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Rezension „Hoyerswerda – Die Schrumpfende Stadt“ von Stefan Boness
Heute vor 21 Jahren, am 17. September 1991, begann in Hoyerswerda mit einer regelrechten Jagd auf ansässige vietnamesische Händler ein einwöchiger Horrortrip, der bundesweit über die Fernseher in die Wohnzimmer übertragen wurde. Es konnte live dabei zugesehen werden, wie eine kleine Gruppe Rechtsradikaler, gestützt und geschützt von einer sehr großen Gruppe Sympathisanten, in aller Ruhe einen Wohnblock im Plattenbauviertel Wohnkomplex V angriff und unter einschlägigen Parolen Brandsätze gegen die Fassaden und in die eingeworfenen Fenster schmiss.
Diese Bilder werden noch Generationen in den Köpfen der Menschen bleiben und vor allem, sie werden untrennbar mit dem Wohntyp Plattenbau und dem Modell der Neustädte, vor allem in den neuen Bundesländer verbunden sein.

Abb. Jovis Verlag
Was an diesen Bildern aber besonders auffällig wurde, eine Gesellschaftsutopie wendete sich in kürzester Zeit in ihr Gegenteil und die in ihr geschaffene Architektur, als materialisierte Gesellschaftsform gesehen, konnte diesen Prozess nicht kompensieren. Die Platte gilt seit her als architektonischer und das Plattenbauviertel als städtebaulicher Problemfall, der besser so schnell wie möglich beseitigt werden sollte. Darüber hinaus ist die Platte ein Symbol für das Scheitern einer Idee, einem Versprechen der Moderne, die in den schillernsten Farben ausgemalt hat, dass über Architektur eine gute Gesellschaft herstellbar sei.
Das Architektur es vermag Handlungen zu strukturieren und Verhaltensweisen zu steuern und kontrollieren weiß mittlerweile jeder, der sich mit dem gebauten Raum beschäftigt oder reflektiert städtische Räume nutzt. Die neue Komponente ist aber, dass die Bewohnerschaft von Plattenbaugebieten unter einem generellen Stigma zu leiden hat, das sich an dieser Wohnform entlädt. Die Bilder aus Hoyerswerda haben dazu beigetragen, die Bilder aus Rostock-Lichtenhagen ebenso. Wenn jemand Berlin-Marzahn sagt oder Greifswald-Ostseeviertel ist damit meistens nicht der Ort gemeint, sondern das, wofür dieser steht: Soziale Spannungen, hoher Hartz-4 Anteil, Überalterung, Schrumpfungsprozesse, Zukunftsangst, Verlierermentalität…
Veränderte Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Dynamiken hinterlassen Spuren, besonders da, wo Raum, hier besonders Wohnraum, sich nicht in die neue Zeit integrieren lassen will, und vermutlich auch nicht kann. So müssen die hoffnungsvollen Schilder und Hinweistafeln von z.B. „Lebensräume Hoyerswerda“ zynisch erscheinen, denn zwischen Rückbau, wie Abriss und großflächige Zerstörung von langfristig nicht mehr benötigtem Wohnraum positivistisch genannt wird und Möbeldiscountern, die sich einen besonders harten Preiskampf bieten, wird nichts mehr bunt, was nicht von Staats wegen bunt gemacht wird oder gemacht werden soll. Ein ganzer Stadtteil hängt hier derart am Tropf und vom Wohlwollen der Politik ab, dass selbst die Kinder schon Bagger malen, die ihre Häuser fressen.
„Stadtumbau Ost“ heißt das Zauberwort, mit dem diese Prozesse aufgehalten werden sollen und die düstere Zukunft von Städten mit gleicher Problemlage in einen Lebensraum mit gleichwertigen Lebensverhältnissen wie im Westen der Republik verwandeln soll; Ungeachtet der Tatsache, dass die Krise der Neustädte auch dort schon angekommen ist. Immerhin kann die Stadt Hoyerswerda aufgrund dieses Programms wieder Hoffnung schöpfen, denn nach allen Negativrekorden der letzten Jahre gilt sie wieder als Vorreiter für ein neues Modell und den danach gestalteten mittlerweile als erfolgreich deklarierten Umbau der einst schrumpfenden Stadt.
Leider kann der Bildband „Hoyerswerda – Die Schrumpfende Stadt“ von Stefan Boness an diesem Bild auch nichts ernsthaftes richten; Wer Katharsis erwartet muss hart im Nehmen sein. Die als Langzeitstudie angelegte fotografische Dokumentation lässt den Blick lakonisch um diese Themenfelder schweifen, begegnet dem Stadtkörper aber mit Neugier und Unbefangenheit. Boness ist nicht auf Effekthascherei aus oder den schnellen Moment, sondern nimmt was er vorfindet als Ausgangslage für seine Geschichte, die er in einem sehr sehr langsamen Tempo entspinnt. Ihm geht es nicht darum Anzeichen für dieses oder jenes, für Negativ- oder Positivrekorde zu finden, auch nicht darum, etwas zu konterkarrieren, sondern vielmehr darum den Rezipienten anzuhalten die Leere, das Ungewisse, die zaghaften Spuren der dort lebenden Menschen anzusehen und zu verstehen, was Architektur, Städtebau und veränderte Rahmenbedingungen mit den Menschen machen.
