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Rezension „Spaziergangswissenschaft in Praxis. Formate in Fortbewegung“ von Bertram Weisshaar

Seit einigen Jahren praktiziert der ausgebildete Fotograf und Landschaftsplaner Bertram Weisshaar in einem sehr spezialisierten wissenschaftlichen Bereich: der Spaziergangsforschung. Beeinflusst und inspiriert von der Lehre und den Theorien Lucius Burckhardts, über ästhetische Fragestellungen, vor allem im Zusammenhang mit gefestigten Landschaftsbildern und menschengerechter Gestaltung der urbanen Umwelt, übt er seither den eigenen kritischen Blick auf gegenwärtige Städte und analysiert diese innerhalb ausgiebiger Einzel- und Gruppenspaziergänge.

Cover "Spaziergangswissenschaft in Praxis. Formate in Fortbewegung" Bildrechte Jürgen Lüftner. Dank an Jovis Verlag

Cover „Spaziergangswissenschaft in Praxis. Formate in Fortbewegung“ Bildrechte Jürgen Lüftner. Dank an Jovis Verlag

Durch das vor-Ort-sein und die damit verbundene Gegenwärtigkeit des Körpers sowie Geistes, entstehen so Eindrücke vom durchschrittenen Raum, die Machtgefüge und deren bauliche Äußerung, planerische und nutzerbezogene Konflikte, räumliche Widersprüche und ästhetische Dimensionen von Stadt und Landschaft aufscheinen lassen. Durch das aufmerksame Gehen öffnen sich die Sinne ortskonkret und ermöglichen auf diese Weise vielfache Erkenntnisse, die weit über das bloße Sehen, oder schärfer formuliert, das Konsumieren des Raumes hinausgehen.

Jemand der oder die geht, versteht auch gleichermaßen und erfährt die Dimensionen und Intentionen des Raumes am eigenen Leib, wodurch Gehende nicht nur Konsumenten, sondern auch Produzenten von Raum und räumlichen Situationen und bisweilen durch eben diese Erkenntnisse subversiv sind, wie z.B. die Mitglieder der Situationistischen Internationalen, die sich über und durch das Gehen aktiv und sehr lautstark in Raumpolitik eingemischt haben.

Dieser Exkurs würde nun aber zu weit führen, denn Bertram Weisshaar ist alles andere, als ein lauter Zeitgenosse. Im Gegenteil, seine Spaziergänge und die im unlängst herausgekommenen Band „Spaziergangswissenschaft in Praxis. Formate in Fortbewegung“ dokumentierten Aktionen setzen auf einer ganz anderen Ebene an und sind, das würde ich jetzt mal behaupten, deshalb aber keineswegs wirkungsloser. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall, denn da, wo die Situationistische Internationale auf Konfrontation und Ausfälligkeit setzte, setzt Bertram Weisshaar auf Verständnis und Vermittlung. So sind die meisten seiner Aktionen und Spaziergänge Formate der Raumvermittlung und Wahrnehmungsschulung und dadurch in erster Linie Lehr- und Erkenntnisformate, die er zu unterschiedlichen Themen in unterschiedlichen Städten anbietet.

Das nun im Jovis Verlag erschienene Buch versammelt erstmals den gesamten Werkkatalog der ephemeren Kunstwerke, die innert der letzten 15 Jahren entstanden und durchgeführt worden sind und ergänzt diese mit Positionen weiterer aktueller SpaziergängerInnen, SpaziergangsforscherInnen, Flaneure und ProtagonistInnEn, die sich mit Stadt- und Landschaftsräumen auseinandersetzen, Planungsvorhaben kritisch begleiten oder urbane Räume durch eben „Formate in Fortbewegung“ erschließen und vermitteln. So kam eine bunte Sammlung an Positionen von u.a.: Maren Brauner, Andreas Denk, Irene Grillo, Kai-Olaf Hesse, Klaus Hoppe, Mark A. Hunter, Christoph Laimer, Marie-Anne Lerjen, Clare Qualmann, Elke Rauth, Tina Saum, Margit Schild, Martin Schmitz, Hannah Stippl, Andrea Thiele, Bertram Weisshaar, Kaspar Wimberley, Carl Zillich zusammen, die den Band auf unterschiedliche Weise bereichern.

