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Rezension „Pioniere des Comics – Eine andere Avantgarde“ Hrsg.: Alexander Braun/Max Hollein

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Eine Rezension von Sebastian Strombach

URBANE COMICS

Es geschah irgendwann Mitte der 1980er in einen düsteren Hinterhofzimmer: Bei meinem ersten Berlinbesuch lag bei meinem Onkel eine Ausgabe von Little Nemo im Bücherregal. Ich weiss nicht mehr, ob mir der Comic damals gefiehl oder nicht, aber es muß doch KLICK gemacht haben: ich klein und verloren in dieser seltsamen Mauerstadt, und dann die Geschichte von einem Jungen, der mit einem Zeppelin zum Mars fliegt und dort Abenteuer in unendlichen Straßenschluchten erlebt.

Die Szenerie hat mich jedenfalls nicht mehr losgelassen, und dass mein Onkel in der Druckerei des Tagesspiegels in der Potsdamer Straße arbeitet, deute ich heute ebenfalls als ein Fingerzeig. Denn um die frühen Comics in den Zeitungen geht es in „Pioniere des Comics – Eine andere Avantgarde“, als Ausstellungskatalog (besser gesagt Ausstellungsbuch) im Hatje Verlag erschienen. Der Herausgeber und Kurator Alexander Braun beschreibt fast im Alleingang die frühe Avantgarde der Comickünstler von Winsor McCay über Lyonel Feininger, Charles Forbell, Cliff Sterrett, George Herriman und Frank King.

Comics erschienen erstmals ab 1895 in Nordamerikanischen Zeitungen aufgrund neuartiger Drucktechniken. Erstmals war es möglich Bilder (und zwar farbige Bilder!) in großer Auflage zu einem günstigen Preis in millionenfacher Auflage buchstäblich unters Volk zu bringen. Die Comicbeilagen waren dabei in den „Zeitungskriegen“ um Auflagenhöhe und Leser ein mehr als ausschlaggebendes Zugpferd, die Zeichner wurden vielfach voneinander abgeworben und verdienten sich eine goldene Nase.
Die bunten Zeichnungen waren damit das erste Bild-Massenmedium, noch vor dem Kino was damals noch nicht aus den Jahrmarktskontext herausgewachsen war.
Alexander Braun gelingt es mit einem exzellenten Layout die ausgestellten Comics, mit zeitgenössischen Fotos und Abbildung aus Kunst und Film, in einen Kontext zu bringen der vielfache Verflechtungen und Beeinflußungen aufzeigt. So wird Winsor McCays „Little Nemos“ Mars-Episode (1910), Fritz Langs „Metropolis“ (1927) bildnerisch gegenübergestellt: in beiden Medien verlieren sich die Protagonisten in unendlichen Straßenschluchten. Vor dem tiefen Abgrund von Hochhausstädten schweben bei McCay Zeppeline, bei Lang Flugmaschinen, dazwichen tobt der Kampf der unterdrückten Klasse.

Abb.: Mossehaus (Schützenstraße,/ Jerusalemer Straße) aus dem Comic-Projekt des Autors der Rezension. Hier wurde Lyonel Feininger gedruckt. In Weiss: Erich Mendelsohn

Abb.: Mossehaus (Schützenstraße,/ Jerusalemer Straße) aus dem Comic-Projekt des Autors der Rezension. Hier wurde Lyonel Feininger gedruckt. In Weiss: Erich Mendelsohn

Zwischen den Bildern liegen 17 Jahre Zeit, aber sind ihre analogen Motive ein Zufall? Vielleicht nicht, denn als Lang sich zu seiner berühmten Nordamerika-Reise 1924 einschifft, erscheint „Little Nemo“ ein letztes Mal in den Zeitungen New Yorks.
Gleichzeitig landete der Zeppelin LZ 126 spektakulär in New York und seine Mannschaft wird mit Konfetti-Paraden und Empfängen überall geehrt. Auf dem Dampfer hatte Lang just den Architekten Mendelsohn kennengelernt, der gerade das Mossehaus in Berlin futuristisch umgebaut hatte. Und hier schließt sich der Kreis: denn im Berliner Presseviertel um die Kochstraße herum hatte es nicht nur eine ähnliche Entwicklug wie in Nordamerika gegeben (Zeitungskriege, technische Inovationen, massenhafte Vervielfältigung von Bildern und Zeichnungen), sondern auch die Personen waren verstrickt. Kein anderer als Lyonel Feininger hatte als Illustrator und Charikaturist 15 Jahre für den Mosse-Verlag gearbeitet.
Die auflagenstärkste Zeitung Berlins war das im Mossehaus gedruckte „Berliner Tageblatt“, dessen illustrierte Beilage „Ulk“, mit so bekannten Namen wie Heinrich Zille, George Grosz und eben Lyonel Feininger innigst verbunden war. Leider entwickelte sich in Deutschland aus diesem Humus nicht der Comic, dennoch wurde 1906 Feininger mit einem fürstlichen Gehalt als Comiczeichner nach Nordamerika abgeworben.

Welche fruchtbare Zeit für Feininger der Comic war, das zeigt Braun wunderbar auf.  Das Feininger als Storyteller scheitert wird nicht verschwiegen, aber dass hier im Comic Feiningers Bildmotive und Sujets anfangen, mit denen er uns heute als Bauhaus-Maler so bekannt ist, wirft ein neues Licht auf seinen künstlerischen Werdegang. Der Verdienst Brauns ist es eben nicht die kurze Comic-Episode Feiningers als „hin zum seriösen Bauhaus-Maler“ zu beschreiben, sondern eigenständig zu werten. Das Mossehaus wurde, nach schweren Kriegszerstörungen, Anfang der 1990er wieder rekonstruiert.

 


 

„Pioniere des Comics – Eine andere Avantgarde“
Hrsg.: Alexander Braun/Max Hollein
Hatje Cantz Verlag 2016

Link zum Buch

Über den Autor:

Sebastian Strombach lebt und arbeitet in Berlin. Er studierte Architektur und Kunstgeschichte in Berlin und Gießen. Sein Interessensfeld ist die Stadterforschung in räumlicher, historischer und narrativer Sichtweise, als Tools arbeitet er mit experimentellen Gehen, Urban Gaming und Zeichnungen in Form von Webcomics, Anleitungen, Wimmelbildern und Comic-Alben. Momentan arbeitet er an seinen zweiten Comic-Album und macht erste Schritte in Richtung Graphic-Recording.
Als Mitglied von Sankt Urban Berlin arbeitete er an verschiedenen Projekten und Workshops in der Ukraine, Armenien und der Türkei.

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