Obwohl nicht ganz wenige Menschen in den Blöcken zu Hause sind, sind auf den Fotografien kaum welche zu sehen. Spielplätze sind verweist, Plätze gähnend leer; die umgescheschmissenen Stadtmöbel und die abblätternden Fassaden sind das lebendigste Zeichen im ganzen Band. Durch diesen Trick jedoch zeigt Boness nicht ein oberflächliches Bild dieser Zustände oder geht den Kritikern auf den Leim, die behaupten es handle sich bei Hoyerswerda um eine verwaltete Leere, sondern zeigt die Potentiale und den Gestaltungswillen der Menschen durch eben deren Zeichen. Und hier spürt er eine Menge auf: „Hoywoy wird bunt“, „I love HY“ und „Holy Beach“ sind nur einige davon.
Selbst wenn im Unklaren bleibt, ob dieses Leben nur temporär in auf den Abriss, sorry, Rückbau wartenden Häusern existiert, oder ob das die hoffnungsvollen Pflänzchen der zukünftigen Wälder sind, bleibt zwar im Unklaren, doch sie sind da. Jetzt gilt es die Menschen dazu und deren Potentiale zu finden und zu bündeln, damit, so widersprüchlich Hoyerswerda und all die anderen Städte mit ähnlichen Problemlagen sind, aus den Bergen geschreddertem Beton wieder etwas erwachsen kann, das den Menschen zuversicht gibt und beim Bild auf Seite 78 ganz selbstverständlich an Einzug, nicht an Auszug denken lässt.
„Hoyerswerda – Die Schrumpfende Stadt“
Autor: Stefan Boness
Erschienen im Jovis Verlag
96 Seiten, mit 57 farbigen Abbildungen
Preis 28,00€; ISBN 978-3-86859-196-5
Das Buch ist gleichzeitig der Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, die am 20. September im Projektraum Alte Feuerwache, Marchlewskistr. 6, 10243 Berlin (nahe U5 Weberwiese) eröffnet und bis zum 2. November dort zu sehen sein wird. Weitere Informationen unter www.kulturamt-friedrichshain-kreuzberg.de




„Hoyerswerda – Die Schrumpfende Stadt“ – Ausstellung und Buchpräsentation in der Alten Feuerwache, Marchlewskistr. 6: http://t.co/9uzzLEof
Im Laufe der Jahre ist die Motivation gesunken als ein hier lebender Bürger ständig ein „anderes“ Bild von Hoyerswerda zu zeichnen. Aber die Einseitigkeit mancher Texte und Publikationen ist doch zu erschreckend, um nicht zu reagieren. Zum 100mal darauf hinzuweisen, das in Hoyerswerda keine Brandsätze geworfen wurden (diese sich eingebrannten Bilder stammen aus Rostock) ist eh unnütze Müh, stimmt ja der leidige Fakt, das hier ewig Gestrige ihren Frust und menschenverachtenden Hass an unschuldigen Bürger abließen. Auch das es jede Menge dieser zu sehenden Plätze zu fotografieren gibt, ist unstrittig. Und doch ist es nur die eine Seite. Vergessen wird die Frage nach den Ursachen der Schrumpfung, nämlich dem Wegbrechen einer Monoindustrie, die in diesem Gesellschaftssystem nicht nach sozialem Auffangen gefragt hat. Die Hoyerswerdaer reißen nicht freiwillig ihre selbst aufgebaute Stadt ab, sondern aus einer objektiven Notwendigkeit. Wenn über 50 Prozent der Einwohner notgedrungen ihrer neuen Arbeit hinterhergezogen sind, ist dies automatisch mit dem Aufgeben von Wohnungen, Kitas, Schulen und anderen Objekten verbunden. Diese Schrumpfung schreit geradezu nach einem Rückbau. Und zum Glück erfolgt dieser seit einigen Jahren auch planmäßig, sprich von außen nach innen. Das ist nicht immer durchzusetzen, das dauert seine Zeit und ist ein schwieriger Prozess. Diese Stadt ist dabei ein neues Gesicht zu bekommen und das ist auch längst zu sehen, wenn man es denn sehen will. Und es ist zu spüren im Leben dieser Stadt. Seit vielen Jahren gibt es unzählige Initiativen die sich positiv mit diesen Schrumpfungsprozessen auseinandersetzen und die den Menschen vor Ort dabei helfen wollen, ein neues Selbstverständnis und eine neue Zukunftsperspektive zu entwickeln. Dazu zählen auch zahlreiche Projekte des Vereines Kulturfabrik(www.kufa-hoyerswerda.de). „Die dritte Stadt“ oder „Auszeit -Nachdenken über H.“ waren einige der Letzten. Oder auch „sonntags“ ein Fotoprojekt, bei dem 34 Hobby-Fotografen ein Jahr lang jeden Sonntag ein Foto geschossen haben und dieses lebensfrohe Bild nun in einer gemeinsamen Ausstellung präsentieren werden. 1771 Fotos, die ein ganz anderes Bild von Hoyerswerda zeigen und die auch dazu anregen, sich mit Hoyerswerda auseinanderzusetzen. Aber nicht destruktiv, sondern lebensbejahend.
http://www.kufa-hoyerswerda.de/kunstprojekt-%E2%80%9Esonntags%E2%80%9C-arbeitstitel.html