Rezension »Haus Tugendhat« ein Film von Dieter Reifahrt

by Karsten Michael Drohsel | 1. Juli 2013 23:22

»Wir erhalten, in dem wir Verändern. Dies ist ein Grund-wiederspruch, den wir nicht überwinden können.« Ivo Hammer

Mit »Haus Tugendhat« ist kürzlich ein Film in ausgewählte Kinos gekommen, der sich auf die Suche nach den Prinzipen der Architektur Mies van der Rohes, seiner Leitsätze und Vorgehensweise sowie seiner Auftraggeber macht. Exemplarisch verhandelt der Regisseur Dieter Reifarth dies am Haus Tugendhat in Brno (ehemals Brünn) und der gleichnamigen Familie, die durch Krieg und Verfolgung über die ganze Welt zerstreut wurde.
Das Haus Tugendhat ist unbestritten eine, wenn nicht die Ikone moderner Architektur, an der die Grundprinzipien des modernen Bauens abgelesen werden können. Mies van der Rohe verdichtete in ihm seine ganze Erfahrung sowie seinen sozialutopischen Anspruch, den er versuchte über eine fließende Raumanordnung und kommunikative Strukturen zu materialisieren.

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Haus Tugendhat – ca. 1930/1931 – Foto: Rudolf de Sandalo © strandfilm, Pandora Film Verleih

In der Familie Tugendhat fand er Bauherren, die in der Architektur van der Rohes nicht nur ihren Habitus repräsentiert sahen, sondern auch eine große Bereitschaft für ein Wohnexperiment mitbrachten. Experiment deshalb, da van der Rohe nicht nur den Baukörper gestaltete, sondern auch das Interieur und somit wesentlich in die Verhaltensweisen der Bewohnerschaft eingriff und deren häusliche Routinen strukturierte. Er machte diesbezüglich wenig Kompromisse und ordnete der Gestaltung des Hauses alles andere unter.
Der wesentliche Moment aller Häuser van der Rohes ist die Verbindung zwischen Innen und Aussen, was u.a. am Haus Lemke am Berliner Obersee nachvollzogen werden kann. Hierfür arbeite er z. B. eng mit Landschaftsgestalterin Herta Hammerbacher zusammen. Die Verbindung von innen und aussen ist es somit auch, womit der Film einsteigt: Ruhige Kamerafahrten durchqueren das Haus, gehen Wege ab, wie man sie vermutlich auch zu Fuß abschreiten würde, streifen die berühmten kreuzförmigen Säulen, die riesigen Fenster, die Täfelungen und Raumteiler aus Onyx und Holz. Immer wieder sucht der Blick den Weg nach draussen, in den wunderbar gestalteten Garten, hoch über der Stadt.
Im Wechselspiel mal von innen, mal von aussen wird das Haus vorgestellt und die Logik des fließenden Übergangs auf lebendige Weise demonstriert. Historische Bilder und Zitate umranden die Einführung, die in eine Chronologie des Zusammentreffens und dem gemeinsamen Bauprozesses der Tugendhats und van der Rohes übergeht.
Es folgt eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte des Hauses, seiner Bauherren und späteren Bewohnern bzw. Nutzern, die geprägt war von Leidenschaft für moderne Architektur, den Unbill Deutscher bzw. Europäischer Geschichte, Desinteresse, teilweiser Zerstörung, Verfall, einem langen Kampf um die Rückübereignung an die Familie und schlussendlich der dringend Notwendigen Restaurierung, die in buchstäblich letzter Minute das Haus vor dem endgültigen Verfall schützte.
Wie auch schon beim Bau, war es auch hier wieder die Familie Tugendhat selbst, die die Leidenschaft für das Haus antrieb und allen Widerständen zum Trotz die Sanierung anzustoßen. Hier hat der Film seine stärksten Momente, denn er zeigt über eine Vielzahl an Fotos und Filmaufnahmen aus dem Privatbesitz der Familie Tugendhat nicht nur die Geschichte des Hauses, sondern auch die Verwebungen des Hauses mit dem Leben der Menschen, die es bewohnten. Diese enge Verbindung gibt einen tiefen Einblick in die Familiengeschichte, die gleichzeitig auch stellvertretend für die Geschichte vieler Familien ist, die von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden.
Obwohl diese persönlichen Momente sehr interessant sind, schweift der Film hier jedoch ab und begibt sich immer wieder auf Umwege und Narrative, die für die Geschichte um das Haus und die Bewohner bzw. Nutzer nicht wichtig sind. Streckenweise ist es über mehrere Minuten unklar, ob es noch um das Haus geht oder z.b. um die Aufklärung über die Krankheit »Skoliose«. Zwischendrin eingeflochten dann die relevanten und erstaunlichen Geschichten, die das Haus selbst erzählt.
Besonders berührend ist das Auffinden der originalen Holzvertäfelungen, die zu Zeiten des Nationalsozialismus ausgebaut und in der Brünner Gestapo-Zentrale wieder eingebaut wurden. Dieses Gebäude beherbergt seit einigen Jahren die Architekturfakultät der lokalen Universität, wo Generationen von Architektinnen und Architekten zu Mittag gegessen haben, ohne zu wissen, in welchem geheimen Schatz sie das taten. Durch einen Zufall wurden die Paneele von einem Architekturdozenten identifiziert und konnten in das Haus Tugendhat zurücküberführt werden. Oder die frühen Bemühungen von Frau Tugendhat, die sich schon in den 1970er Jahren um Aufklärung über das Haus und eine Restaurierung stark machte, aber an den bürokratischen Strukturen scheiterte, die schließlich in einem »utilarstischen« Umbau in den frühen 1980er Jahren endeten, bei dem mehr zerstört, denn erhalten wurde.
Dies sind die spannenden und lehrreichen Momente des Films, die vor allem durch Interviewfragmente mit Daniela Hammer-Tugendhat und ihrem Mann, dem Restaurationsexperten Ivo Hammer repräsentiert werden. Kenntnisreich erläutern beide den Verlauf bis zur Sanierung und die Sanierung selbst, was allerdings im Film deutlich zu kurz kommt. Die Langwierigkeit des Prozesses, die dem interessierten Rezipienten aus unterschiedlichen Medien bekannt ist sowie die massiven Fehler, die bei der Sanierung gemacht wurden, fehlen gänzlich. Hier hätte Ivo Hammer sicher mehr dazu beitragen können, doch auch hier wird er, vermutlich wie auch bei der Sanierung selbst, nicht ausreichend befragt worden sein. Anstatt dessen wird eine aus Einzelinterview-Fragmenten zusammengesetzte »Diskussion« der unterschiedlichsten Familienmitglieder eingefügt, die zwar aufschlussreiche Statements über ihr Verhältnis zum Haus und der Restaurierung abgeben, jedoch dabei immer und ausschließlich individuell-persönlich bleiben. Die übergeordnete Bedeutung des Hauses wird allenfalls gestreift und am Ende nimmt es einen kaum Wunder, dass es dann letztlich wieder die Elterngeneration ist, die sich dem Erbe verpflichtet fühlt.