Es währe allerdings verfehlt, wenn der Eindruck entstünde, dass „Spaziergangswissenschaft in Praxis“ ein rein rückwärtsgewandtes Werk sei, das ähnlich einem Kunstkatalog lediglich vergangenes dokumentiert. Meines Erachtens ist hier genau das Gegenteil der Fall: Weisshaar nutzt die Lehre Lucuis Burckhardts, die heute aktueller denn je scheint, als Ausgangspunkt seiner eigenen Forschung, die er mit seinen eigenen Aktionen anreichert und weiterdenkt. Beide dienen ihm anschließend wieder als Material, das den Ausgangspunkt für weitere Sichtweisen und Aktionen markiert. Es geht ihm mit dem Buch also nicht darum ein Bilderbuch zu produzieren, sondern die eigene Arbeit kritisch zu analysieren und aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Theorie und Praxis, eine Zukunft zu formulieren.

Hier sehe ich auch die Stärke des Buches, das nicht nur der anvisierten Zielgruppe der Ausstellungsmacher, Kuratoren, Fotografen, Künstlern, Planern und Kommunalverwaltungen praktische Hinweise zur Vermittlung von raumbezogenen Themen gibt, sondern auch alle anderen Inspiriert genauer hinzusehen und neues in bekanntem Terrain zu entdecken. Darüber hinaus schult es eine grundsätzlich kritische Haltung gegenüber räumlichen Praktiken und planerischen Setzungen und bietet vor allem durch die Interviews, die Weisshaar mit den geladenen SpaziergangsforscherInnen geführt hat, Einblicke in unterschiedliche Strategien, diese zu erforschen und zu offenbaren. In diesem Sinne ist die Arbeit Weisshaars am Ende vielleicht sogar subversiver als es die Aktionen der Situationistischen Internationalen je waren. Dies vor allem deshalb, da diese nicht als Werk dem Publikum gegenübersteht, sondern die RezipientInnEn aktiv einbezogen werden und sich somit selbst als Individuen mit Vorstellungen, Bedürfnissen und Kenntnissen in Situationen wiederfinden, in denen diese Bedürfnisse von planenden und gestaltenden Disziplinen grob missachtet wurden.

Auf diese spezielle, weisshaaresque Weise sind räumliche Erkenntnisse nicht einem elitären Zirkel vorbehalten, sondern werden eben diese RezipientInnEn zu MultiplikatorInnEn, die nicht nur selbst eine kritische Haltung erwerben und praktizieren, sondern diese ebenfalls weitergeben können. In diesem Sinne wünsche ich mir für das Buch, dass viele viele Exemplare vor allem in die Universitätsbibliotheken dieser Welt Eingang finden, um Studierenden der einschlägigen Studienfächer zur Verfügung zu stehen. Denn wer Verantwortung für gesellschaftliche Prozesse übernimmt, sollte Wissen, welche Macht damit verbunden ist und wie sich diese räumlich manifestiert. Dafür braucht es leibliche Erfahrung, die nur und ausschließlich gegenwärtig erschlossen werden kann.

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Spaziergangswissenschaft in Praxis. Formate in Fortbewegung

Herausgeber: Bertram Weisshaar
Hardcover, 288 Seiten mit ca. 175 farb. Abbildungen
ISBN 978-3-86859-242-9, Preis: 38.00€
Das Buch ist im Juli 2013 erschienen

Webseite des Verlags hier

Webseite des Herausgebers hier und hier

Inhaltsverzeichnis und Beispielseiten hier

Bertram Weisshaar wird das Buch anlässlich des ersten B_Tours Festival am kommenden Samstag, den 31. August ab 20:00 Uhr im Laidak (Boddinstraße) vorstellen. Alle weiteren Infos hier

Metadaten


3 Kommentare
  1. […] dieses Events hat Karsten Michael Drohsel für Urbanophil eine Rezension geschrieben, die unter diesem Link erreichbar ist. Alle weiteren Infos über die Veranstaltung […]

  2. […] sind hier abrufbar >> Zwei Rezensionen sind hier zu lesen: DBZ Deutsche Bauzeitschrift, Urbanophil Das Buch erschien im Juli 2013 bei Jovis Verlag, […]

  3. […] Eine weitere, sehr umfassende Rezension erschien auf dem Blog Urbanophil […]

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