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Rezension „Hartz-4-Moebel.com“ von Van Bo Le-Mentzel

Dieses Büchlein ist ein echter Segen, es enhält die ganzen bisherigen Baupläne der tollen Kollektion des Hartz 4-Möbel-Designers Van Bo Le-Menztel. Die dazugehörige Lebens-, Arbeits- und Produktionsphilosophie „konstruieren statt konsumieren“ wird durch diese Pläne in die Tat umsetzbar. Das klingt jetzt nicht wirklich neu, ist aber dennoch innovativ, da es nicht um reines Anleiten zum Selbermachen geht, dass im Fahrwasser des DIY-Booms der letzten Jahre ermächtigt seine Sachen nicht irgendwo zu kaufen und damit einen meist bösen Produzenten und sein perfides System zu unterstützen, sondern mit Lust, Haltung und wenig vorausgesetzter Kenntnis selbst zu konstruieren. Die Idee Van Bo`s geht aber noch ein Stück weiter, Richtung Crowdsourcing und einen Austausch von Resourcen nach den Regeln des Karma-Kapitalismus.

Abb.: Hatje Cantz Verlag

Das ist jetzt für manche sicher ein bischen viel an neuen Begriffen, deshalb der Reihe nach: Van Bo hat eine interessante Lebensgeschichte, die er mit der Leserschaft auf den ersten Seiten teilt. Diese Geschichte zieht sich wie ein roter Faden durch die Lebensphilosophie des Autors, das Projekt der Hartz-4-Möbel und auch durch das Buch. Als Eckpfeiler sei genannt (den Rest müsst ihr euch selbst erlesen, sozusagen RIY – Read It Yourself, aber das ist meine Erfindung und vielleicht irgendwann mein eigenes Buch), dass Van Bo durchaus Erfahrung hat mit Hartz 4, aber nicht so sehr mit Heimwerkern oder gar Möbelbau. Das macht Hoffnung, denn die Möbel sind so konzipiert, dass selbst untalentierte Talente durchaus von einem „Berliner Hocker“ träumen können, was auch die leichteste Übung ist (habe selbst einen gebaut) aber auch von einem „24 Euro Chair“, was schon nicht mehr ganz so leicht, aber auch zu machen ist. Die ganzen anderen Sachen kommen dann sicher von ganz alleine, denn das wichtigste, und das ist ein integraler Teil der Idee Van Bo`s, ist das Organisieren von Infrastruktur. Heißt, das Zusammenschließen von Konstruktionsgemeinschaften, in die eine einen Hammer einbringt, einer eine Bohrmaschine usf. Das Material selbst ist in jedem Baumarkt zu organisieren, teilweise schneiden diese ja die Bretter auch zu, das ist also Makulatur. Aber das, was darum entsteht ist schon nicht mehr so banal – oder wann habt ihr das letzte mal ein Ikea-Sofa repariert oder auch nur hineingesehen, wie es konstruiert ist? Das Discounter-Möbel-Phänomen ist im Kern mit zwei Grundlegenden Begriffen bezeichnet, zum einen der intendierten Obszoleszenz, also der dem Möbel innewohnenden Überflüssigkeit des Möbels, was sowohl den Stil, als auch die Haltbarkeit und die Unreparierbarkeit des Möbels betrifft und zum anderen mit dem Begriff des Blackboxings, was das Einkehren und Verschließen funktionsrelevanter Prozesse oder Konstruktionen meint. Durch Blackboxing lassen sich Funktionsmechanismen verbergen wodurch die Nutzer der Dinge zu Konsumenten degradiert werden, die nicht mehr in das System eingreifen können sondern nur noch die Oberfläche nutzen dürfen. In Folge dessen sich weder in die Konfiguration einschreiben, diese an die individuellen Bedürfnisse anpassen oder schlicht etwas reparieren, das kaputt gegangen ist. Nicht so bei den Hartz-4-Möbeln, was für mich der spannendste Effekt aus dem Werk und dem Buch ist. Nicht nur das Selbermachen ist hier der Punkt, sondern durch dieses selber machen auch das Verstehen von Mechanismen, das Durchleuchten der Konstruktion und das hat bei dem heutigen Marktgebahren mancher Firmen subversive Qualitäten. So erklärt es sich von selbst, dass es von einigen Möbeln schon Folgeversionen gibt, da die Crowd, wie Van Bo seine Produktions- und Fangemeinde nennt, natürlich durch Routine im Bauen einige Lösungen verbessern konnte. Das ist es, was Van Bo erreichen will, ein lebendiges Projekt, das viele viele Konsumenten zu Produzenten macht und ihm viele weitere Geschichten über Menschen und Möbel beschert. Und die wünsche ich ihm von Herzen. Und was ist jetzt mit der Lebensgeschichte, schon selbst gelesen? Zugegeben, man ist geneigt zu sagen, das musste ja so kommen, bei der Lebensgeschichte, dieser tiefen Philosophie, man könnte aber auch sagen, dass hier jemand ein Projekt initiiert hat und ein Buch geschrieben hat, der diese Prägung in Energie umgewandelt hat und versucht damit die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ein klein bischen, Stück für Stück. ; Hartz IV Moebel.com – Build More Buy Less! Konstruieren statt konsumieren Hrsg. Van Bo Le-Mentzel Erschienen im Hatje Cantz Verlag 144 Seiten, mit 112 farbigen Abbildungen Preis 12,99€; ISBN 978-3-7757-3395-3 Musterseiten Webseite des Herausgebers

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3 Kommentare
  1. Hallo lieber Karsten. Das hast Du sehr gut beschrieben und mit einer präzisen Sprache beleuchtet. Ich bin beeindruckt. Du hast Dinge ausgedrückt, die ich gefühlt habe, ohne dass ich sie in dem Buch erzählt habe. Du bist ein wahrer „Zwischen den Zeilen“-Leser. Weiter so. Wir brauchen mehr von Deiner Sorte. Denn auch in der echten Welt liegen die wahren Schätze eher zwischen den Zeilen.

  2. le Van Bo ist Werbefachmann. Seine Idee ist gut, aber er betreibt damit vor Allem Selbstmarketing. Bei der Vortragstreihe Sub 40 an der Uni Kassel wurde er eingeladen und hielt einen ansteckenden Vortrag über Karma udn Crowdsourcing udn darüber dass seine größte Motivation für das Projekt die Zustimmung sei, die er von seinen Followern zu seiner Person bekommt. Er erläuterte auch den Marktkritischen Ansatz den er hinter dem Projekt sieht, es drängte sich allerdings die Frage auf wie er das mit seiner lebenswelt, in der er für die ganz großen Firmen den Konsum ankurbelt verträgt. Damit konfrontiert wusste Lee van Bo auch keine kluge Antwort. Allgemein trat er ohnehin wie ein Guru auf, dem man seine hehren Ziele zwar abnimmt, der aber dennoch wie ein Hypokrit wirkt, der diese Überzeugung nicht auf sein Leben überträgt. Sind Hartz 4 Möbel deshalb vielleicht nur ein Marketingtrick?

  3. Ich kann überhaupt nicht verstehen was an diesem Konzept neu sein soll!
    Jeder der bewandert ist in Möbeldesign sollte doch den Kistenstuhl von Gerrit Thomas Rietveld kennen, frappierend ähnlich und meiner Meinung nach besseres Design und einfacher billiger zu bauen!

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