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Rezension „Verbietet das Bauen! – Eine Streitschrift“ von Daniel Fuhrhop

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Eins ist sicher, mit seinem Buch „Verbietet das Bauen!“ wird sich Daniel Fuhrhop in manchen Kreisen keine Freunde machen. Denn, der Untertitel macht es deutlich, handelt es sich bei dem Buch um eine Streitschrift gegen die das Credo des Neubaus und somit gegen einen der größten Konjunkturmotoren dieses Landes. Von Neubau lebt eine ganze Politiker-, Planer-, Industrie-, Banken- und Handwerkerlobby, die sich sicher ist: Neues ist schön, Neues ist aufregend, Neues ist einfach und Altem in jeglicher Hinsicht vorzuziehen. Dies auch mit fraglichen Methoden, wie im Buch an vielen Stellen gut dokumentiert dargestellt wird.

Doch hingegen den von der Baulobby angeführten Gründen neu zu bauen ist Neues vor Allem teuer und macht an vielen Orten keinen Sinn (von den Auswirkungen auf Umwelt, soziale Gefüge und lokale Identität ganz zu schweigen). Neubau ist vielmehr, so scheint es zumindest, das Denkmal des kleinen Mannes (und gendergerecht – auch der kleinen Frau) und somit ein exklusives Vergnügen einiger, für das die Gesamtgesellschaft am Ende die Rechnung bezahlt.

Diese unbeliebten Aspekte des Neubaus thematisiert Fuhrhop schon seit geraumer Zeit auf seinem Blog, jedoch bislang noch nicht in gebündelter Form als Buch, das nun hiermit vorliegt. „Verbietet das Bauen“ ist ein Buch, das versiert unterfüttert und verständlich dargestellt nicht nur polemisiert, sondern gerade dadurch besticht, dass es die Leserschaft mit konstruktiven Alternativen zur allerorten um sich greifenden Neubautätigkeit vertraut macht oder konfrontiert – je nach Blickwinkel. Und dieser Blickwinkel, das wird bei der Lektüre schnell klar, entscheidet über die Rhetorik und die in der Diskussion aufkommenden Begriffe. Wo die einen z.B. über Umbau sprechen und im besten Fall Teilabriss meinen, sprechen die anderen von behutsamer Sanierung, die Architekten fordert, die das Gebäude verstehen und der Aufgabe mit Interesse, Geschichtsbewusstsein und Respekt begegnen.

Ein anderer Fall ist die Frage nach Effizienz oder Suffizienz. Beide Haltungen werden von der Neubaulobby häufig gegeneinander ausgespielt, müssen aber, wie Fuhrhop schildert, keinen Widerspruch darstellen. Im Gegenteil, kann der Suffizienz-Gedanke, intelligent eingesetzt, sogar viel effizienter sein, als wenn der Diskurs ausschließlich auf Effizienz abzielt und dabei übersehen wird, dass gut gemeint (z.B. beim Bau von Passivhäusern) nicht immer gut gemacht bedeuten muss. Dies vor allem dann, wenn Slogans zur Räson werden, die weder hinterfragt noch diskutiert werden.

Bei der Frage nach Neubau oder Sanierung geht es also in erster Linie um Haltung. Hierzu ruft Fuhrhop in seinem Buch auf, die grassierende Haltung gegenüber Neubau zu prüfen und anstatt dessen eine Haltung gegenüber dem Bestand und seinen Möglichkeiten zu entwickeln. An dieser Stelle erweist sich die Forderung nach einem Neubauverbot als durchaus legitim und kann selbst als Gedankenmodell schon einiges bewirken. Denn was passieren kann, wenn wir es schaffen eine solche Haltung zu entwickeln, zeigt Fuhrhop sehr plastisch an den im Buch enthaltenen Beispielen und den 50 Werkzeugen Neubau zu verhindern. Alleine dafür, meine ich, sollte ihm der Baunobelpreis verliehen werden.

Fazit: Da Bauen längst nicht mehr nur Experten und Eliten betrifft, sondern eine ständig sich vergrößernde gesamtgesellschaftliche Relevanz hat, sich zudem immer mehr Akteure in Bauprozesse einbringen wollen, ist es wichtig, dass Publikationen zum Bauen leicht und von einer breiten Gruppe verstanden werden können. Diesem Aspekt trägt das vorliegende Buch auf besondere Weise Rechnung. Nicht nur dass es durchgehend in einer gut verständlichen, einfachen (nicht simplen) Sprache verfasst ist, holen die plastischen Beispiele zu Beginn eines jeden neuen Kapitels die Rezipienten ab. Infokästen erklären, was im Text eine Rolle spielt, doch dort nicht umfassend thematisiert werden kann. Auf diese Weise schafft Fuhrhop eine Klammer zwischen den einzelnen Zielgruppen seines Buches und es muss sich niemand weder ausgegrenzt noch unterfordert fühlen.

Inhaltlich bringt das Buch auf den Punkt, was viele schon geahnt haben: Neubau rechnet sich nicht generell und macht nicht immer Sinn. Oft würde weniger Aktionismus und dafür mehr Denkarbeit mit Lust an der Aufgabe helfen, die lokal beste Lösung zu finden und den Bestand sinnvoll zu ergänzen, umzubauen, mit neuen Nutzungskonzepten zu versehen. Hier müssen alle Gewerke vom Städtebau (für den Fuhrhop ein herzzerreißendes Plädoyer hält) über die fördernde Politik, die Architektur, die finanzierenden Banken, bis hin zum ausführenden Handwerker verlässlich und mit Interesse an der besseren Lösung zusammenarbeiten. Neubau, denke ich, soll hierbei nicht gänzlich in Frage gestellt werden. Doch nach Lektüre des Buches wird es für die bedingungslos Neubau fordernde Fraktion schwer werden überzeugende Argumente gegen andere Lösungen und weitsichtige (Um-)Nutzungsideen zu liefern. Deshalb nochmal laut: Hört auf zu Bauen, fangt an zu Denken!

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Verbietet das Bauen! – Eine Streitschrift von Daniel Fuhrhop

192 Seiten, oekom Verlag München, 2015
ISBN-13: 978-3-86581-733-4
Erscheinungstermin: 24.08.2015
Preis: 17.95 €
Erhältlich auch als e-Book

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