urbanoReview: Archigram – The book.

by Christian Kloss | 17. Dezember 2018 22:42

Zeichung des Modells der Plug-In City

Plug-In City, Section, Max Pressure Area, Peter Cook, Archigram 1964

Just what is it, that makes Archigram still so appealing, dass Ende 2018 Archigram – The Book erscheint und zum ersten Mal die kurzen 14 Jahre Archigram in Gänze – vom ersten Flugblatt bis zur Auflösung der Gruppe – nachvollziehbar macht? Archigram bestand aus sechs Architekten, die vier noch lebenden Mitglieder haben an der Erstellung des Buches mitgewirkt. Alle wichtigen Entwürfe, Architekturprojekte, Masterpläne, Modelle, Ausstellungsarchitekturen und Aktionen, die legendären Magazine und Poster werden im Buch als Faksimile gezeigt und zuweilen durch Essays der Archigram-Mitglieder und Wissenschaftler kommentiert. Es vereint damit eine Innen- und eine Außensicht auf das Werk der Avantgardisten. Dieses Buch ist eine Retrospektive, sein Gegenstand historisch.

Die oft surreal anmutende Darstellung ihrer architekturtheoretischen und gestalterischen Ideen ist sicherlich ein Grund für die bis heute anhaltende Faszination für Archigram. Auf den großformatigen Seiten des Buches haben die Entwürfe viel Raum und können ihre Wirkung entfalten. Es sind Form und Farbigkeit ihrer Comics und Collagen, die jeden Blick anziehen und halten, auch jenseits der Tatsache, dass Pop aktuell (noch) Retro ist und Architektur eine große Rolle für zeitgenössische Comics spielt. Ein Farbrausch. Seite für Seite bunte Welten, surreal, detailliert und verspielt. Wimmelbilder. Collagen zum Ausklappen, eine Hochhauslandschaft erhebt sich, das Buch wird dreidimensional. Plug-in City, leuchtende Ballons am tiefblauem Himmel, laufende Megastrukturen, psychedelische Muster, aus Alltagsgegenständen zusammengesetzte Architekturmodelle, monochrome Farbflächen in Blau, Rot, Gelb, Rosa, Grün, runde Ecken auf schwarz-weißen Fotos der historischen europäischen Stadt.

Die Mischung aus historistischem Fotorealismus und der bewusst zweidimensionalen Medien- und Bilderhuldigung gibt die Spannung. Das Miteinander von der Stadt um 1900, den 1920er und den 1960er Jahren besticht. Bionische Riesen-Architekturen wie die Walking City-Käfer regen ein Schmunzeln an. Die raffinierte und suggestive Mischung aus Pop-Art, Comic und Fotomontage entwirft positive Bilder einer Zukunft, in denen Flower Power und Technik den Weltraum erobern und zugleich die Stadt wieder beleben. Die Helden der Collagen: Marie aus Fritz Langs Metropolis, Superman, Raumfahrer und das passende weibliche Disco-Pop Äquivalent, Coca Cola und Bananen. Barbie, Cliff Richard. Reizvoll sind Archigram auch heute noch, weil immer wieder die Frage aufgeworfen wird, wieviel Ernst und wieviel Ironie in diesem durch und durch britischen Humor steckt, der auf vielen der 300 Seiten des Buches durchblitzt.

Collage Surface of Dome

Features Monte Carlo, Surface of Dome, Peter Cook, Dennis Crompton, Ron Herron, Archigram 1969

Doch letztlich sind es die Themen, die Archigram aufrufen, die wenig an Aktualität verloren haben, vielmehr sogar gewonnen haben. Living City, City Interchange, technische Innovation im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Fragestellungen – was macht eine Stadt lebendig? Stadtutopien als lustvolle Visionen, nicht als dystopische Szenarien für die Zukunft. Archigrams Ideen huldigen die Stadt, entwickeln sie weiter, ihre Strukturen docken an der bestehenden Stadt an, werden darüber gebaut, sind in Bewegung und können von den Nutzern weiterentwickelt werden.

Archigram teilen der Idee des allwissenden Architekten, dem Stadtplaner als gutmeinenden Vormund, der klaren, funktional determinierten, egalitären, normierten, diktatorischen Geste der Moderne eine klare Absage. Vielleicht ist Archigram heute so attraktiv und aktuell, weil sie, wie sie es selbst formulierten, Stadt als einen Organismus verstehen „… our belief in the city as a unique organism underlies the whole project.“

Archigram – The book
Cover "Archigram - The Book"

Cover „Archigram – The Book“

Herausgegeben und mit Texten von Warren Chalk, Peter Cook, Dennis Crompton, Ron Herron, David Greene und Michael Webb. Beiträge von Reyner Bahnham, Martin Pawley und Michael Sorkin. Mitherausgegeben von Circa Press Ltd, London.

1. Auflage, 2018
Gebunden, Großformat (34.5 x 27 cm)
300 Seiten, 396 farbige und 216 sw Abbildungen
125 Euro
weitere Informationen: www.park-books.com

Rezension von Verena Pfeiffer-Kloss und Christian Kloss

Source URL: http://www.urbanophil.net/urbanophil/urbanoreview/urbanoreview-archigram-the-book/