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Rezension: Vergessene Schulen. Architekturlehre zwischen Reform und Revolte um 1968

Titelseite des Buches Vergessene Schulen

Titel Vergessene Schulen

Die Auslöser, Nach- und Auswirkungen der Proteste und Bewegungen rund um das Jahr 1968 werden derzeit – 50 Jahre danach – vielfach diskutiert. Einen fokussierten Blick auf die Anfänge dieser Umbruchzeit lenkt das Buch „Vergessene Schulen. Architekturlehre zwischen Reform und Revolte um 1968“, das 2017 erschien, herausgegeben von Nina Gribat, Philipp Misselwitz und Matthias Görlich.

Im Mittelpunkt des Buches stehen Zeitzeug*innen der Proteste an Architekturfakultäten. Aus Gesprächen mit ihnen, darunter Harald Bodenschatz, Klaus Brake, Franziska Eichstädt-Bohlig, Helga Fassbinder und Dieter Frick, entsteht ein Panorama der studentischen Reform- und Protestbewegungen an Architekturfakultäten in Deutschland um 1968. Dargestellte Schwerpunkte sind die TU Berlin und die Universität Stuttgart.

Die nach Themen zusammengefassten Statements der Protagonist*innen werden ergänzt durch umfangreiche Illustrationen, zum Teil aus Privatsammlungen der Zeitzeug*innen. Flugblätter, Briefe, Fotos, Manifeste oder Ausschnitte aus den ersten Arch+-Ausgaben bilden zusammen mit den Erinnerungen der Zeitzeug*innen Haltung, Anspruch und Vielseitigkeit der Protestbewegung ab. Die Entwicklungslinien werden zudem in einem detailreichen Zeitstrahl der Entwicklungen von 1965 bis 1975 nachgezeichnet. Es entsteht so ein lebhaftes Bild von Reform und Revolte an Architekturfakultäten – Gemeinsamkeiten, Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten, Widersprüche und Parallelentwicklungen werden deutlich.

In acht Beiträgen werden zudem Querverbindungen zwischen Einzelbefunden, Akteuren und Themen, zwischen damals und heute aus aktueller Perspektive herausgearbeitet. Damit spannt das Buch einen erkenntnisreichen Bogen von persönlich gefärbten Erinnerungsstücken aus der Zeit um 1968 bis hin zu einer vertieften Auseinandersetzung mit Einzelaspekten, wie Planungsmethodik, selbstorganisiertem und politischem Lernen und Lehren in der Architektur an der TU Berlin oder die Rolle von kleinen Zeitschriften im Kontext der Studienreform in der Architektur.

Die Stimmen der Zeitzeug*innen verdeutlichen eindrucksvoll, wie sehr die Proteste das Selbstverständnis der Architekt*innen herausforderte. Der Zusammenhang zwischen Architektur, Planung und Gesellschaft stand dabei für viele der zitierten Protagonist*innen im Mittelpunkt. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unterschiedlicher Professionen bei Fragen der Stadtentwicklung wurde gefordert. Lehre und Praxis wurden kritisch hinterfragt und verlangt, sie stärker als bislang zu verzahnen. Experimente gab es auch mit Formaten des forschenden, selbstorganisierten und kritischen Lernens, die heute regulärer Teil des Studium der Architektur und Raum-/Stadtplanung sind. Lesenswert ist auch, welche Bedeutung die Forderung nach einem neuen Verständnis von Bürgerbeteiligung und Partizipation innerhalb der Proteste hatte. Neue Ansätze der Stadtteilarbeit wurden entwickelt und direkt erprobt, so zum Beispiel in Berlin-Kreuzberg. In einem leer stehenden Ladenlokal eröffneten Studierende ein Vor-Ort-Büro, in dem Beteiligungsveranstaltungen stattfanden und sich Anwohner*innen über die geplante Kahlschlagsanierung informieren konnten. In Zusammenarbeit mit ihnen entstanden Ansätze, um die Altbausubstanz zu erneuern – Grundlagen für die „Behutsame Stadterneuerung“ und heute bewährte Aspekte der Quartiersentwicklung.

Zahlen, über die man nachdenken sollte – auch heute noch. Beispielseite aus Vergessene Schulen

Nicht zu Letzt bildet das Buch auch einen Teil der Entwicklungsgeschichte der Planungsprofession ab, denn in den Protesten rund um 1968 liegen die Wurzeln der eigenständigen Profession Raum-/Stadt- und Regionalplanung. So wurde zum Beispiel 1974 als Ergebnis der Reformbemühungen in der Architekturfakultät der TU Berlin das Institut für Stadt- und Regionalplanung (ISR) an der TU Berlin gegründet, dessen Profil ein Projektstudium, ein interdisziplinärer Ansatz und die kritische Auseinandersetzung mit sozialen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen der Stadt- und Regionalentwicklung maßgeblich prägt.

„Vergessene Schulen“ ermöglicht einen fachspezifischen Zugang auf die Zeit um 1968 und liefert Material und Anregungen für weitergehende Forschungen. In den Äußerungen der Zeitzeug*innen und ihrer Selbsteinschätzung zu den bis heute wirksamen Ergebnissen der damaligen Bewegungen wird die gesellschaftspolitische Dimension der Proteste an Architekturfakultäten besonders deutlich und klingt nach. Das Buch ist Aufforderung für heutige Architekt*innen und Planer*innen, sich fortlaufend selbstkritisch zu hinterfragen, wie sie auf die drängenden Fragen der Zeit reagieren, Lehre und Praxis weiterentwickeln, sich in Diskurse einbringen und ihre gesellschaftspolitische Verantwortung wahrnehmen.

Eckdaten:
Vergessene Schulen. Architekturlehre zwischen Reform und Revolte um 1968.
Herausgegen von Nina Gribat, Philipp Misselwitz und Matthias Görlich. Spector Books, 2017.

Bildquellen

  • vergessene_schulen_02: Spector Books
  • vergessene_schulen_4: Spectos Books

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