleichkommen, wie sie es bis dahin empfand. Dabei startete sie im Wesentlichen „mit Zeit … und ohne Geld“ – und mit der Bereitschaft, etwas verändern und vor allem dafür etwas geben zu wollen. Was bestrebt mit einer Idee, eigenen Büchern sowie Buchspenden anderer begann, erwuchs über die Jahre zu einem gelungenen gemeinnützigen Nonprofit-Gemeinschaftsprojekt, welches nicht nur als Tauschkreis Bedürftige mit brauchbarer Literatur versorgt, sondern ebenso als „Antiquariat, Veranstaltungsort, Buchladen, Ausbildungsstätte, Treffpunkt und vieles mehr“[1] fungiert.

Wie Ana Lichtwer vertrauten und vertrauen auch die anderen Interviewten in »Kreuzberg kocht« die Zukunft ihrem Engagement, ihrer Kreativität beziehungsweise ihrem Idealismus an. Sie allesamt eint die Aufgeschlossenheit, neue Wege zu gehen. Auf diese Weise entstanden Projekte, welche am Umfeld teilnehmen und teilhaben lassen, welche auffordern, aber nicht überfordern, welche Kultur mit Kulturellem entwickeln, ohne sich aufzudrängen: So treffen beispielsweise im mobilen „Gartenstudio in der Naunynstraße … Kräuterinstallation auf Kinderkochschule, Umweltperformance auf Ernährungserziehung“ (siehe Seite 18 ff). In der Mariannenstraße verwandelte sich eine alte Schokoladenfabrik in ein Hamam für Frauen, in dem heutzutage anstelle in süßen Kreationen Besucherinnen von nah und fern erholsam wie gesprächig im Seifenschaum baden können (siehe Seite 24 ff). Der Künstler Jan Ketz schuf in der Adalbertstraße unter der Fragestellung, „Was ist heute Kunst?“, und „Wider den Verwertungszwang“ einen unkommerziellen „Raum für Zweckfreiheit“ (siehe Seite 36 ff), und in der Gneisenaustraße bietet der Verein Schule für Erwachsenenbildung ein alternatives Konzept zum hierarchisch organisierten Frontalunterricht an, um sich auf mittlere Reife oder Abitur vorzubereiten – ganz ohne die sonst übliche Lehrer-Schüler-Rollen-Konfrontation (siehe Seite 42 ff).

Jedes Porträt erscheint wie ein unerwartetes Zoom in den Alltag der Interviewten und damit in den Alltag von Bewohnerinnen und Bewohnern Kreuzbergs. Für einen Moment geben sie eine Perspektive auf ihre Welt frei. Sie plaudern ungezwungenen darüber, was sie antreibt, wie sie ihr Leben wider alle Wagnisse meistern, und verraten beinahe beiläufig ihr Lieblingsgericht, dessen Rezeptur den einzelnen Interviews folgt. Gleichwohl lässt sich hinter dieser kulinarischen Vermeintlichkeit weit mehr als das unbekümmerte Teilen von Küchengeheimnissen vermuten. Schon Georg Simmel verwies auf den besonderen konstitutiven Charakter der gemeinsamen Mahlzeit für das Sozialgefüge[2]. Miteinander kochen und essen mag weit über die Dauer des Moments hinaus womöglich größere integrative Wirkung erzielen als jedwedes andere einvernehmliche Handeln. Hier vollzieht sich Kommunikation im eigentlichen Sinne – und ist es nicht jenes Credo der Kommunikation, genauer: das der Annäherung in der sonst hektischen Anonymität der Großstadt, welches dem Buch ebenso zugrunde liegt wie das Mutmachende, das Initiative? Die poly-kulturellen Rezepte der Porträts könn(t)en demnach gleichsam metaphorisch als Handlungsorientierungen für erfolgreiche Integration verstanden werden: Wie gelingt es, aus derlei unterschiedlichen Zutaten solch ein delektables Gericht zu bereiten? Angenehmerweise stellt es die Lektüre frei, in den Kochanleitungen ein brauchbares wie liebevolles Beiwerk zu sehen und/oder aus ihnen im Kontext einen sozial-kommunikativen Appell zu extrahieren.

Das Band erweckt zudem Sympathie durch seine leichte und stets zweckgemäß authentische Art. Ohne einen akademischen Anspruch expliziert es gleichwohl thematischen Gehalt, welcher im wörtlichen Sinne lehrreiches Wissen schafft. Mithin erinnert es mit seinen kurzen wie kurzweiligen, auf das Stadtleben bezogenen Interviewsequenzen an urbanographische Studien.

Wenngleich »Kreuzberg kocht« ungeachtet dessen streng genommen kein Kochbuch sein will, so lässt es sich doch sinnbildlich als „Rezeptbuch“ beschreiben, wie ich in mir, in meinem Umfeld und im Zusammenleben mit anderen etwas verändern und mehr Zufriedenheit erreichen kann. Dem Anspruch, im „Ergebnis: ein Mut machendes Buch mit Nähr- und Mehrwert“ sein zu wollen, wird diese lesenswerte Neuerscheinung zweifelsfrei gerecht.

Kreuzberg kocht – ein Portraitbuch aus dem Kiez

Idee: Ana Lichtwer// Fotografie: Anna Schroll  // Text: Cornelia Temesvári

Größe:14,8 x 14,8cm
Bindung: Hardcover mit Fadenheftung
Umfang: 360 Seiten
Erscheinungsdatum: 1. Dezember 2011
Verkaufspreis: 14,90 €
Herausgeber: Edition Berliner Büchertisch

Info: www.kreuzberg-kocht.de

Die Rezension wurde geschrieben vom Gastautor Andreas Habel

[1] [www.buechertisch.org/uber-uns/]; Zugriff 03.01.2012

[2] Simmel, Georg (1957 <1910>): Soziologie der Mahlzeit. In: Ders.: Brücke und Tür. Stuttgart, S. 243-250.

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2 Kommentare
  1. […] das Buch “Kreuzberg kocht” (Rezension) zu einem echten Verkaufsschlager avancierte, wollten die Initiatoren des Projekts die Inhalte des […]

  2. ein schönes #kochbuch projekt ‚Kreuzberg kocht – ein Portraitbuch aus dem Kiez‘ http://t.co/ZgwRcdn5 #kreuzberg

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