Im letzten Teil des Films müssen die Fans der Architektur Mies van der Rohes dann sehr tapfer sein, denn zur Finanzierung der kostspieligen Sanierung pflegt die Stadt Brünn einen, vorsichtig ausgedrückt, »schmerzfreien« Umgang mit dem Haus, das des öfteren als Hintergrundkulisse für Diskount-Möbelhäuser oder tschechische Vorabend-Soaps dient. Völlig sinnbefreit und unreflektiert wird das Haus als Filmset missbraucht, was ein ungeheuerlicher Vorgang ist, der im Wesentlichen von den Hammer-Tugendhats kritisch bemerkt wird. Ebenso, wie es v.a. Daniela Hammer-Tugendhat ist, die Kritik über die Änderungen der Nutzung, die verpfuschten Sanierungen, die festgelegten Sanierungsziele sowie der Bestückung des Hauses mit teilweise originalen, teilweise nachgemachten Einrichtungsgegenständen übt.
Diese Kritik hätte ich mir allerdings auch und gerade von einem Film erwartet, der sich mit einem singulären Bauwerk, seiner Geschichte und seinem Stellenwert für die Architekturgeschichte auseinandersetzt. Hier erwarte ich eine deutliche Absage an das entstandene Mies-van-der-Rohe-Disneyland, in dem alle Dinge, neu wie alt, original wie originalgetreu gleichberechtigt gegenüberstehen. Diese Chance verpasst der Film, der den wiedergewonnen Zustand mit liebevollen Bildern dokumentiert. Meiner Meinung nach zeigt sich hier das Problem eines Kino-Formats, gegenüber den Möglichkeiten, die z.B. eine Fernsehdokumentation bietet. Dennoch ist „Haus Tugendhat“ ein mutiges Experiment ein so besonderes Haus und einen so besonderen Architekten einem breiten Publikum zu eröffnen und verständlich machen zu wollen, und ich wünsche dem Film unbedingt, dass er dieses Publikum findet. Mich als Mies van der Rohe Architektur-Puristen hingegen konnte er trotz aller guter und bewegender Momente schlussendlich nicht überzeugen.

»Haus Tugendhat« Ein Dokumentarfilm von Dieter Reifarth
mit Daniela Hammer-Tugendhat, Ruth Guggenheim-Tugendhat, Ernst Tugendhat, Ivo Hammer u.v.a.
Kinostart: 30. Mai 2013
Verleih: PANDORA FILM GMBH & CO. VERLEIH KG
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