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Rezension „Wir bauen Deutschland. 40 Entscheider der Stadtentwicklung im Portrait“

… oder die Antwort auf die Frage: Was ist Stadtplanung?

Worum geht es?

Durch Zufall bin ich auf das Buch „Wir bauen Deutschland“ aufmerksam geworden und spontan hat mein Herz einen Sprung gemacht: Dieses Buch portraitiert nicht nur 40 Persönlichkeiten aus Politik und Verwaltung, deren tägliches Arbeitsfeld die Stadt ist. Dieses Buch dokumentiert das aktuelle Verständnis und die gegenwärtigen Herausforderungen von Stadtentwicklung und Stadtplanung. Dieses Buch vermittelt anschaulich, persönlich, humoristisch und höchst informativ, was das Berufsfeld Stadtplanung heute ausmacht.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Bevor man sich in den Interviews mit den einzelnen Akteuren vertiefen kann, wird man zunächst durch die Aufsätze von Peter Conradi, Werner Durth und Peter Götz mit den wichtigsten Eckdaten und Informationen versorgt. Mit diesem Einstieg erhält insbesondere der interessierte Laie einen guten ersten Überblick über das Berufsfeld. Aber auch Studierte und Studierende stoßen in den Texten auf Stichworte, die Anstoßpunkte für eine neue Auseinandersetzung mit der eigenen Disziplin bieten.

Die drei Autoren skizzieren die Zukunftsfelder und die historische Entwicklung der Disziplin. Sie geben damit einen leicht verständlichen Einblick, warum und wie Stadtplanung in Deutschland bis heute diesen großen Stellenwert besitzt. Dabei wird immer wieder die Baukultur betont und ein wenig überstrapazieren. Eine abschließende Klärung, was genau Baukultur ist, findet sich in den Artikeln jedoch nicht. Hier den Baukulturbegriff so prominent zu platzieren, hätte nicht Not getan, denn die Qualität des Buches lebt von den authentischen Aussagen Einschätzungen der Portraitierten.

Im sich daran anschließenden Hauptteil gerät dies jedoch schnell in den Hintergrund, denn dort stehen in den als Interviews aufbereiteten Texten die Planer im Mittelpunkt. In alphabetischer Reihenfolge unternimmt man zudem eine Reise kreuz und quer durch Deutschland: Man erfährt, was die aktuellen Aufgaben, aber auch die Problemfelder sind. Selten wird schön gemalt. In der Regel findet sich in den einzelnen Antworten eine passende Einschätzung zum Status der Stadtentwicklung vor Ort.

Was fällt auf?

Die Fotos von Albrecht Fuchs machen das Buch zudem sehenswert. Sein aufmerksamer Blick für die Details im Büro und die authentische Inszenierung der Persönlichkeiten tragen erheblich zum Gelingen und zur Botschaft des Buches bei. Ohne die Texte gelesen zu haben, weiß man nach dem Betrachten der Bilder: Diese Menschen sind alles andere als träge, verstaubt, spießig oder von gestern. Sie

  • arbeiten viel (fast immer sehen wir volle Schreibtische),
  • haben Sinn für das Innovative (E-Bike im Büro)
  • und das Schöne (Der Münchner Olympiadackel, Hirsch und Hase im Jeff-Koos-Stil auf weißer Ausstellungssäule),
  • sind dabei trotzdem immer der Arbeit verbunden (Stadtpläne und Stadtmodell im direkten Sichtfeld),
  • aber irgendwie angenehm skurril (Riesen-Plüsch-Marienkäfer, Schild „I’m not bossy, I just have better ideas“).

Auf den Bildern begegnen wir Menschen, mit denen man gerne mal eine Kaffee auf den Stadtplatz trinken oder einen Spaziergang zum Hauptbahnhof macht.

Für wen ist das Buch?

Wir bauen Deutschland ist ein Lesebuch für den interessiert Laien und all diejenigen, die sich an Anfang, in der Mitte oder am Ende eines Stadt- und Raumplanungsstudiums befinden. Der realistische Blick der Portraitierten auf die aktuellen Herausforderungen, die Informationen zu ihren Lebensläufen sowie ihre Begeisterung und Motivation für den Beruf beantworten alle Fragen, die man sich in seinem Studium oder auch im Beruf irgendwann einmal stellt. Sie machen Mut und laden ein, sein eigenes Tun zu reflektieren. Deshalb kann man dieses Buch auch guten Gewissens all denen in die Hand geben, die auf den Satz „Ich studiere Stadt- und Regionalplanung.“ in der Regeln erwidern: Aha. „Ist das sowas wie Architektur?“

Und was bleibt nach der Lektüre?

Die Vielfalt, die Maßstäbe, die Verantwortung, die immer wieder neuen und nie aufhörenden Herausforderungen sind es, die Stadtplanung zu einem der vielfältigsten Berufsfelder machen, in dem man es 40 Jahre und mehr ohne Langeweile aushalten kann.

Für die interessierten Leser bleibt nach der Lektüre ein grundsätzliches Verständnis über ein in den Medien viel benanntes aber nur wenig beleuchtetes Feld. Das Buch füllt damit eine schon viel zu lange existierende Nische: Neben den vielen großformatigen Bilderbüchern über Architektur und ihre Macher gibt es nun auch endlich ein Buch, das dem genau genommen viel entscheidenderen Prozess vor dem Bauen – der Planung – ein Gesicht, eine Stimme gibt. Da es sich bei der Stadtentwicklung um ein stark prozessorientiertes Berufsfeld handelt, ist es folglich nur logisch, dass sich keinerlei Fotos von Gebäuden und Fassaden finden.

 

WIR BAUEN DEUTSCHLAND. 40 Entscheider der Stadtentwicklung im Portrait

Herausgegeben von Daniel Arnold. Fotografien von Albrecht Fuchs. Texte von Peter Conradi, Werner Durth, Peter Götz und Jeremy Gaines.
Hardcover mit Schutzumschlag, 272 Seiten, mit ca. 140 farb. Abbildungen
ISBN 978-3-86859-181-1 Euro 42.00  sFr 52.00
Jovis | MAI 2013 | Blick ins Buch
 

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2 Kommentare
  1. Ein schöner Einblick in das Buch – vielen Dank dafür!

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